Verhandlung fortgesetzt: Rio-Wirt und Ehefrau sagen aus

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Grafenwöhr/Weiden/Amberg. Montagmorgen in Amberg: Um das Landgericht haben sich zahlreiche Polizisten postiert. Der Grund: Die Fortsetzung des Prozesses im Fall Rio – dem Raubüberfall auf das Grafenwöhrer Wirtspaar im April 2016. Die Strafkammer in Weiden hat die Verhandlungsitzung nach Amberg verlegt. Per Videoübertragung soll den Geschädigten so ermöglicht werden, ihrem Peiniger nicht gegenüber sitzen zu müssen. 

Von Kristine Mann

Gerichtsverhandlung Landgericht Amberg Rio-Prozess Raubüberfall Grafenwöhr

Fortsetzung im Prozess des Raubüberfalls Grafenwöhr. Im Landgericht Amberg sagten die Geschädigten per Videoübertragung aus.

Über einen Bildschirm ist Ernst W. zu sehen. Er sitzt im Rollstuhl, dem 92-Jährigen sind das Alter und die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Neben ihm sitzt Rechtsanwalt Tobias Konze, Vertreter der Nebenklage. Wen man über die Videoübertragung nicht sieht, ist Dr. Gundrun Graf, die Notärztin, die seine Vernehmung begleitet. Der ehemalige Rio-Wirt leide unter Atemnot und fange an zu zittern, wenn er mit dem Überfall konfrontiert werde. Weil das Risiko von Herz-Kreislauf-Problemen bis hin zum Kollaps bestehe, wird die Aussage notärztlich überwacht.

Für den ehemaligen Rio-Wirt und seine Frau war das Paulaner (wie man das Rio auch nannte) das zweite Wohnzimmer. Auch die beiden Töchter der Geschädigten, die am Montag im Zeugenstand sitzen, erinnern sich an die Zeit, als das Lokal noch richtig gut lief. „Dort spielte sich das Leben hauptsächlich ab“. Als das Paar darüber nachdenkt, das Lokal zu verkaufen, soll es mehrere Interessenten gegeben haben. „Aber die hatten alle kein Geld, deshalb ist der Verkauf nicht zu Stande gekommen“, erzählt Ernst W. zunächst gefasst. 250.000 Euro wollte der Rio-Besitzer für das Lokal. Bis heute kam es nie zum Verkauf.

Tränenausbruch bei Vernehmung: „Ich sehe die Verbrecher immer noch vor mir“

Die Fragen des Vorsitzenden Markus Fillinger drehen sich zunächst um die Zeit vor dem Überfall. Wer war in die Verhandlungen um den Verkauf – und vor allem um den Preis – involviert? Wie viel Geld hatte das Wirtspaar zu Hause? Ernst W. sei sich „hundertprozentig sicher, dass es 70.000 Euro gewesen sind“. Das bezweifeln vor allem die Verteidiger der Angeklagten. Die Vernehmung nähert sich zunehmend der Nacht des Überfalls im April, die das Leben von Ernst und Luise W. für immer verändert. Immer wieder greift er nach dem Taschentuch vor sich auf dem Tisch.

Die steigende Aufregung sieht man ihm an. Er atmet zunehmend schwerer, als er sich an die maskierten Männer erinnert, die ins Wohnzimmer stürmen, während die Grafenwöhrer „Der Bulle von Tölz“ im Fernsehen anschauen. Sie werfen ihn vom Sessel, bringen ihn zu Boden. Seine Hände werden mit Handschellen am Rücken gefesselt. An Schläge oder Würgen kann er sich nicht erinnern. „Ich war besinnungslos. Fast tot“. Verletzungen um seinen Hals und sein mit blauen Flecken übersäter Körper lassen mutmaßen, was passiert ist. Während die Täter das Haus auf den Kopf stellen, erleidet Ernst W. einen Schlaganfall. „Mein ganzer Körper war kalt, ich lag im Sterben.“ Er bricht in Tränen aus, als er davon erzählt, die Angstzustände seien immer noch da. „Ich sehe die Verbrecher immer noch vor mir“. Die Vernehmung muss unterbrochen werden.

Aufregung im Gerichtssaal

Luise W. ist deutlich agiler, aber auch deutlich aufgebrachter. Sie erinnert sich an die Schmerzensschreie und Rufe ihres Mannes. Erst als ihr kleiner Hund sich nach dem Überfall aus seinem Versteck zu ihr traut, kann sie sich langsam aus ihren eigenen Fesseln lösen. Selbst nach dem Notruf, als die Polizei an ihrer Tür klopft, traut sich Luise W. erst nicht runter ins Erdgeschoss, um die Haustüre zu öffnen. Die Angst lässt das Paar auch heute in der Dunkelheit nicht schlafen. Erst wenn die Sonne aufgeht, gehen die beiden ins Bett.

Auch sie wird mit Fragen zum Verkauf des Paulaner konfrontiert und darüber wie viel Geld sie zum Zeitpunkt des Überfalls im Haus hatte. Vor allem Verteidiger Jörg Sodan, er vertritt den Hauptangeklagten Viktor C., durchbohrt die Rentnerin mit Fragen. Woher sie das Geld hatte, wo sie es aufbewahrte. Wie es ins Haus kam. Und warum sie ihrem Mann nicht geraten hätte, so viel Geld auf der Bank aufzubewahren. „Was hat das jetzt mit dem Überfall zu tun“, regt sich Luise W. sichtlich über das Verhör auf. „Fragen Sie doch die Verbrecher, die müssen das Geld doch gezählt haben. Sollen Sie es doch zugeben oder sind sie zu feige dazu?“, kontert sie immer wieder. Sie habe ihr Leben lang gearbeitet, sich das Geld zur Seite gespart und nach und nach von ihrem Konto abgehoben und bar in einer Brieftasche aufbewahrt. „Ich habe niemanden ausgeraubt“, so die Renterin empört. Später soll sie das Geld in eine Blechbüchse gelegt haben, in dem auch ihr Ehemann seine Ersparnisse aufbewahrt habe. Dann soll es zum Überfall gekommen sein.

Darüber wie viel Geld wirklich in der Dose aufbewahrt – und später gestohlen wurde – sind sich Rechtsanwälte, Strafkammer und Verteidiger nicht einig. Über die Zeugenaussagen diskutieren die Anwesenden noch lange weiter. Bislang sind noch zehn weitere Verhandlungstermine angesetzt.

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