Grenzüberschreitender Arbeitsmarkt: Karel Pesls zweite Heimat

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Tirschenreuth. Viele Firmen in der Nordoberpfalz sind auf tschechische Arbeitskräfte angewiesen. In dem Landkreis Tirschenreuth pendeln 1.682 Tschechen. Einer davon ist Karel Pesl aus Marienbad, der seit drei Jahren in der Tuchfabrik Mehler arbeitet und dort so etwas wie eine zweite Heimat gefunden hat.

Von Udo Fürst

Tuchfabrik Mehler Tschechischer Mitarbeiter Schlosser Karel Pesl Arbeitsmarkt Tirschenreuth

Für Schlosser Karel Pešl ist die Tuchfabrik Mehler so etwas wie eine Familie.

Alle Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet, als im Mai 2011 die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU für Länder aus dem ehemaligen Ostblock eingeführt wurde. „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ war ein beliebtes Schlagwort zu jener Zeit. Gut sechs Jahre später gehören tschechische Arbeitnehmer längst zum gewohnten Bild in vielen Betrieben besonders in der nördlichen Oberpfalz.

Im Agenturbezirk Weiden arbeiten 3.353 Frauen und Männer aus dem östlichen Nachbarland, davon 1.682 im Landkreis Tirschenreuth. Das entspricht 6,9 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die Pendler sind heute ein oft unverzichtbarer Bestandteil für viele Firmen. „Allein aus dem Fundus der Arbeitssuchenden sind die offenen Stellen nicht zu besetzen“, erklärte Thomas Würdinger, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Weiden bei einem Pressegespräch bei der Tuchfabrik Gebrüder Mehler in Tirschenreuth.

Grenzüberschreitender Arbeitsmarkt

Die Agentur informierte dabei über Chancen und Hemmnisse des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes. Mit dabei: Firmenchef Paulus Mehler, Landrat Wolfgang Lippert, Karel Pesl, tschechischer Arbeitnehmer der Tuchfabrik, Wirtschaftsförderer Manfred Dietrich, Christoph Mayer, Arbeitsvermittler im Arbeitgeberservice der Agentur und Michael Braun, EURES-Berater der Arbeitsagentur.

Die Grenzregion Ostbayern-Westtschechien entwickle sich zunehmend zu einem gemeinsamen Wirtschafts- und Arbeitsraum, betonte Thomas Würdinger. „Zahlreiche tschechische Arbeitnehmer sind insbesondere bei kleineren und mittleren Unternehmen in Bayern beschäftigt und leisten einen wichtigen Beitrag zur Sicherung des Fachkräftebedarfs.“ Den höchsten Anteil an tschechischen Beschäftigten weise der Landkreis Tirschenreuth auf.

Tuchfabrik Mehler Tschechischer Mitarbeiter Schlosser Karel Pesl Arbeitsmarkt Tirschenreuth

Besuch am Arbeitsplatz von Karel Pesl: Wirtschaftsförderer Manfred Dietrich, Paulus Mehler, Agenturchef Thomas Würdinger, Michael Braun, EURES-Berater der Arbeitsagentur, Landrat Wolfgang Lippert und Christoph Mayer, Arbeitsvermittler im Arbeitgeberservice der Agentur (von links). Bild: Udo Fürst

Ein gutes Beispiel für diese Tatsache ist die Tuchfabrik Mehler. Sie beschäftigt derzeit zwar nur drei tschechische Arbeitskräfte (von insgesamt 80 Arbeitnehmern), doch von ihnen ist Firmenchef Paulus Mehler absolut überzeugt. „Diese Leute sind total engagiert und wollen was erreichen.“

„Ich fühle mich hier wie in einer Familie“

Einer von den Dreien ist Karel Pesl aus Marienbad. Der 43-Jährige arbeitet seit drei Jahren als Schlossser bei Mehler. 2013 hat er sich beim Tirschenreuther Traditionsunternehmen beworben und wurde sofort genommen. „Wir haben damals eigentlich niemanden gesucht, aber wir kannten Karel von früher, als er bei uns eine Maschine aufgestellt hat“, berichtete Mehler. Pesl sei ein außerordentlich tüchtiger und hoch motivierter Mitarbeiter.

Und er spricht hervorragend Deutsch. Das ist die wichtigste Voraussetzung.

Für Karel Pesl ist die tägliche Fahrt von Marienbad nach Tirschenreuth kein Problem. „Ich fahre nur eine halbe Stunde.“ In Deutschland zu arbeiten sei heute etwas völlig Normales. „Viele Freunde und Bekannte machen das auch.“ Für ihn sei der Job ein Glücksfall und er lobt seine Firma:

Ich fühle mich hier wie in einer Familie.

Jeder siebte Arbeitnehmer aus Tschechien

Für Agenturchef Thomas Würdinger gehören die Pendler aus dem Nachbarland zum normalsten auf der Welt. Jeder siebte Arbeitnehmer im Landkreis Tirschenreuth komme aus Tschechien und ohne sie hätten viele Firmen große Probleme, alle Stellen zu besetzen. Würdinger sieht die Region Nordoberpfalz–Pilsen als gemeinsamen Wirtschaftsraum, dessen Entwicklung direkt voneinander abhänge. Man dürfe auch nicht vergessen, dass die tschechischen Arbeitnehmer nur geliehen seien. „Wenn sich das Lohngefüge in Tschechien nach oben entwickelt, werden wir Probleme haben, ausreichend Arbeitskräfte von dort zu bekommen.

Landrat Wolfgang Lippert betonte: „Wir brauchen die tschechischen Arbeitskräfte. Sie sind eine Bereicherung – ob in der Gastronomie oder bei mittelständischen Unternehmen wie Ziegler, Ponnath oder Cube.“ Der Landkreis mit seiner hohen Lebensqualität werde alles tun, um die Region noch attraktiver zu machen. Dazu gehöre der weitere Ausbau der Infrastruktur, die grenzübergreifende Zusammenarbeit von Schulen, Wirtschaft und Behörden sowie die Vereinbarung von Familie und Beruf. „Nur so können wir die Frage lösen, wie wir künftig Fachkräfte mobilisieren“, so Lippert.

Bilder: Udo Fürst

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