Der Türmer von Weiden: Christian Stahl hält Tradition lebendig

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Weiden. Es war einmal. So beginnen viele Geschichten aus der Vergangenheit. Aber die Zeit der Nachtwächter und Türmer ist noch nicht vorbei. Christian Stahl ist der Türmer von St. Michael der Stadt Weiden und hält die Tradition der Türmerzunft lebendig.

Von Anja Reber

Christian Stahl, der Türmer von Weiden in seiner traditionellen Türmeruniform. Bild: Anja Reber

Christian Stahl, der Türmer von Weiden, in seiner traditionellen Türmeruniform. Bild: Anja Reber

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Seit 1993 geht Christian Stahl jetzt schon dem Amt als der Türmer von Weiden nach – hauptamtlich ist er aber evangelischer Mesner. Laut Stahl sagen einige Leute über ihn, dass er schon mit der Kirche verwachsen sei. Die Geschichte der Türmer geht allerdings noch viele Jahre weiter zurück. Türmer waren bis 1914 städtische Angestellte und lebten mit ihrer gesamten Familie und einem Gesellen jeder Religion (evangelisch/ katholisch) auf dem Turm.

Der gar lustige Oberst des Weydener Fähnleins (=Bürgerwehr im 16/17. Jahrhundert) wurde auf dem Thurm von St. Michael gesetzet, weil er des Blasen mächtig und auch allei andere Signale spielen hat können.

Wer waren die Türmer?

Türmer hatten verschiedene Aufgaben. Zum Beispiel:

  • Wache stehen und das Melden von Freund und Feind
    Die wurden durch verschiedene Signala angekündigt. So wussten die Bewohner der Stadt Weiden immer wer vor ihren Toren stand.
  • Die Meldung von Feuer
    Ein Feuer wurde signalisiert durch ein „tatütata“ und einen weiteren Zwischenruf wie „backe backe Kuchen“. So wusste man sofort, dass es beim Bäcker brannte.
  • Ankunft der Postkutsche melden
    Weiden ist an der Goldenen Straße gelegen, so gehörte das „ordentliche Anblasen“ bei Ankunft der Postkutsche ebenfalls zu seinen Aufgaben, dafür gab es das Postillionssignal
  • Türmer waren Musiklehrer
    Der Türmer war auch ein Musicus, der den Leuten das Musizieren beibrachte. Allerdings waren die Blechinstrumente dem Türmer vorbehalten, so konnten die Signale nicht missbraucht werden.

Für das Amt des Türmers wurden musikalische und lustige Leute gesucht. Die nach 1914 aus der Ära der Kirchengemeinden entstandenen Posaunenchore brachten daher bestens geeignete Türmer hervor. Bläser war bereits Christian Stahls Großvater, sowie sein Vater und auch er selbst ist seit 1978 ehrenamtlich Volksliederbläser und Weihnachtsbläser. 2011 wurde Stahl nach erfolgreicher Prüfung in die Europäische Nachtwächter- und Türmerzunft aufgenommen.

Warum es auch Rabauken gab

Nicht immer hatte die Stadt „friedliche“ Türmer, wie das Ratsprotokoll vom August 1644 berichtet. Dort kann man lesen, dass ein Türmer angetrunken ein Fest verließ und auf den Turm stieg. Mitgenommen hatte er sein „Bettgewand“. Oben am Turm angekommen schnitt er es auf und lies die Federn über die ganze Stadt fliegen. In Weiden hat es also im August „geschneit“!

Der Türmer von Weiden

Die EUNTZ-Hymme auf Ziegenleder, ein Gastgeschenk für den Türmer von Weiden. Bild: Anja Reber

„Meine Aufgabe ist es durch Führungen die Kirchengeschichte an interessierte Leute weiterzugeben und sie ihnen näher zu bringen“, erzählt Stahl. Bei Veranstaltungen in Weiden und Umgebung ist der Türmer ein gern gesehener Gast. Als nächstes kann man ihn in Weiden bei „Kunstgenuss bis Mitternacht“ antreffen und eine seiner Führungen hinauf in den Turm mitmachen.

Wer einmal ein Silvester der besonderen Art erleben möchte, bucht die Silvesterführung und begleitet den Türmer um 00:00 Uhr zum Jahreswechselleuten hinauf zur Glocke. Das 15-minütige Läuten ist das längste des gesamten Jahres und hat ein besonders schönes Klangbild. Dazu gibt es Sekt und Plätzchen, während aufgepasst wird, dass sich kein Feuerwerkskörper auf dem Dach verirrt und dieses dann Feuer fängt. Vor allem Schützenvereine und Pfadfinder haben Silvester schon auf diese besondere Art gefeiert.

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