Türchen 16: SOS – Das Leben einer Kinderdorf-Mama

Immenreuth. Bald ist es soweit. In ein paar Tagen ist schon Heiligabend und hinter Türchen Nummer 16 unseres Adventskalenders hat sich wieder etwas ganz besonderes versteckt. Das SOS-Kinderdorf kennt jeder, aber wisst ihr wie das Leben im Kinderdorf aussieht und was dort alles geboten wird? Vera Trebeß erzählte uns wie ihr Alltag im SOS-Kinderdorf in Immenreuth abläuft.

Von Jasmina Vaskovic

SOS-Kinderdorf

Nicht da ist man daheim, wo man geboren wurde, sondern wo man geliebt wird.

Diese Worte von dem deutschen Dichter Christian Morgenstern nahm sich Hermann Gmeiner zu Herzen. Gemeinsam mit Freunden rief Gmeiner das „SOS-Kinderdorf e.V.“ ins Leben. In Immenreuth begann der Bau des SOS-Kinderdorfes 1963. Bis heute hat es über 500 Kindern ein Zuhause gegeben.

Alles unter einem Dach

Insgesamt gibt es drei Wohngruppen im SOS-Kinderdorf in Immenreuth und die Außenwohngruppe „Rappelkiste“ in Bayreuth. Jeweils acht Kinder leben in einem Haus zusammen und jeweils fünf Erzieherinnen betreuen in Schichtdiensten die Jugendlichen. Im“Regenbogenhaus“ leben die Kinder zusammen, die nur vorübergehend im Kinderdorf wohnen, etwa ein bis zwei Jahre. Meistens weil sie in ihrem bisherigen Lebensumfeld nicht mehr zurecht kommen und vorübergehend nicht bei ihrer Familie bleiben können.

In den Wohngruppen „Rappelkiste“ und „Arche Noah“ leben die Kinder zusammen, die über einen längeren Abschnitt aus ihren eigenen Familien raus müssen. Im Kinderdorf helfen ihnen die Erzieherinnen die Vergangenheit mit eventuellen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen zu verarbeiten und wieder neues Selbstvertrauen und Selbstständigkeit zu entwickeln. Zu viel Selbstständigkeit ist aber auch nicht gut, wie Holger Hassel, Einrichtungsleiter vom SOS-Kinderdorf e.V. weiß. Zum Beispiel, wenn Kinder mit ihren acht Jahren ihre jüngeren Geschwister versorgen und für die kochen. In dem Fall übernehmen sie für ihr junges Alter zu viel Verantwortung: Wir sprechen dann von „Not-Erwachsen“ werden, weil sie die Rolle eines Elternteiles übernommen haben. Es dauert seine Zeit bis sie diese ’schlechten‘ Angewohnheiten wieder ablegen können“, sagt er. Die vierte Wohngruppe ist für geflüchtete Kinder.

Holger Hassel leitet das SOS-Kinderdorf in Immenreuth.

Holger Hassel leitet das SOS-Kinderdorf in Immenreuth.

Eine Kinderdorf-Mama zu sein ist kein Beruf, es ist eine Berufung

Eine ganz besondere Gruppe im SOS-Kinderdorf sind die Kinderdorffamilien: Hier lebt eine Kinderdorf-Mama mit fünf Kindern in einem Einfamilienhaus zusammen. Auch „Väter“ also die Lebenspartner der Frauen können dort wohnen. Die Kinder können bereits im Säuglingsalter aufgenommen werden. Grundsätzlich leben sie dann bis sie ihre Schule und Ausbildung beendet haben im Kinderdorf – besser gesagt bis sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen und auf eigenen Beinen stehen können. Aktuell leben sieben Familien im SOS-Kinderdorf, nächstes Jahr kommt dann eine achte Familie dazu. Die Mütter sind ausgebildete Erzieherinnen, die eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbringen müssen. Das erste Jahr ist dann eine Art Praktikum, in den drei darauffolgenden Jahre werden die „Mütter“ auch theoretisch ausgebildet. Erst nach diesem Werdegang kann man sich als „Kinderdorf-Mama“ bewerben.

Die Frauen verpflichten sich dazu zehn bis 15 Jahre eine Kinderdorf-Mutter zu sein. Es muss sozusagen immer eine Generation komplett übernommen werden,

erklärt Holger Hassel. „Das ist auch wichtig, denn die Kinder leben ja schon nicht mehr in ihrem gewohnten Umfeld und gewöhnen sich mit der Zeit an einen. Wenn man sie dann auch wieder verlässt, würde das die Jugendlichen noch mehr verunsichern“, fügt Vera Trebeß hinzu.

Vera Trebeß SOS-Kinderdorf-Mama

Vera Trebeß ist eine SOS-Kinderdorf-Mama und feiert mit 21 Kindern Weihnachten.

Vera Trebes ist eine Kinderdorf-Mama und das bereits in der zweiten Generation. Ihre ersten fünf Kinder sind bereits aus dem Haus, fünf weitere leben noch bei ihr: „Es ist auf jeden Fall ein Knochenjob und nicht für jedermann etwas, aber ich bin mit Leib und Seele eine Kinderdorf-Mama. Es ist so schön zu sehen wie sich die Jugendlichen entwickeln und sie mit der Zeit aufblühen.

Ich sage immer: Eine Kinderdorf-Mama zu sein ist kein Beruf, es ist eine Berufung!

Ihr ältester Sohn ist mittlerweile 30 Jahre. Mit achteinhalb kam er damals zu ihr. Ihr jüngstes Kind nahm sie als Säugling mit elf Monaten auf. „Viele der Kinder haben vorher in Problemfamilien gelebt und gehen mit dem Gedanken ‚Ich bin ein Fehler‘ durch die Welt. Das ist nicht in Ordnung!“, sagt Trebeß, deswegen dauere es bei manchen auch länger bis sie sich öffnen. Da komme ganz darauf an was sie in ihren vorherigen Zuhause erlebt und gesehen haben.

„Ich weiß, dass das für viele nicht vorstellbar ist, aber ich lebe mit meinen Kindern ganz normal zusammen wie jede andere Familie auch“, nur lebt sie mit ihrer Familie im SOS-Kinderdorf. Aber auch im Hause Trebeß ist Weihnachten immer ein großes Fest, denn da kommen alle Kinder zusammen und bringen auch ihre Lebenspartner und sogar schon die eigenen Kinder mit. „Da sind dann halt gleich mal 21 Leute bei uns zu Besuch“, freut sich Vera Trebeß.

Weitere Projekte, die Kindern und Eltern helfen sollen

Neben vier Wohngruppen und sieben Kinderdorffamilien, bietet das Kinderdorf auch zwei Heilpädagogische Tagesgruppen. Auch das „JAS-Programm“ (Jugendsozialarbeit an Schulen) ist dazu da, den Kindern und Eltern im Alltag eine Stütze zu sein. Mehr zu dem Angebot des SOS-Kinderdorfes in Immenreuth findet man hier.

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