Zeitzeuge im Gespräch: Die Hoffnung nie aufgegeben

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Weiden. Am 15. April feierte er seinen 90. Geburtstag. So unbeschwert wie er im Klassenzimmer der Gustl-Lang-Schule heute wirkt, war das Leben von Michael Smuss allerdings nicht immer. Er überlebte als einer der wenigen den Aufstand des Warschauer Ghettos. Nachdem er in den Konzentrationslagern Lublin, Maidanek und Plaschov inhaftiert war, wurde er 1943 in das KZ Flossenbürg überstellt. Als Zeitzeuge erzählte er den Schülerinnen und Schülern der Ganztagesklasse HM9G der Wirtschaftschule Weiden und der Ganztagesklasse 9 der Wirtschaftsschule Eschenbach von seiner schweren Vergangenheit.

Von Kristine Mann

Zeitzeuge Michael Smuss (3)

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Lange Zeit hat Michael Smuss über seine Erinnerungen an den Aufstand und das Grauen des Warschauer Ghettos geschwiegen. Er hat damals, mit 18 Jahren, als einer der wenigen überlebt. Dem Tod war er oft näher als dem Leben. Tage – gar wochenlanges Hungern, kein Wasser, endlose Märsche, zahlreiche Zugtransporte ins Ungewisse. Die Zeiten waren schwer.

Smuss erinnert sich an eine Zugfahrt. Keiner der Gefangenen wusste wohin es geht. An die „Fenster“ – kaum größer als ein Guckloch – des Zugwagons setzte man drei Leute: Smuss, weil er deutsch sprechen konnte, einen weiteren jungen Mann, weil er russisch sprechen konnte und einen dritten, weil er sich in der Umgebung auskannte, die Strecke erkennen und ihr Ziel erschließen konnte. Sein Urteil: „Wir fahren ins Konzentrationslager.“

Ich hatte in dieser Zeit oft Glück. Auch hier gab es diesen Moment: Ein Zeichen Gottes. Der liebe Gott war mein ganzes Leben bei mir.

sagt Smuss. Denn statt die Fahrt bis zum Konzentrationslager fortzuführen kam es anders: Die deutsche Luftwaffe hielt den Zug an und wollte den Zug einnehmen. Arbeiter wurden gebraucht und so kam Smuss, der zu dieser Zeit noch mit seinem Vater unterwegs war, mit dem Leben davon.

Ankunft im KZ-Flossenbürg aus Sicht eines Zeitzeugen

Wieder eine tagelange Zugfahrt ins Ungewisse. Hunger, Durst und Erschöpfung quälen die Häftlinge. Smuss erinnert sich, wie er bei der Ankunft am Bahnhof dabei helfen sollte, Leichen auf drei Ochsenkarren zu beladen. Der Fußmarsch, der im Anschluss folgte, dauerte sechs bis sieben Tage: „Wir wussten nicht, wo wir sind oder wohin wir gehen“, sagt Smuss. Auf dem Weg kommen sie allerdings an einem Friedhof vorbei. Viele Familien sind dort beerdigt, circa 100 Gräber schätzt er. Dort standen keine Kreuze, Smuss weiß was das bedeutet: „Das war ein jüdischer Friedhof“. Wie sich im Nachhinein herausstellt, ging der Marsch nach Flossenbürg. „Je näher wir kamen, desto intensiver stand uns der Geruch von verbrennenden Körpern in der Nase“, erinnert er sich.

Es war der 2. August 1944: „Nach all dem was wir bis dahin schon überlebt hatten, dachten wir, dass jetzt unser Ende gekommen sei“, sagt Smuss. Bei der Ankunft bekamen sie Wasser, später ein bisschen Suppe und wurden kahl geschoren. Die Häftlinge wurden in den Keller ins Bad geschickt. Smuss erzählt, dass keiner der Häftlinge nach unten gehen wollte. Man war es gewohnt, dass diese „Gasduschen“ den Tod bedeuten. Erleichtert stellte man fest, dass aus den Duschköpfen tatsächlich Wasser kam.

Abgeschoren und gewaschen wurden die Häftlinge eingeschrieben und bekamen ihre Streifenanzüge und Holzschuhe. Smuss arbeitete als Messerschmied. In Tag- und Nachtschichten wechselten sich die Arbeiter ab. Die Bedingungen waren katastrophal: Drei Arbeiter teilten sich ein Bett. Wenn diese zur Arbeit gingen, kamen die andere aus ihrer Schicht und schliefen in demselben. Die  Maschinen liefen ununterbrochen, 24 Stunden lang.

Bei jedem Fliegeralarm haben wir einen nassen Karton auf die heißen Aluminiumspähne geworfen, uns darauf gelegt und gewartet. Es war dir egal, ob der Karton nass und schmutzig war. In dem Moment als man auf dem Boden lag, ist man vor lauter Erschöpfung eingeschlafen.

erzählt Smuss.

Warme Milch – Ein Gefühl von Zuhause

An den Tag an dem Smuss Grauen ein Ende hatte, erinnert er sich gut. Fünf Tage lang war er auf einem Todesmarsch unterwegs. Die Kolonne war erschöpft und ausgehungert, als einer der Häftlinge eine Scheune entdeckte. Die Kolonne kostete ihre letzten Kräfte aus. Sie mussten einen Graben bezwingen, auf der einen Seite herunter, die andere Seite wieder herauf – sieben Tage lang schon, hatte keiner etwas gegessen außer Gras und Rinde. In der Scheune angekommen haben Bauern ihnen warme Milch gebracht. Smuss stockt, muss einen Moment inne halten und kämpft mit den Tränen, als er von dem Moment erzählt, als er die Milch trank:

Mein erster Gedanke war die Erinnerung an meine Mutter. Ich fühlte mich wie Zuhause.

Danach fiel er in Ohnmacht. Wie lange er bewusstlos war, kann er nicht genau sagen. Als er zu sich kam, fragte er sich wo er sei. Und fühlte sich wie im Himmel. Seine Verletzungen waren versorgt. Um ihn herum amerikanische Ärzte, die sich um ihn kümmerten. Er war in guten Händen.

Zeitzeuge Michael Smuss (5)

Michael Smuss hat sich lange Zeit genommen, aus seiner Vergangenheit zu erzählen und die Fragen der Schüler zu beantworten. Seine Frau (sitzt im Bild neben ihm) begleitete Smuss zu diesem Termin.

Ungewissheit: Suche nach Familie

Nach Ende der schrecklichen Tortur, die Smuss mitmachen musste, machte er sich auf die Suche nach seiner Familie. Seinen Vater hatte er bereits verloren, aber was mit seiner Mutter und Schwester passiert war, wusste er nicht. In Krakau fand er heraus, dass die beiden überlebt hatten.

Als ich zu Hause ankam, klopfte ich. Meine Mutter öffnete die Tür, sie erkannte mich aber nicht.

erzählt Smuss. Er unterbricht einen Moment. Die Erinnerung wiegt schwer. Im Klassenzimmer ist kein Mucks zu hören. Nach all den schrecklichen Erlebnissen kann und will Smuss nicht in Deutschland bleiben und wandert nach Amerika aus. Er heiratet, bekommt eine Tochter und einen Sohn. Seinen Kindern hat er bis heute von dieser Vergangenheit nichts erzählt:

Die Gedanken kriegt man nicht weg. Und in der Nacht kommt es zurück.

Im Traum sieht er die schrecklichen Bilder des Kriegs und Flossenbürg. „Es hat Jahre gedauert, bis es besser wurde.“ Die Schülerinnen und Schüler lauschen den Erzählungen und stellen Smuss Fragen, die er geduldig beantwortet. Zum Beispiel, ob es jemals einen Moment gegeben hätte, in dem Smuss keine Hoffnung mehr hatte das Ganze zu überleben:

Man muss immer glauben und optimistisch sein. Es liegt an jedem Einzelnen, die Kraft zu haben weiter zu machen. Ohne Hoffnung hätte das niemand überstanden. Und ich denke die Überlebenden haben sie immer noch.

sagt Smuss. Die Häftlinge hätten auch bei jedem ihrer Märsche gesungen. „Es war sehr interessant die Geschichte einmal aus seiner Sicht zu hören und wir haben viel Neues dazugelernt. Es ist beeindruckend, dass er so offen mit uns darüber sprechen konnte“, sagt Milena Winkler, Schülerin aus Eschenbach. Smuss verabschiedete sich und sagte, dass ihm der Kontakt mit der Jugend bei solchen Gesprächen viel Kraft gebe und wünschte den Jugendlichen viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft. Einen Rat gab er den Schülern noch mit: „Lernt, solange ihr könnt. Für Dummheiten ist später immer noch Platz“. Und verabschiedete sich mit den Worten:

Das Leben ist schön und man hat nur eins.

Erlebtes in Bildern verarbeiten

Die Ehe zu seiner ersten Frau wurde geschieden. Smuss emigrierte 1979 in die Wüste, ins „heilige Land“ und zog nach Israel. Dort traf er auch auf Menschen, die ähnliches durchgemacht hatten – gewissermaßen „Familie aus der Vergangenheit“. Denn aus dem Kontakt und dem Zusammenhalt mit anderen Überlebenden schöpft Smuss viel Kraft. In Israel arbeitete er in einem Hotel und lernte dort auch seine zweite Frau kennen, die ihn dazu ermutigte mit dem Malen anzufangen.

Kennt ihr Van Gogh? Ich dachte mir einfach, was der mit einem Ohr hinbekommt, dass kann ich mit zwei Ohren doch auch schaffen“

scherzt Smuss. Er verarbeitet seit 1988 seine Erlebnisse in Bildern. Mittlerweile existieren 30 Bilder, die in sechs Ausstellungen in Israel gezeigt wurden. Der Künstler lebt heute in Tel Aviv.

Zeitzeuge Michael Smuss (7)

In Bildern verarbeitet Michael Smuss seine Vergangenheit.

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