Flüchtlingskrise als gemeinsame Herausforderung

Anzeige

Weiden. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds ruft mit seinem „Thema des Jahres 2016“ zum gemeinsamen Dialog und Engagement von Tschechen und Deutschen für eine offene Gesellschaft und gegen Fremdenhass auf.

Die jüngsten Migrationswellen stellen Europa vor neue, komplexere Herausforderungen. Bei vielen Menschen macht sich Verunsicherung breit, xenophobe Stimmungen haben Konjunktur. Lösungen allein auf politischer Ebene reichen nicht aus.  Eine starke, verantwortungsbewusste Zivilgesellschaft erscheint mehr denn je unentbehrlich.

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds stellt daher sein „Thema des Jahres 2016“ unter das Motto: „Aktives Bürgersein vor neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“. Besondere Förderung erhalten im kommenden Jahr Projekte, bei denen Bürger beider Länder gemeinsam gegen fremdenfeindliche Stimmung und für eine offene Gesellschaft eintreten. Der beim Zukunftsfonds beantragte Zuschuss darf beim Thema des Jahres anstelle der sonst üblichen 50 Prozent einen Anteil von bis zu 70 Prozent der Projektgesamtkosten ausmachen.

Seggewiß Deustch Tschechische

Gesamtes Podium (von links nach rechts: Herr ŘezáÄ, Herr Fischer, Herr Jelínek, Herr Seggewiß und Herr Kraft)

Viele fühlen sich nicht ausreichend informiert

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion stellten Vertreter des Zukunftsfonds das Thema vor.

Es ist an jedem Einzelnen von uns, aktiv zu werden,

so Tomáš Jelínek, Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. „In einer Situation, in der die unterschiedliche Haltung unserer beiden Länder in der Migrationskrise viel gegenseitiges Unverständnis hervorruft, ist der persönliche Austausch zwischen tschechischen und deutschen Bürgern umso mehr gefragt.“

An einem intensiveren Dialog über die Flüchtlingsproblematik bestehe in der tschechischen Gesellschaft durchaus Bedarf, erklärte Pavel Fischer, Direktor des Instituts STEM, mit Blick auf eine aktuelle Meinungsumfrage für den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. „Zwar äußern 80 Prozent der Befragten Unverständnis über die deutsche Flüchtlingspolitik; gleichzeitig fühlen sich aber fast 60 Prozent nicht ausreichend informiert und würden sich mehr Einblicke in die deutsche Situation wünschen.“

Weiden als positives Beispiel

Als Inspiration könnte tschechischen Gemeinden etwa das oberpfälzische Weiden dienen. Die wohlwollende Haltung der dortigen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen sei nicht zuletzt auf die langjährige positive Erfahrung seiner Stadt mit Einwanderern zurückzuführen, berichtet der Weidener Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. „Die rund 4.000 Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion sind heute ein bedeutender Teil unserer Stadtgesellschaft.“ Für die erfolgreiche Integration weiterer Flüchtlinge, so Seggewiß, sei es ausschlaggebend, auch die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen.

Wir veranstalten regelmäßig Bürgerversammlungen zu diesem Thema und stehen so in einem konstruktiven Dialog mit den Weidenern.

Nicht überall in Deutschland ist die Bevölkerung Zuwanderern gegenüber so aufgeschlossen wie in Weiden. Fast täglich kam es in den vergangenen Monaten zu Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Auch in Tschechien fürchten laut der STEM-Umfrage für den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds zwei Drittel der Befragten eine Radikalisierung der öffentlichen Meinung und den Aufstieg nationalistischer Parteien.

Seggewiß Deustch Tschechische

Herr Seggewiß mit Herrn Jelínek (links, Geschäftsführer Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds) und Herrn Kraft (rechts, Leiter Stabsstelle Kommunikation, Bundeszentrale für politische Bildung)

Kinder richtig informieren

Ein wichtiges Instrument zur Prävention sieht der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds in politischer und interkultureller Bildung. „Wenn Kinder bereits früh mit unterschiedlichen Sichtweisen konfrontiert werden, sind sie besser gewappnet gegen populistische Losungen“, so die Erfahrung von Daniel Kraft von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Die bpb unterstützt im Auftrag des deutschen Staates deutschlandweit politische Bildung, unter anderem durch Print- und Online-Angebote, die Förderung von Projekten – in 2016 schwerpunktmäßig zum Thema Flucht und Asyl – sowie die Herausgabe von Unterrichtsmaterialien.

In Tschechien hingegen hängt es bislang in erster Linie von der persönlichen Initiative engagierter Lehrer ab, ob die Kinder im Unterricht eine Orientierungshilfe im aktuellen politischen Geschehen bekommen. Der Lehrerverband Bürgerkunde und Sozialwissenschaften macht sich seit Jahren dafür stark.

 

Mehr Austausch mit Deutschen Klassen

„Gesellschaftspolitische Bildung sollte an den Schulen mehr Raum bekommen. Auch in der täglichen Praxis. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel der persönliche Kontakt zu zwei syrischen Schülern an unserem Gymnasium bei den Kindern eine viel verständnisvollere Haltung für die Situation von Flüchtlingen hervorgerufen hat“, sagt Michael ŘezáÄ, Leiter des Verbandes und Gemeinschaftskundelehrer am Gymnasium Sázavska. ŘezáÄ würde sich daher für die Zukunft neben mehr aktuellen Unterrichtsmaterialien auch einen Austausch mit deutschen Schulklassen wünschen, in denen viele Schüler mit Migrationshintergrund lernen.

Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds unterstützt im Rahmen seines „Themas des Jahres 2016“ insbesondere auch grenzüberschreitende Initiativen der politischen Bildung mit Fokus auf Migration und Integration, Religion und Gesellschaft bzw. Europa und europäische Integration.

Schlagworte:

Ein Kommentar

  1. Im Moment kann man zu diesem Thema noch gar nichts Ausschlaggebendes sagen. Meine Meinung ist, daß wir erst in ein oder zwei Jahren abschätzen können, was auf uns zukommt an Kosten und Anderem, wie die Integration Fortschritte macht, wie die Arbeitsplatzsituation wird. Nach Forderungen, die Löhne der Einwanderer zu subventionieren, könnte da ein gewaltiges Problem entstehen gerade für Geringverdiener. Und vor allem sollten unsere Politiker endlich mal das Hirn einschalten und nicht jeden Kritiker als Pack bezeichnen. Denn je mehr das Volk beschimpft wird, um so mehr werden die Volksparteien unbeliebt. Und Tschechien, die so gut wie keine Einwanderer aufnehmen, sind evtl. bei diesem Thema kein Vorzeigepartner. Aber wie gesagt, das ist nur meine bescheidene Meinung.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>