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50 Jahre CSU-Ortsverband Wurz: „Weil do samma dahoam“

Wurz. Zusammengerechnet hat die Boy-Group im Alten Pfarrhof in Wurz mehr als ein halbes Jahrtausend auf dem Buckel. Ein halbes Jahrhundert haben die Gründerväter an der Entwicklung ihres Dorfs mitgewirkt. Heute machen sie das, was sie am besten können: Sie bereiten die 50-Jahrfeier ihres CSU-Ortsverbands am 16. Juni vor.

Im Historischen Wurzer Pfarrhof stehen sie alle beieinander. Hier feiern sie am kommenden Donnerstag, 16. Juni, ihr 50-Jähriges. Der Querschnitt eines Dorfes: Sie repräsentieren Gemeinderat, Pfarrgemeinderat, Ortsverschönerungsverein, Sportverein und Feuerwehr. Sie haben Wurz geprägt, mitgestaltet, vorwärtsgebracht.

1972, das Gründungsjahr des CSU-Ortsverbands Wurz, ist eine echte Wegmarke. Seit damals hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt – von rund 250 auf über 500. Vor 50 Jahren haben sich auch die Wurzer Hogerer gegründet, um das Brauchtum zu bewahren und Jahr für Jahr den Maibaum aufzustellen.

Gleich gegenüber dem Maibaum geht*s rein in den Alten Pfarrhof, wo der CSU-Ortsverband sein 50-Jähriges mit Finanzminister Albert Füracker feiert. Bild/Kollage: Jürgen Herda

Historischer Pfarrhof vor dem Abriss

Auch der Veranstaltungsort für die anstehende 50-Jahrfeier ist kein Zufall. Heute kann man sich den idyllischen Garten mit den Kleinskulpturen in allen Nischen vor dem spätbarocken Prachtbau mit Walmdach wieder als Sommerresidenz der Waldsassener Äbte vorstellen. 1972 aber, nach dem Auszug des letzten Pfarrers, war das Ensemble nach Plänen des Architekten Philipp Muttone, zugleich Baudirektor des Zisterzienser-Stifts Waldsassen, so heruntergewirtschaftet, dass man ernsthaft den Abriss dieses Baudenkmals in Erwägung zog.

Einer Kommission aus bischöflichem Finanzdirektor, Diözesanarchitekten, Bezirksheimatpfleger, Kirchenpfleger und den Bürgermeistern von Wurz und Mitteldorf ist der Erhalt dieser Architekturperle gelungen. Die Rettung der Bausubstanz verdanken die Wurzer allerdings der Berliner Ärztin Rita Kielhorn, die das Pfarrhaus mit bröckelnder Außenfassade, feuchten und schimmeligen Wänden, zerbrochenen Fensterscheiben und morschen Fußböden erwarb.

Aushängeschild Wurzer Sommerkonzerte

Mit ausschließlich einem – für heutige Verhältnisse peinlichen – Zuschuss von 3000 Mark für den Fassadenanstrich vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sanierte die gebürtige Oberschlesierin Pfarrhaus, Einfriedungsmauer und Pferdestall mit beträchtlichen Eigenmitteln. Seit 1988 organisiert die Liebhaberin klassischer Musik die renommierten Wurzer Sommerkonzerte. „Musiker aus ganz Europa bewerben sich für die Sommerkonzerte“, machte die 89-Jährige den Bekanntheitsgrad in einem Interview deutlich.

Wenn man einem Auswärtigen heute erklärt, was Wurz ausmacht – der Pfarrhof mit den Wurzer Sommerkonzerten gehört sicher dazu. „Man muss schon sagen, dass sie inzwischen einen guten Ruf unter Freunden klassischer Musik weit über die Region hinaus genießen“, freut sich Hans Stangl, eines der Gründungsmitglieder des CSU-Ortsverbandes. „Da ist dann der Garten immer voll mit so an die 400 Besucher aus Weiden, Amberg, Nürnberg – von überall her.“

Plauderstunde mit den Gründern des CSU-Ortsverbandes Wurz und ihren Nachfolgern im Alten Pfarrhof. Bild: Jürgen Herda

Was, wenn die Frau Doktor nicht mehr kann?

Was der Zoiglstern für das frisch Gebraute ist, zeigt eine kleine Mozart-Figur bei den Wurzer Konzerten an: „Die steht dann immer draußen in der Nische neben dem Eingangstor“, zeigt Johann Bäuml, der sich als einfaches Mitglied bezeichnet, die Leerstelle in der Mauer. Im restlichen Jahr steht ein großer Teil des Gebäudekomplexes leer, lediglich eine Wohnung ist vermietet. „Das ist halt die Frage“, munkelt Hans Stangl, „was damit passiert, wenn die Frau Doktor nicht mehr kann.“ Die Seniorin sei gerade im Krankenhaus, die Söhne lebten in Berlin und hätten bereits signalisiert, dass sie nicht sechs Wochen im Jahr herkommen könnten, um die Sommerkonzerte zu organisieren.

„Es gibt den Förderverein“, versucht Karl Meiler, ein weiteres CSU-Gründungsmitglied, einen Lösungsansatz. „Aber wenn das mal verkauft wird …“. Könnte nicht die Gemeinde als Investor einspringen – schließlich geht es hier um die bedeutendste kulturelle Institution zwischen Weiden und Waldsassen? „Das ist für so eine kleine Gemeinde nicht zu stemmen“, ist Johann Bäuml skeptisch. „Aber in Falkenberg haben sie’s auch irgendwie geschafft“, wirft die einzige Vertreterin des katholischen Frauenbundes ein, „die Burg zu sanieren“.

Hoffnungsträger Füracker

„Mit erheblichen Fördermitteln“, dämpft Karl Meiler die Hoffnungen. Eben. Am kommenden Fronleichnam-Donnerstag kommt ja Finanzminister Albert Füracker zur 50-Jahrfeier.  „Ja, ich weiß ja nicht, ob er da auch ein Gehör dafür hat“, sagt Johann Bäuml, der die heutige CSU-Parteizentrale in München eher kritisch sieht. Außer den Ehrengast, natürlich. „Der Füracker ist ein Oberpfälzer, das muss man jetzt auch wieder sagen.“

Und da tut es auch keinen Abbruch, dass der aus der Neumarkter Gegend stammt. Im Gegenteil: „Die Neumarkter, das sind die ganz eingefleischten Oberpfälzer“, lobt Bäuml den gelernten Landwirt. „Der Füracker macht auf mich schon einen sympathischen, also, einen bodenständigen Eindruck“, legt er nach. Jetzt lasse man ihn erst mal kommen. „Er darf seine Rede halten, vielleicht ergibt sich dann die Gelegenheit“, sinniert die Parteibasis.

Der barocke Alte Pfarrhof von Wurz stand 1972 vor dem Abriss. Glücklicherweise wurde nur die Mauer um ein kleines Stück versetzt. Bild: Jürgen Herda

Söder zu sprunghaft

Den Ministerpräsidenten sehen die Wurzer in kritischerem Licht: „Na ja, für mich ist der Söder zu effekthaschend“, findet Johann Bäuml, „und dann manchmal wieder so opportunistisch. Manchmal fehlt mir einfach die klare Linie. Der ist mir zu sprunghaft.“ Und zu schnell wechsle er seine Positionen, pflichtet Stangl bei. „Ja, und teilweise wird zu kurz gesprungen, dann muss er wieder korrigieren“, legt Bäuml nach, der in jungen Jahren als Revoluzzer mit „Stoppt Strauß“-Aufkleber auf dem Moped die Empörung manch älterer Wurzer vor Hans Stangls Lebensmittelgeschäft auf sich zog.

Wie bitte? Nicht einmal der CSU-Übervater findet hier Gnade? „Der Strauß war definitiv nicht der Grund, warum ich zur CSU gekommen bin“, bekräftigt Bäuml. Hier teilen sich die Geister. „Der Strauß war natürlich schon eine Figur“, versucht sich der aktuelle Ortsverbandsvorsitzende Josef Stangl an einer Ehrenrettung. „Wie er g’redt hat und sich aufregen hat können und wie er den politischen Gegner oft richtig fertig machen hat können rein verbal“, zeigt der Gemeinderat aufrichtige Bewunderung.

Zur Partei wegen Landrat Christian Kreuzer

1972, das war auch das Jahr der erbitterten Redeschlachten um Willy Brandts Ostpolitik. Gegen die Unterzeichnung der Warschauer Verträge lief die CSU Sturm. In Wurz schaut man da aber nur in ratlose Gesichter. Was hat denn nun aber die drei alten Herren damals bewegt, der bayerischen Staatspartei beizutreten? „Wenn, dann ist es um den Ort gegangen, um die Kommunalpolitik“, sagt Gründungsmitglied Sepp Gleißner. Und Hans Stangl ergänzt: „Hauptsächlich um die Kandidatur von Christian Kreuzer als Landrat.“ So also.

„Der hat Ortsverbände gefördert, weil es stimmenmäßig eng war“, fährt Stangl fort. „Da hat er überall Delegiertenstimmen gebraucht.“ Deshalb habe er mit angeschoben, überall mehr Ortsverbände zu gründen. „Das war auch der Grund, warum ich dazu gegangen bin“, gibt Sepp Gleißner offenherzig zu. „Ich hab‘ ja von der Politik keine Ahnung gehabt.“ Aber als Mitarbeiter am Landratsamt sei Kreuzer eben sein Dienstherr gewesen. „Wessen Brot ich ess‘, dessen Lied ich sing‘“, sagt er schmunzelnd.

Gründungsmitglied Hans Stangl führt durch das Anwesen. Bild: Jürgen Herda

Mehr Verein als Partei

Reihum ist von parteipolitischer Verbissenheit wenig zu spüren. Im Gegenteil. Man fühlt sich mehr als Verein, denn als Partei. „In einem Dorf wie Wurz, ja, ich sag jetzt mal, da ist man flexibel“, sagt Bäuml. „Da hält man zusammen, da hilft man sich, und da akzeptiert man nicht alles, was von oben kommt.“ Karl Meiler kennt in Wurz wie weiland der letzte deutsche Kaiser eh keine Parteien: „Früher war auch der Zusammenhalt besser“, schwärmt er von der Kameradschaft im Gemeinderat. „Der Sepp, ein SPDler, war immer bei mir gesessen – wir waren immer zusammen auf den Sitzungen.“

Im Gemeinderat habe es überhaupt keine Rolle gespielt, welcher Partei man angehört habe, weiß Bäuml. „Das war völlig irrelevant.“ Und auch Thomas Stock, ein jüngerer Gemeinderat, ist erst durch seine Kandidatur zur Partei gekommen: „Ich bin jetzt die zweite Periode im Gemeinderat und damals beim Aufstellen auf die CSU-Liste draufgekommen – und bin auch reingekommen, saudummerweise.“

Ausgerechnet zu den Püchersreuther Protestanten

Keinen Spaß kannte man damals allerdings, wenn es um Püchersreuth ging. Der Konflikt um die Eingemeindung ausgerechnet bei der östlichen Großgemeinde erinnert an den erbitterten Daily-Soap-Streit zwischen Lansing und Wangen bei „Dahoam is Dahoam“. „Am Anfang war’s leider sehr stark Püchersreuth versus Wurz“, erinnert sich Bäuml. „Das war ein harter Kampf, bis sich das dann eingespielt hat nach langen Jahren.“ Das sei halt bei den Alten so in den Köpfen drin gewesen: „Wir sind Püchersreuther, wir sind Wurzer – auch bei der Rivalität der Fußballer“, erinnert sich Stock.

Nicht vergessen dürfe man freilich, wird Bäuml analytisch, die Glaubensfrage: „Wurz war mehr oder weniger rein katholisch und Püchersreuth halbe-halbe evangelisch und katholisch.“ Damals noch ein brisantes Thema: „Da kommen die Evangelischen, also die Protestanten her, da muss man schon ein wenig vorsichtig sein.“ Mittlerweile interessiere das aber keinen mehr. Damals, 1978, aber sei die Hälfte der Mitglieder aus dem CSU-Ortsverband ausgetreten.

Musikalische Figurette und Wappen von Wurz. Bilder: Jürgen Herda

Entwicklungshemmnis Kirchengrund

Von über 60 Mitgliedern runter auf 24 – und heute stabilisiert bei gut 30. Eine ganz normale Partei eben in Zeiten nachlassender Bindungskraft der Volksparteien. Weil aber das Dorf wichtiger war als die Partei, freuen sich die Wurzer über die Verdoppelung der Einwohnerzahl seit der Gründung. Damals sei die Entwicklung stark eingeschränkt gewesen: „Wir hatten so viel Kirchengrund in der Nähe vom Dorf“, erzählt Karl Meiler. „Und die haben nichts rausgerückt.“ Bis Pfarrer Josef Unsicker gekommen sei: „Der’s dann hergegeben hat auf Erbbaurecht“, ergänzt Hans Stangl.

Danach seien viele Baugebiete erschlossen worden, sagt Thomas Stock. Schließlich könne man sich einer „super Lage zwischen Neustadt, Weiden, Tirschenreuth und Erbendorf“ rühmen, beschreibt Bäuml. „In der Nähe der Autobahn, der Tunnel in Neustadt ist natürlich nochmal ein Highlight.“ Und vom Preis her, lobt Josef Stangl: „Die Bauplatzpreise sind bei uns auch noch … also sie steigen jetzt auch schon rasant, muss man sagen … aber sie sind doch noch im Rahmen.“

Fast alle Bürgermeister aus Wurz

Und natürlich: „In den 44 Jahren seit der Gebietsreform sind alle – bis auf einen Ausrutscher – aus unserem Ortsverband gekommen.“ Ein Bürgermeister schaue natürlich auf seine Gemeinde. „Man hat alle Töpfe ausgeschöpft“, sagt Stangl, „so gut es gegangen ist, das ist ja ganz legal, dafür sind’s ja da, und das waren die Hauptgründe, warum wir so weit gekommen sind.“

Heute schaut Wurz auf ein kerngesundes Dorf, „weil wir auch alle Geschäfte vor Ort gehabt haben, einen Metzger, einen Bäcker, ein Wirtshaus, Kirche, Lebensmittelgeschäft“, zählt Sepp Gleißner auf. Und der Dorfverschönerungsverein habe sein Übriges beigesteuert: „Ja, Sepp, du musst schon sagen“, hebt Bäuml die Leistungen der Kollegen hervor, „ihr habt eine Halle gebaut, ihr habt eine Mosterei gebaut, für den Apfelsaft zum Mosten, und das haben die alles gemacht und alles nur vom Feinsten.“

Der Maibaum mit den Emblemen der Wurzer Vereine. Bild: Jürgen Herda

Wurzer O’schnitt im Oktoberfest-Format

Den Wurzer O’schnitt nicht zu vergessen. „Das ist so eine Art Erntedankfest, das gibt’s nur in ganz wenigen Orten“, erklärt Bäuml. In der Dimension heute eine Art Oktoberfest, sagt OK-Ticket-Geschäftsführer Manfred Wolfrath. „Und der ist dann auch immer größer geworden und irgendwann hat man gesagt, ja, wir bauen eine Halle.“ Ein Aushängeschild für die ganze Ortschaft.

Und natürlich die Vereine: „Unsere Ortschaft hat 30 Vereine“, ergänzt Stangl. „Und jeder nimmt am Leben teil, jeder möchte sich auch ein wenig profilieren, so ist eigentlich immer irgendwo irgendwas los.“ Und wie groß war da jetzt der CSU-Anteil an dieser Entwicklung? „Ja schon“, räumt Hans Stangl bescheiden ein. „Weil die meisten Bürgermeister waren von der CSU.“

35. Wurzer Sommerkonzerte 2022

Samstag, 30. Juli 2022, 18 Uhr: Eröffnungskonzert, Harmonia Praga und Walter Hofbauer, Trompete –  Vivaldi, Händel, Mozart, Vejvanovsky, Gabrielli, Bartok, Schostakowitsch

Sonntag, 31. Juli 2022, 16 Uhr: Foaie Verde, „Phoenix“ Balkan Emotion Pur

Samstag, 6. August 2022, 18 Uhr: Combo CAM, „Wondrous machine“, Purcell, Dowland, Shlomowitz, Reich und englische traditionelle Musik

Sonntag, 7. August 2022, 16 Uhr: Windtrio des Tschechischen Rundfunks, Beethoven, Smetana, Dvořák, Ibert, Martinů, Janáček, Milhaud

Samstag, 13. August 2022, 18 Uhr: Posaunenquartett OPUS 4, Sommerkonzert mit Alphorn

Sonntag, 14. August 2022, 16 Uhr: Prague Cello Trio und Marek Švestka, Kontrabass, brillante Adaptionen für Celli von Filmmusik, Jazz und bekannten Klassikern

Samstag, 20. August 2022, 18 Uhr: Elzbieta Mazur, Klavier, „Der Titan und der Visionär“, Beethoven und Chopin

Sonntag, 21. August 2022, 16 Uhr: Jazz Duo Gibson/Günther, „Pieces for the Landscape”, Alex Gibson, Trompete, Andreas Günther, Piano

Samstag, 27. August 2022, 18 Uhr: TenHagen Quartett, Mozart: KV 575, Grażyna Bacewicz: SQ Nr. 4, Beethoven: op. 59 Nr. 2 „Rasumowsky”

Sonntag, 28 August 2022, 16 Uhr: Liv Migdal, Violine solo, J.S. Bach, Biber, Piazzolla, Perkinson, Sarasate mit Matan Goldstein, Cajon

Samstag, 3. September 2022, 18 Uhr: Barocktrompeten Ensemble Berlin, „Tromba Festiva“, Festmusik der Könige und Fürsten des 17./18. Jahrhunderts.

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