Auf der Spur der untergegangenen Siedlungen im „Grünen Band“

Georgenberg/Rozvadov. Unterwegs im Niemandsland. Der Grenze am ehemaligen Eisernen Vorhang sind wir ganz nah. Kultur und Natur sind dort einzigartig. Es gibt viel zu entdecken.

Oft zeugen nur noch Kriegerdenkmäler, wie hier in der ehemaligen Gemeinde Bömischdorf, von den untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Oft zeugen nur noch Kriegerdenkmäler, wie hier in der ehemaligen Gemeinde Bömischdorf, von den untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Naturdenkmäler in der ehemaligen Grenzregion. Bild: Beate Luber
Naturdenkmäler in der ehemaligen Grenzregion. Bild: Beate Luber
Auf der Spur der untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Auf der Spur der untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber
Oft zeugen nur noch Kriegerdenkmäler, wie hier in der ehemaligen Gemeinde Bömischdorf, von den untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Auf der Spur der untergegangenen Siedlungen. Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber

Grenzen sind an sich ein schwieriges Konstrukt. Sie trennen willkürlich Gebiete ab, grenzen Menschen aus, und sperren andere ein. Beste Beispiele sind die europäische Außengrenze, oder auch der Eiserne Vorhang, der für viele zu einem todbringenden Konstrukt wurde. 12.500 Kilometer verlief er quer durch Europa. War die Grenze tödlich für Menschen, war sie doch für andere heilsam: die Natur. Durch die jahrzehntelange Abwesenheit des Menschen im Grenzstreifen ist ein einzigartiges Natur- und Kulturerbe: Das „Grüne Band“. Es beherbergt über 1.200 gefährdete Pflanzen- und Tierarten. 24 Länder verbindet es in Europa, die der Eiserne Vorhang vorher trennte.

Auch der Böhmerwald ist Teil des Grünen Bandes. In dem Landschaftsschutzpark konnte sich die Natur in den letzten 70 Jahren unabhängig vom menschlichen Handeln entwickeln. Dr. Tomáš Peckert ist Verwaltungsleiter des Naturschutzgebietes Böhmischer Wald (tschechisch: CHKO Český les).

Erlebnisreiche Wanderung mit Dr. Tomáš Peckert, Verwaltungsleiter des Naturschutzgebietes Böhmischer Wald, und Dr. Veronika Hofinger, Direktorin des Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee. Bild: Beate Luber

Aufwerten, aber nicht zerstören

Es ist eine Gratwanderung, die er geht, um das „Grüne Band“ zu bewahren. Einerseits will Peckert den Naturpark so weit aufwerten, dass er als schützenswert eingestuft wird und nicht bebaut werden kann. Andererseits soll er auch nicht so überrannt werden, dass die einsame Natur zu sehr gestört wird.

Denn in dem Grenzstreifen gibt es nicht nur viel unberührte Natur, sondern auch ehemalige Dörfer: Untergegangene Siedlungen nennt Peckert sie. Gerade der Grenzstreifen war früher ein beliebter Siedlungsort. Insbesondere die Wasserkraft und der Holzreichtum der Wälder wurden für Mühlen, Eisenhämmer, Glashütten und Glasschleifen genutzt. Etwa 70 dieser untergegangenen Siedlungen gibt es im Bereich des Böhmerwaldes. Manche haben die Bewohner schon Ende des 19. Jahrhunderts, weit vor dem Kalten Krieg, verlassen. Andere wurden gewaltvoll zwangsgeräumt, als die Grenzen hochgezogen wurden. Bei einigen sind noch Ruinen erhalten, andere wurden komplett abgebaut, das Material woanders verbaut.

Die untergegangene Siedlung Altfürstenhütte. Bild: Beate Luber
Die untergegangene Siedlung Altfürstenhütte. Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber
Ein Paradies für Liebhaber von Lost Places: Die Polierwerkstatt. Bild: Beate Luber
Ein Paradies für Liebhaber von Lost Places: Die Polierwerkstatt. Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber
Bild: Beate Luber

Mit Dr. Veronika Hofinger, der Direktorin des Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee, das sich auch am Projekt „Grünes Band“ beteiligt, machen wir uns auf zu den untergegangenen Siedlungen. Der Ort Nová Knížecí Huť (Neufürstenhütte) liegt etwa zwei Kilometer Luftlinie von der deutschen Grenze entfernt, direkt auf der Höhe von Georgenberg (Kreis Neustadt). Dort ist von der alten Siedlung nur noch eine riesige Rasenfläche mit einem schönen Teich inmitten eines dichten Waldes übrig geblieben.

Doch die große Wiesenfläche ist nicht naturgegeben, sondern ein Siedlungsort. Die Gemeinde ist bereits seit mehr als 100 Jahren verschwunden. Das ganze Glasbläserdorf bestand aus 13 Häusern, in denen 123 Einwohner lebten. Die Glashütte wurde um 1740 gegründet, und ging wahrscheinlich kurz nach dem Jahr 1884 unter. Der Teich versorgte die lokale Glasproduktion mit Wasser. Die alte Siedlung ist Teil des Lehrpfads „Die Glashütten in der Umgebung von Lesná“. Er zeigt die bemerkenswerte Natur des Böhmischen Waldes und die Geschichte der Glasherstellung, die hier in der Zeit vom 16. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Erwerbsquelle bildete.

Tag des „Grünen Bandes“ am 4. Juni

 Am 4. Juni 2022 von 11 bis 17 Uhr stellen sich am Geotop Hochfels in der Gemeinde Stadlern (Kreis Schwandorf) Initiativen aus der Oberpfalz und der Region Pilsen vor, die das Grüne Band erhalten und weiterentwickeln. Besucher dürfen sich auf geführte Wanderungen, Vorführungen historischen Handwerks, Ausstellungen, Vorträge und Mitmachangebote für Groß und Klein freuen. Weitere Infos auf der Webseite des Centrum Bavaria Bohemia.

Heute still, früher umtriebig

Die Waldlandschaft, durch welche der Glasmacher-Pfad führt, ist heute still und verlassen. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah es hier jedoch anders aus. Neben den Glashütten und -betrieben erstreckten sich auf dem Gebiet sechs Gemeinden und Dörfer. Nach dem Jahre 1945 wurden fast alle Dörfer abgerissen.

Weiter auf dem Lehrpfad kommen wir an einem Relikt der Glashüttenzeit vorbei, das sehr gut erhalten ist: eine Original-Glasschleife. Mit der Zeit spezialisierten sich die Glashütten des Böhmischen Waldes zunehmend auf die Herstellung von Flachglas für Fensterscheiben und Spiegel. Die Glastafeln wurden dazu geschliffen und poliert.
Die Arnošt-Polierwerkstatt ist die letzte erhaltene Schleif- und Polierwerkstatt für Flachglas in der Tschechischen Republik. Erst in den 1990er Jahren wurde die historische Einrichtung gefunden. Für Liebhaberinnen und Liebhaber von Lost Places ist die alte Glasschleife mit ihren riesigen Schleifplatten ein Abenteuerspielplatz.

Vor dem Menschen für den Menschen schützen

Aufgrund der geringen Infrastruktur ist es nicht möglich, zu den Orten direkt mit dem Auto zu fahren. Auch hier wieder eine Gratwanderung: Klar sollten auch Leute, die schlecht auf den Beinen sind, nicht ausgeschlossen werden. Andererseits bedeutet eine bessere Infrastruktur auch, dass der Erholungsraum zerstört wird. Tourismus und Aufmerksamkeit kann Fluch und Segen zugleich sein. „Wir müssen die Natur für den Menschen vor den Menschen schützen“, drückt Peckert die Paradoxie aus.

Mehr Infos zum „Grünen Band“ im Böhmerwald

Die untergegangenen Siedlungen und Rundwege sind auf dieser tschechischen Internetseite der Naturparkverwaltung verzeichnet, die jedoch per Google-Übersetzer auch auf Deutsch zugänglich ist.

Weitere Infos zum Projekt „Grünes Band“ im Böhmerwald gibt es auf der Webseite des Vereins Centrum Bavaria Bohemia.

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