Wie kommt die Farbe ins Glas?

Die Glashütte Lamberts produziert Glas in mehr als 5000 Farben und Strukturen und ist damit Weltmarktführer

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Waldsassen. Glas ist nicht gleich Glas. Jedes Glas ist ein Unikat, ein unvergleichliches Zeugnis großer Handwerkskunst. Bei Lamberts in Waldsassen kann man sich davon überzeugen. Die Glaskunst „Made in Waldsassen“ ist im Kurzentrum Weißenstadt ebenso zu finden wie im Flughafen in Washington, im Kölner Dom oder in der St. Fintans Church im irischen Raheen. In der Glashütte Lamberts fertigen Glasbläser farbiges, mundgeblasenes Flachglas – fast genauso wie vor Jahrhunderten.

Von Udo Fürst

Der Chef: Hans-Reiner Meindl hat die Glasfabrik 2009 gekauft, als sie am Boden lag. Für ihn war es „die Chance seines Lebens“. Foto: Lamberts

Der Chef: Hans-Reiner Meindl hat die Glasfabrik 2009 gekauft, als sie am Boden lag. Für ihn war es „die Chance seines Lebens“. Foto: Lamberts

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Lamberts ist Weltmarktführer, produziert Glas in mehr als 5000 Farben und Strukturen und exportiert es in alle Herren Länder. Außer den Waldsassenern können so etwas auf dem Globus nur noch drei andere Glasfabriken. Dabei lag Lamberts noch vor zehn Jahren fast am Boden, produzierte nicht mehr. 2009 kam Hans Reiner Meindl, früher in verantwortlicher Position bei Südzucker und Heinz-Ketchup. Der gebürtige Regensburger kaufte die Glashütte von Stefan Lamberts. Aus drei Gründen, wie er sagt:

Ich wusste um die Bedeutung der Firma, ich wollte mich selbstständig machen und ich glaubte, dass dies die Chance meines Lebens war.

In den ersten zwei Jahren sei es ein harter Kampf gewesen. „Die Glasindustrie hat sich damals dramatisch verändert. Wir mussten einen 20-prozentigen Auftragsrückgang hinnehmen.“ Seit 2014 gehe es langsam aufwärts. „Um zu überleben, müssen wir aber jeden Monat 3000 Quadratmeter Glas verkaufen. Das ist eine Menge.“

In der Ofenhalle, einem mehrfach preisgekrönten Kuppelbau, arbeiten die Glasmacher bei Temperarturen bis weit über 50 Grad. Foto: Lamberts

In der Ofenhalle, einem mehrfach preisgekrönten Kuppelbau, arbeiten die Glasmacher bei Temperarturen bis weit über 50 Grad. Foto: Lamberts

Wie mit der Sonne gemalt

Der Unterschied zwischen geblasenem Flachglas von Lamberts und Maschinenglas: Letzteres ist stumpf beziehungsweise spiegelglatt. Dagegen erscheint mundgeblasenes Glas natürlich-organisch. Mit Streifen, kleinen Bläschen und Kratern. Bevorzugt wird es für Museen, Kirchen und andere historische Bauten verwendet. Meindl schwärmt: „Der Mensch kann sich dem Zauber des farbigen Glases nicht entziehen. Es ist das Funkeln und das Spiel mit der Sonne, wenn sich die Farben der Glasfenster am Boden spiegeln. Kein anderes Material kann Licht so sammeln und transformieren, wie die farbige mundgeblasene Glasscheibe. Jan Thorn Prikker, der niederländische Glaskünstler, hat einmal gesagt: ‚Mit farbigem Glas zu arbeiten, ist, wie mit der Sonne selbst zu malen.’“

„Geblasenes Glas hat seine Bedeutung vor allem im künstlerischen Kontext“, erklärt Prokurist Robert Christ, der schon seit über 30 Jahren bei Lamberts arbeitet. Flachgläser werden oft weiterverarbeitet, etwa in der Form traditioneller Bleiverglasung. Üblich ist das bei Butzenscheiben, in Kombination mit Sicherheitsglas, geätzt, sandgestrahlt, verspiegelt, bemalt, beklebt… Oder kombiniert mit Isolierglas. „Traditionelle Erscheinung und moderne Richtlinien lassen sich ohne Weiteres vereinen“, weiß Christ. Unterdessen erklärt Personalleiter Helmut Horcher bei einer seiner letzten Führungen – er ist inzwischen im Ruhestand – wie das Glas farbig wird: „Dem flüssigen Glas werden Eisen, Nickel, Kupfer, andere Metalle sowie Gold oder Silber einer bestimmten Dosis beigegeben. Sie sind somit für die Färbung verantwortlich.“

Glasmacher sind Künstler mit mächtig viel Kondition, Kraft und Geschick. Foto: Udo Fürst

Glasmacher sind Künstler mit mächtig viel Kondition, Kraft und Geschick. Foto: Udo Fürst

1400 Grad vor den Öfen

Es ist brütend heiß im „Denkmal“ Ofenhalle, einem über 100 Jahre alten Kuppelbau, der schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Auch wenn das Außenthermometer nur knapp 20 Grad anzeigt – in der Halle kommen locker noch einmal 25, 30 Grad dazu. „Im Sommer ist es schon teilweise brutal. Oft nicht auszuhalten“, erzählt Tobias Macht, einer der Jüngsten im Betrieb. Der 25-Jährige gelernte Schreiner ist seit drei Jahren in der Glashütte. Ein halbes Jahr wurde er angelernt, seither ist er als „Anfänger“ Teil einer von vier Mannschaften, zu der außerdem der Einträger und der Glasmachermeister gehören. In den Öfen, an denen jeweils vier Mannschaften arbeiten, herrschen Temperaturen von bis zu 1400 Grad. Der Anfänger bringt durch Drehen der Glasmacherpfeife das flüssige Glas an die Pfeife. Wiederholt geht er in den Hafen, bis er die nötige Glasmenge hat. Dann dreht er das Glas, bläst es und bringt es so in die richtige Form.

Die Arbeit macht Spaß, trotz der Hitze,

sagt Macht. Dann bläst er den Glasposten in einer Holzform bis zur Kugelgröße auf und übergibt die Glasmacherpfeife dem Meister. Der bläst mächtig die Backen auf und bringt die Glaskugel in die endgültige Größe. Geübt dreht er den Ballon im Hobel, verleiht ihm Form und Struktur. Das erfordert Können, Erfahrung, Kraft und viel Gefühl. „Nur so kommt die unverwechselbare Eigenart von mundgeblasenem Flachglas zustande“, erklärt Personalleiter Helmut Horcher. Später wird aus dem Ballon ein Zylinder, der aufgeschnitten, wieder erhitzt, aufgeklappt, gestreckt und mit einem Holzstück geglättet wird. Fertig ist die Glastafel, die dann noch gekühlt wird, um ihr die Spannung zu nehmen.

Glasmacher sind Künstler mit mächtig viel Kondition, Kraft und Geschick. Foto: Udo Fürst

Foto: Udo Fürst

Anstrengend, abwechslungsreich, einzigartig.

Tobias Macht will nicht immer Anfänger bleiben. Er hofft, eines Tages Hüttenmeister zu werden. 10.15 Uhr. Bald ist Feierabend an diesem Freitag. Dann werden der Waldsassener und seine knapp 50 Kollegen sieben Stunden tonnenweise Glas getragen, geblasen, geformt, gedreht, aufgeschnitten und geglättet haben. 93 Walzen waren es bei Macht und seinen zwei Mitstreitern von 4 Uhr morgens bis um 10.30 Uhr. „Da weißt du, was du gemacht hast“, sagt der 25-Jährige. „Aber man gewöhnt sich dran. Es sei ein toller Beruf,“ sagt der junge Waldsassener. Anstrengend, abwechslungsreich, einzigartig.

Fertig ist das Kunstwerk…….Foto: Lamberts

Fertig ist das Kunstwerk…….Foto: Lamberts

Hans Reiner Meindl weiß, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen kann. „Das sind erstklassige Leute, die für die überragende Qualität unserer Produkte stehen. Vielfalt, Qualität und Brillanz unserer Gläser suchen ihresgleichen“, sagt der Geschäftsführer. Obwohl manchem Arbeiter wenige Minuten vor Feierabend die Müdigkeit deutlich anzusehen ist. Meindl ist überzeugt, dass sein Team den großen Auftrag, mehrere je 300 Quadratmeter große Fenster für die Kathedrale im englischen York, fristgerecht erledigen wird. „Darauf können wir anstoßen.“ Vielleicht mit einer speziell vor UV-Licht geschützten Flasche mexikanischen Corona-Biers – ursprünglich entwickelt von Lamberts.

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