Güterzüge im 8-Minuten-Takt

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Thomas Kraus ist Gründungsmitglied des Forums Bahnlärm Güterkorridor Naabtal 21, das sich seit vier Jahren für effektive Lärmschutzmaßnahmen einsetzt.

Thomas Kraus ist Gründungsmitglied des Forums Bahnlärm Güterkorridor Naabtal 21, das sich seit vier Jahren für effektive Lärmschutzmaßnahmen einsetzt.

Altenstadt/WN. Windkraftanlagen, die nach Meinung mancher Kritiker die Landschaft „verspargeln“ oder Mega-Stromtrassen, die sich durch die Oberpfälzer Landschaft ziehen könnten, sind Dauerbrenner in den Medien. Fast ein wenig in den Hintergrund geraten ist dabei der Ausbau der Bahnstrecke Hof-Regensburg zu einem Hochleistungsgüterzugkorridor. Das „Forum Bahnlärm Güterkorridor Naabtal 21“ ist seit vier Jahren aktiv. OberpfalzEcho hat mit Thomas Kraus, einem Gründungsmitglied, gesprochen.

OberpfalzEcho: Was für eine Art von Zusammenschluss ist das Forum Bahnlärm Güterkorridor Naabtal 21?

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Thomas Kraus: Wir sind keine Bürgerinitiative, sondern ein Forum aus Bürgern und Kommunalpolitikern. Wir sehen uns als überparteiliches Netzwerk von Kommunen, Anwohnern und Verbänden. Wir sind nicht gegen die Elektrifizierung, aber gegen einen Hochleistungsgüterzugkorridor ohne wirksamen Lärm- und Erschütterungsschutz.

OberpfalzEcho: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass ein Hochleistungsgüterzugkorridor durch das Naabtal gebaut werden soll?

Kraus: 2009 gab es die ersten Planungen der DB Netz AG, dem Betreiber des Schienennetzes. 2011 hat die EU-Kommission den Hochleistungsgüterkorridor Ost in das europäische Kernnetz TEN-V Güterverkehr aufgenommen. Dieses EU-Programm verfolgt eine effiziente Schienenverbindung zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer. Bisher fahren die meisten Güterzüge durch das Rheintal. Dieser Korridor ist aber bereits stark überlastet.

Investition lohnt sich

OberpfalzEcho: Welche Vorteile hat die Strecke für den Schienennetzbetreiber?

Kraus: Der Ausbau wäre mit relativ niedrigen Investitionskosten von rund 413 Millionen Euro durchführbar. Für die Investoren bedeutet das eine außergewöhnlich gute Wirtschaftlichkeit. Außerdem ist die Strecke nur sehr gering durch Personenverkehr ausgelastet und somit optimal für Güterverkehr geeignet.

OberpfalzEcho: Was würde sich ändern? Wie viel Güterzüge würden die Strecke nutzen?

Kraus: Im Schlussbericht der gesamtwirtschaftlichen Untersuchung der DB Netz AG wird von einer Gesamtanzahl von 80 Güterzügen pro Tag ausgegangen. Dies ist eine Verzwölffachung zu den bisherigen Güterzugbewegungen und bedeutet durchschnittlich alle 18 Minuten ein Güterzug, auch nachts. Weitere Steigerungen der Güterzugbewegungen auf dieser Strecke sind auf bis zu alle 8 Minuten ein Güterzug möglich.

Vor allem nachts unterwegs

OberpfalzEcho: Wie unterscheiden sich Güterzüge von Personenzügen?

Kraus: Güterzüge sind von Haus aus deutlich lauter. Während ein Personenzug rund 70 Dezibel Lärm verursacht, sind es bei Güterzügen bis über 100 Dezibel. Dabei muss man wissen, dass 10 Dezibel mehr für das menschliche Gehör eine Verdoppelung der Lärmbelastung darstellt. Außerdem sind Güterzüge bis zu 15-mal so lang wie Personenzüge und deutlich schwerer. Daher sind auch die Erschütterungen noch bis zu 100 Meter neben den Gleisen zu spüren. Güterzüge werden vor allem in den Nachtstunden zwischen 24 und 5 Uhr fahren, wenn sich kein Personenverkehr auf der Strecke befindet.

OberpfalzEcho: Welche Auswirkungen hätte der Hochleistungsgüterzugkorridor für die Bewohner des Naabtals zur Folge? Auf was müssen sich die betroffenen Kommunen entlang der Bahnstrecke einstellen?

Kraus: Die Kommunen werden einen deutlichen Attraktivitätsverlust als Wohnort erleiden. Einkommensstarke Bewohner, die es sich also leisten können, werden in ruhigere Orte ziehen. Die Anwohner müssen mit gesundheitlichen Folgen durch den Lärm rechnen. Die Erschütterungen können zu Schäden an gleisnahen Gebäuden führen. Immobilien und Grundstücke werden Wertverluste von bis zu 50 Prozent haben. Auch die Tourismusbranche wird leiden.

Anspruch auf Lärmschutz?

OberpfalzEcho: Gibt es einen rechtlichen Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen?

Kraus: Grundsätzlich gibt es einen solchen Anspruch nur, wenn zusätzliche Gleise gebaut werden oder eine wesentliche bauliche Änderung an einer Bestandsstrecke vorliegt. Dann besteht ein rechtlicher Anspruch auf Lärmvorsorgemaßnahmen. Ist beides nicht der Fall, besteht nur die Möglichkeit der Lärmsanierung. Lärmsanierungsmaßnahmen sind rein freiwillig – ein rechtlicher Anspruch besteht nicht – und mit langen Wartezeiten verbunden. Die aktuellen Wartezeiten betragen derzeit 20-25 Jahre und die Lärmgrenzwerte sind doppelt so hoch wie bei der Lärmvorsorge.

OberpfalzEcho: Was will das Forum Bahnlärm erreichen? Wie lauten Ihre Forderungen?

Kraus: Das Forum Bahnlärm fordert, dass der Ausbau des Güterzugkorridors Ost zukunftstauglich, menschenverträglich und umweltgerecht umgesetzt wird. Noch vor dem Planfeststellungsverfahren müssen alle betroffenen Bürger und Kommunen frühzeitig beteiligt werden. Eine Öffentlichkeitsbeteiligung könnte z.B. in Form eines Projektbeirats mit Vertretern der Deutschen Bahn, aus Politik und der betroffenen Bürger stattfinden. Alle Abgeordneten und Bürgermeister müssen sich parteiübergreifend für die Zusage eines hocheffektiven Lärm- und Erschütterungsschutzes an der Bestandsstrecke einsetzen.

OberpfalzEcho: Sind Lärmschutzmaßnahmen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten für die Netzbetreiber überhaupt umsetzbar?

Kraus: Das hervorragende Nutzen-Kosten-Verhältnis würde ein europäisches Vorzeigeobjekt ermöglichen, das zugleich wirtschaftlich und menschenverträglich ist. Würden zu den Investitionskosten von 413 Millionen Euro zum Beispiel 200 Millionen Euro zusätzlich für Schutzmaßnahmen ausgegeben, wäre das Projekt noch immer wirtschaftlich. Man muss es nur politisch wollen.

An Öffentlichkeitsbeteiligung teilnehmen

OberpfalzEcho: Was sind Ihre nächsten Schritte?

Kraus: Wir werden weiterhin aufklären, auf die Problematik aufmerksam machen und über neue Entwicklungen informieren. Wichtig ist, dass sich die Bürger zu Wort melden und selbst aktiv werden. Momentan läuft noch bis 30. Juni die bundesweite Öffentlichkeitsbeteiligung im Rahmen der Lärmaktionsplanung an den Haupteisenbahnstrecken des Bundes. Im Juli 2015 wird sich das Forum Bahnlärm mit Vertretern der Deutschen Bahn treffen, um gemeinsam die Möglichkeiten einer frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung abzustimmen. Details zu allen Themen findet man auf unserer Homepage.

OberpfalzEcho: Herr Kraus, herzlichen Dank für das Interview!

 

Ein Kommentar

  1. Der LKW wird zu teuer also alles auf die Schiene

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