Meilenstein auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft

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Tirschenreuth. Das Netzwerk Inklusion feierte das Ende der dreijährigen Projektphase bei Aktion Mensch und die Verlängerung der Finanzierung durch den Landkreis Tirschenreuth mit über 120 Gästen im Kettelerhaus.

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Dank an alle „Vorwärtsbringer“ – Lebenshilfe-Vorsitzender Roland Grillmeier, Projektleitung Christina Ponader, ehem. Landrat Karl Haberkorn, Landrat Wolfgang Lippert, Geschäftsführer der Lebenshilfe Berthold Kellner.

Die „Inclucions“ der KJF Stiftlandwerkstätte St. Elisabeth Mitterteich eröffneten die dreistündige Feier. Der Vorsitzende der Lebenshilfe Roland Grillmeier begrüßte die zahlreichen Gäste. Das Netzwerk besteht aus vielen ehren- und hauptamtlich Engagierten. Sie und viele Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft waren gekommen, um gemeinsam diese wichtige Wegmarke hin zu mehr Inklusion im Landkreis zu feiern. Landrat und Inklusionsbeiratsvorsitzender Wolfgang Lippert würdigte die vergangenen drei Jahre als „kreative, unermüdliche und auf das Miteinander ausgerichtete Arbeit.“ Es brauche aber auch den Blick nach vorne: „In Sachen Teilhabe gibt es noch viel zu tun.“ Bürgermeister Franz Stahl nahm in seinem Grußwort als Hausherr auf die Barrierefreiheit und das Projekt „Leben+“ Bezug:

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Wir müssen Menschen zusammenbringen – das geht umso leichter, umso weniger Barrieren es gibt.“

Motoren des Netzwerks

Gleich zu Beginn würdigte Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe, die Personen, die an der Gründung und dem Wachstum des Netzwerks maßgeblich beteiligt sind: der ehemalige Landrat und Vorsitzende der Lebenshilfe Karl Haberkorn als Ideengeber und „Anschieber“, der amtierende Landrat Wolfgang Lippert als Türöffner und Vorbild, sowie die Projektleiterin Christina Ponader und der ehrenamtliche Mitarbeiter Friedrich Wölfl stellvertretend für viele Ehrenamtliche, die der Motor des Netzwerks sind. „Der Inklusionsgedanke ist breit aufgestellt im Landkreis und bringt uns gemeinsam voran.“

Im Juli 2018 endet die dreijährige Projektfinanzierung durch Aktion Mensch. Dank galt vor allem dem Kreistag beziehungsweise dem Landkreis Tirschenreuth, der von 2018 bis 2020 die Weiterfinanzierung des Netzwerks Inklusion übernimmt. Das ist nicht selbstverständlich und in Bayern einzigartig. Je 30.000 Euro pro Jahr wurden in den Haushalt der kommenden Jahre eingestellt. Den Rest der Kosten übernimmt der Träger Lebenshilfe KV Tirschenreuth.

Das Programm der Feier war sehr abwechslungsreich und kurzweilig: Menschen mit und ohne Behinderungen aus dem Netzwerk gestalteten den Tag mit – in der Moderation und in inhaltlichen Beiträgen. „Für die Zukunft wünschen wir uns, dass wir nicht mehr so eine komplizierte Begrüßung brauchen, sondern einfach sagen können „liebe Netzwerker“ und Behinderung nichts ist, das man extra erwähnen müsste, weil es selbstverständlich ist“, so Wolfgang Lippert.

Ministerialdirigent Burkard Rappl vom Sozialministerium überbrachte als Vertretung der Schirmherrin und ehemaligen Ministerin Emilia Müller Grüße aus München. „Es ist bemerkenswert, was hier im Landkreis passiert.“ Er sprach zum Thema „Mut zum Miteinander – Inklusion und Teilhabe in Bayern“ über die Struktur der Offenen Behindertenarbeit (OBA), das Bayerische Teilhabegesetz (BayTHG) und die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB). „Der Bezirk ist der Kostenträger für Menschen mit Behinderung – hier gibt es Hilfen aus einer Hand. Auch das Budget für Arbeit ist wichtig, um Erwerbstätigkeit zu stärken.“

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Ministerialdirigent Burkard Rappl

„Innovationsfabrik“ der Inklusion

Dennoch brauche es mehr Engagement der Arbeitgeber. Barrierefreiheit wird zukünftig nicht nur als Bauförderung, sondern auch im Hinblick auf Information und Kommunikation verstanden. „Ihre Arbeit im Landkreis Tirschenreuth greift alles auf, was es zum Thema Inklusion gibt. Eine solche Konzentration der Angebote habe ich in Bayern noch nicht gesehen. Man könnte fast sagen, hier steht eine „Innovationsfabrik“. Sie sind ein wichtiger Partner der Regierung vor Ort – durch Ihre Arbeit werden politische Rahmenbedingungen mit Leben gefüllt.“

Präsentiert wurden verschiedene Schlaglichter aus drei Jahren Arbeit: die AG Mitwirkung, bestehend aus sechs Menschen mit Behinderungen, die federführend das Projekt mitgestalten, hatte einen Videoclip mithilfe des Jugendmedienzentrums T1 gedreht, der einen kleinen Rückblick gab. Deborah Bregler und Kerstin Graf vom Familienzentrum Mittendrin aus Kemnath stellten den Unternehmertag „Behinderung und Arbeit – Unternehmer im Dialog“ und beispielhaft ihren inklusiven Arbeitsplatz im Familienzentrum vor.

Das von Friedrich Wölfl geschriebene Mundartstück „Surakaas“ über die „Demokratie-Werkstatt für alle“ nahm humorvoll das Konsumverhalten der Menschen in den Blick: die zunehmende Vermüllung durch Plastik und unser Nicht-Nachdenken oder Ausweichen darüber beim Einkaufen stellte eine kleine Theatergruppe sehr passend dar. Bei mancher Aussage von Martina Sötje, Stefan Rösch, Alexandra Keller und Erwin Bösl blieb das Lachen im Halse stecken. Die Demokratie-Werkstatt ist ein Format zur politischen Bildung, das verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick nimmt.

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Das Theaterstück „Surakaas“ verpackte Humor und Inklusion und öffnete damit viele Augen.

Masterplan Inklusion: Was sich noch tun muss

Damit Inklusion auch politisch eine Wirkung entfalten kann, hatten die Mitglieder des Inklusionsbeirats Statements gesammelt. Wolfgang Lippert, Reinhard Schön, Rudolf Kunz und Friedrich Wölfl verlasen die Meinungen und Forderungen, die anschließend an Ministerialdirigent Rappl übergeben wurden. Dazu gehörte eine Änderung der politischen Haltung: das demokratische Miteinander und die Gleichwertigkeit zu fördern ist mehr als nur Nachteile durch Behinderung etc. auszugleichen. Inklusion ist die Sichtweise auf das Individuum, eine dezentrale Versorgung, eine schnelle und unkomplizierte Hilfe, die Förderung der Vielfalt. Dazu gehört auch eine Änderung der Rahmenbedingungen: für eine passgenaue Hilfe, Beratung und Begleitung benötigt man ausreichend hauptamtliche Stellen, sei es im Landkreis, in der Schule, in der Arbeitswelt und ein festes Budget, nicht nur Projektgelder und ehrenamtliche Helfer/innen.

Barrierefreiheit und verständliche Sprache müssen die Norm sein und nicht die Ausnahme. Politische Beteiligung und Selbstbestimmung sind Grundvoraussetzungen für das Zusammenleben. „Teilhabe ist ein Lebensmotor. Wieso gibt es nicht mal einen ministerienübergreifenden Masterplan Inklusion?“ Jeder soll seinen Platz in der Gesellschaft haben, ohne unterschiedliche Wertigkeiten. Der Landkreis muss sich manchmal auch noch an die eigene Nase fassen. Die Botschaft ist: Es gibt kein „zu klein“ oder „zu beschäftigt“ wenn es um Inklusion geht.

Im zweiten Teil stellten die Offene Behindertenarbeit/Familienentlastender Dienst und die Kommunale Jugendarbeit ihre langjährige inklusive Zusammenarbeit vor. „Ob in Reiterferien, bei der Ferienbetreuung oder beim Tanzworkshop – Kinder und Jugendliche machen keine Unterschiede, zumindest keine nach Behinderung“, so Erwin Bösl. Doris Scharnagl-Lindinger, die Behindertenbeauftragte der Stadt Mitterteich und Sprecherin der AG Bauen und Wohnen stellte den inklusiven Freizeit- und Familienführer für Mitterteich vor. „So eine Übersicht, wo man mit Rollstuhl, Kinderwagen oder Rollator hin kann, sollte es für jede Stadt geben.“

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Übergabe der Statements an Burkard Rappl – Friedrich Wölfl, Inklusionsbeiratsvorsitzender Wolfgang Lippert, Bürgermeister Franz Stahl, Ministerialdirigent Burkard Rappl, Projektleitung Christina Ponader, Behindertenbeauftragter Reinhard Schön, Lebenshilfe-Vorsitzender Roland Grillmeier.

Landkreis Tirschenreuth spürbar inklusiver

Pfarrer Martin Schlenk von der Evangelischen Kirchengemeinde Mitterteich stellte stellvertretend für das Team die seit 2012 stattfindenen inklusiven ökumenischen Gottesdienste vor.
In seiner wissenschaftlichen Auswertung zog Prof. Dr. Reinhard Markowetz von der LMU München den Schluss: „Das Netzwerk Inklusion: Das sind viele unterschiedliche Menschen, die sich im Landkreis Tirschenreuth gefunden und gut vernetzt haben. Menschen, denen es in den zurückliegenden Jahren gelungen ist die Welt spürbar inklusiver zu machen und sicherlich Menschen, die mutig und zielführend an der Entfaltung einer inklusiven Kultur weiter arbeiten werden. Ich erlebe ein Netzwerk des Tuns. Behalten Sie ihr Ziel vor Augen.“

Die Theatergruppe der WG St. Benedikt rundete mit ihrem Stück „Eine turbulente Nacht“ den gelungenen Tag ab. Dank ging an alle Mitwirkenden im Vordergrund und Hintergrund, an alle, die an vielen Stellen unterstützen.

Bilder: Netzwerk Inklusion 

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