Medien und Inklusion – wie geht das?

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Weiden. Wie kommen Menschen mit Behinderung und Medien aller Art zusammen? Worauf müssen Medienvertreter achten? Was wünschen sich Betroffene? Antworten gab der Thementag „Medien und Inklusion“. 

Medien und Inklusion

Das Netzwerks Inklusion Landkreis Tirschenreuth und „Wundernetz2“ haben in der Max-Reger-Halle den Thementag „Medien und Inklusion“ abgehalten. Menschen mit Handicap und Medienvertreter hatten die Chance zum Austauch.

Über 60 hochkarätige Referenten und Gäste – Selbstvertreter*innen mit Behinderungen und einige Medienvertreter*innen – waren angereist. Sie diskutierten angeregt über den Zusammenhang von Menschen mit Behinderungen und Medien aller Art. „Es ist selbstverständlich geworden, dass Menschen mit Behinderungen in den Medien vorkommen und selbst Medien nutzen. Dabei kommen allerdings noch viele Fragen auf. Diesen wollen wir uns stellen und gemeinsam Antworten finden“, so der Tirschenreuther Landrat Wolfgang Lippert bei seinem Grußwort.

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Der Dialog ist wertvoll. Wir müssen uns fragen, welche Barrieren es im Bereich Medien noch zu überwinden gibt.

Menschen mit Behinderungen dürfen nicht nur Protagonisten und Themen der Berichte sein“, sagt die Weidner Stadträtin Hildegard Ziegler.

Berichterstattung auf Augenhöhe

Andrea Schöne ist Journalistin mit Behinderung bei Leidmedien.de, ein Projekt das Tipps für eine Berichterstattung über behinderte Menschen auf Augenhöhe sammelt. Andrea Schöne stellte dar, welche Blicke es auf Menschen mit Behinderungen in Medien gibt: den instrumentalisierenden, den bewundernden, den medizinischen, den mitleidigen und das Porträt/den Eigenblick.

Oftmals würden unangemessene Darstellungen durch falsche Annahmen, Wertungen oder fehlende Informationen zustande kommen. Sie demonstrierte das an verschiedensten Text- und Bildanalysen. Statt „an den Rollstuhl gefesselt“ gelte „Mein Rollstuhl ist meine Freiheit“.

Wichtig sei eine Berichterstattung auf Augenhöhe, die die individuelle Ebene der Person berücksichtigt: „Menschen sind immer unterschiedlich – egal ob mit oder ohne Behinderung. Feste Kategorisierungen und ‚Schicksale‘ kann es da nicht geben“, sagt sie.

Auf den Blickwinkel kommt es an

Für diskriminierungsfreie Fotos sollten Fotografen auf den Blickwinkel achten und die Authentizität: „Was soll betont werden? Wie aktiv wird der/die Fotografierte dargestellt?“, seien wichtige Fragen. Sie plädierte für disability mainstreaming – „Es muss normal werden, dass Menschen mit Behinderungen in Medien vorkommen und nicht eine Besonderheit bleiben.“

Sie gab einen Einblick in die barrierefreie Gestaltung von Medien von Bildbeschreibung bis Gebärdensprache. Sie stellte verschiedene Modelle vor, wie Behinderung verstanden werden kann: nach dem medizinischen Modell, dem sozialen oder dem kulturellen. Davon hänge ab, ob der/die Betroffene als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werde. Mögliche Fettnäpfchen seien oft die (Un-)Sichtbarkeit der Behinderung, die unterschiedliche Zugänglichkeit zu zum Beispiel Führerschein oder Vereinsmitgliedschaft und unterschiedliche Erwartungshaltungen.

Abschließend gab sie praktische Tipps für den Umgang mit verschiedensten Behinderungen: „Leider ist es noch nicht selbstverständlich, dass hier sehr ähnliche Regeln wie in der alltäglichen Kommunikation gelten, wie ein höfliches ‚Sie‘, nachzufragen, direktes Ansprechen oder die körperlichen Grenzen zu wahren. Viele haben unnötige Angst, etwas falsch zu machen.“ Ein Videoclip gab einen einfachen Tipp:

Be human – sei/benimm dich menschlich.“

Wie Sprache ausgrenzt

Praktische Beispiele, was Sprache ausmacht, sollte mehr Klarheit schaffen. Die Verantwortlichen stellten den Dienst „TopEasy – Nachrichten in einfacher Sprache“ der Austria Presse Agentur (APA) vor. Christian Kneil brachte das Problem mit einem Zitat aus der LEO-Studie zu Lese- und Schreibkompetenzen auf den Punkt: 30-40 Prozent der Erwachsenen könnten komplexe Sprache nicht verstehen. Sie würden nur bis Sprachniveau A2 verstehen, 60 Prozent bis Sprachniveau B1 – also Alltagssprache. 80 Prozent der Informationen gebe es aber nur in Sprachniveau B2 oder höher. „Wir riskieren, dass viele Menschen viele Informationen überhaupt nicht bekommen“, mahnte Kneil.

Information hänge eng zusammen mit Mitentscheiden können. Allein viele Anglizismen und Fachwörter würden zum Beispiel ältere Leser*Innen aus – von Behördenkommunikation, die rechtssicher sein müsse, ganz zu schweigen.

APA veröffentlicht deshalb fünfmal pro Woche einen Nachrichtenüberblick in leicht verständlicher Sprache. „Er ist abrufbar über den ORF Teletext, wird als Newsletter an verschiedene Dienste und Einrichtungen aus dem Bereich behinderte Menschen oder Senioren versandt, an lokale und regionale Zeitungen und ist als App fürs Handy verfügbar“, erklärt Kneil. Diese Nachrichten seien Ergänzung zu normalen Pressemeldungen, nur könne jetzt der/die Nutzer*in eben selbst entscheiden, in welchem Schwierigkeitsgrad er/sie den Text lesen will.

Ein regionales Beispiel seien Angebote des Wundernetz2 aus Amberg: In verschiedenen Arbeitsgruppen machen Menschen mit Behinderungen ein Fernsehmagazin bei OTV, gestalten die Homepage des Wundernetzes, machen Radiosendungen als Podcast und ein Magazin in Leichter Sprache. Inklusiven Medien sollen mehr behinderte Menschen ermutigen, selbst Medien zu machen.

„Macht Mediennutzung einfacher!“

Medien und Inklusion

Bei der Podiumsdiskussion sprachen die Teilnehmer darüber, was „Medien für alle“ ausmacht.

Der Thementag endete mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Was bedeutet „Medien für alle?“ Erich Schmid und Kornelia Schmid als pflegende Angehörige hatten einen eindeutigen Wunsch: „Macht die Mediennutzung einfacher! Das kann leicht verständliche Sprache oder eine technisch barrierefreie Gestaltung sein.“ Medienvertreter wie Stefan Zaruba von Oberpfalz Medien und Antonia Zimmer von OTV stimmten ihnen zu.

Über Projekte hinausgehend müsse jedoch daran gearbeitet werden, dass die Redaktionen auch nachhaltig inklusiver und bunter aufgestellt werden. „Nur wer die unterschiedlichen Lebenswelten kennt, kann gute Medien machen“, so die Meinung der Podiumsteilnehmer*innen.

Florian Herrneder und Alexander Morlang begleiteten den Thementag musikalisch mit E-Piano und Schlagzeug. Sie wurde außerdem begleitet von Gebärdendolmetscher*innen. Dank Unterstützung durch Aktion Mensch und die Partnerschaften für Demokratie im Landkreis Tirschenreuth und Amberg im Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ war die Veranstaltung kostenlos.

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