Als Hütten und Gmünd noch unabhängig waren: Geschichte einer „Vernunftehe“

Grafenwöhr. Es ist ein Stück regionale Geschichte, wie Hütten und Gmünd im Zuge der Gemeindegebietsreform zu Grafenwöhr gekommen sind.

Postkarte aus Hütten. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Hütten. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Hütten. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Hütten. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Gmünd. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Gmünd. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Gmünd. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Postkarte aus Gmünd. Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
 Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
 Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
 Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Foto: Archiv Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr

Der Bayerische Staat hatte Anfang der 1970er Jahre eine Gemeindegebietsreform angestoßen. Kleine Gemeinden sollten zu größeren Verwaltungseinheiten mit mindestens 5.000 Einwohnern zusammengefasst werden. Geschah dies freiwillig vor dem Frühjahr 1978, gab es auf mehrere Jahre verteilt erhöhte Schlüsselzuweisungen.

Die Honoratioren beratschlagen sich

Für die seit 1808 eigenständigen politischen Gemeinden Gmünd mit Josephsthal und Nagelschmiede sowie Hütten mit Grub und Steinfels stellte sich die Frage, wem sie sich anschließen sollten.

In Gmünd beratschlagten sich der Erste Bürgermeister Mathias Krauß, der Zweite Bürgermeister Georg Dobmann und die Gemeinderäte Franz Sporrer, Oskar Dobmann, Karl Dobmann, Wolfgang Götz und Paul Walberer.

In Hütten diskutierten der Erste Bürgermeister Walter Ruprecht, der Zweite Bürgermeister Josef Aumüller und die Räte Baron von dem Bongart, Theo Witzl, Josef Winterstein, Eduard Wittmann und Willi Wittmann.

Für Grafenwöhr war die Sache klar

Die Stadt Grafenwöhr hatte sich seit 1971 bereits mit der Gebietsreform befasst und der Stadtrat im Dezember entschieden Anspruch auf Moos und Bärnwinkel, Dießfurt, Gmünd, Hütten, Schwarzenbach und Kaltenbrunn zu erheben.

Begründungen waren der Pendelverkehr durch den Truppenübungsplatz, eine begrenzte Ausdehnungsmöglichkeit, die Erweiterung des Schulsprengels zur Ansiedlung einer Realschule und die Bereitschaft von Mantel zur Zusammenarbeit in einer Verwaltungsgemeinschaft.

Zum Grafenwöhrer Stadtrat gehörten damals der Erste Bürgermeister Walter Asam, Zweiter Bürgermeister Georg Zechmayer sowie die Räte Franz Brunner, Leonhard Daubenmerkl, Josef Geier, Hubert Heindl, Oskar Herrmann, Max Hößl, Hans Kammerer, Josef Koller, Konrad Meißner, Karl Mößbauer, Anton Peter, Leonhard Schopf, Karl Siller, Josef Stümpfl und Ernst Wörfel.

Eine schwierige Entscheidung

Für Gmünd und Hütten war die künftige Zugehörigkeit zu Grafenwöhr nicht selbstverständlich und die Gemeinderäte haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. In Gmünd wurde eine Verwaltungsgemeinschaft mit Hütten, Kaltenbrunn und Schwarzenbach geprüft. Hütten wiederum prüfte eine Gemeinschaft mit seinen Nachbargemeinden Mantel und Kaltenbrunn.

Abwägen der Argumente

Beides kam nicht zustande, schließlich musste man entscheiden, wem man eher zugewandt war oder wo man die besseren Zukunftschancen sah. Die Gemeinde Hütten hatte traditionell keine Bindung nach Grafenwöhr, gehörte es doch jahrhundertelang zur Herrschaft Parkstein und zuletzt zum Landkreis Neustadt/WN.

Auch kirchlich war man seit Jahrhunderten nach Steinfels und Mantel orientiert. In Sachen Schule hatte man seit 1969 einen Schulverband mit Mantel und Kaltenbrunn, auch freundschaftlich und verwandtschaftlich war man dem Nachbarort sehr verbunden.

Steinfels plädierte fast geschlossen für Mantel

Eine besondere Lage zwischen den Orten hatte Steinfels. Es gehörte zwar zu Hütten, war Mantel aber näher. Deshalb gab es hier eine eigene Bürgerabstimmung, bei der 47 Steinfelser für Mantel votierten und nur eine Person für Grafenwöhr. Dennoch entschieden sich die Hüttener für die Eingemeindung nach Grafenwöhr.

Ausschlaggebend war letztendlich, dass viele am Truppenübungsplatz beschäftigt waren. Der Gemeinderat wollte die Eingemeindung erst 1976 vollziehen, doch die im Lager Beschäftigten drängten auf den sofortigen Beitritt 1972.

Eingemeindung von Gmünd war logisch

In Gmünd, das wie Grafenwöhr im Landkreis Eschenbach lag, entschieden sich 90 Prozent bei der Abstimmung für Grafenwöhr, allerdings lag die Wahlbeteiligung nur bei 27 Prozent. Viele arbeiteten im Lager, man war kirchlich nach Grafenwöhr orientiert und hatte dort Freunde und Verwandte. Zudem teilte man sich seit Anfang 1967 bereits das Standesamt mit Grafenwöhr und hatte einen Schulverband mit der Stadt. Die Eingemeindung nach Grafenwöhr war deshalb nur eine logische Folgerung.

Es war kein leichter Schritt seine Eigenständigkeit aufzugeben und in eine ungewisse Zukunft zu schauen. Würden die Belange der Ortsteile berücksichtigt werden? Wäre man nur ein Anhängsel von Grafenwöhr?

Eine „Vernunftehe“ mit Grafenwöhr

Die sieben Gemeinderäte von Hütten und die sechs Gmünder Gemeinderäte entschlossen sich schließlich am 8. März 1972, sich Grafenwöhr ab 1. Juli 1972 komplett anzugliedern. Ausnahme war Steinfels, das zu Mantel eingegliedert wurde. Für beide Gemeinden war die Verbindung mit Grafenwöhr eher eine „Vernunftehe“. Der Grafenwöhrer Stadtrat stimmte den Eingemeindungen und den damit verbundenen Verträgen schon am 27. bzw. 29. Februar 1972 zu.

Gmünd brachte kein Vermögen in die neue Verbindung mit ein, da die Gemeinde ihr vorhandenes Geld vor der Eingemeindung vorausschauend noch in die Sanierung der Dorfstraße steckte. Weiterhin wurden 1971 der Sportplatz und das Sportheim des TSV Gmünd gebaut, in welche die Gemeinde viel Geld investierte.

Hütten hatte durch Industrie- und Handwerksbetriebe ein gutes Steuereinkommen als „Mitgift“ im Säckel. Zudem konnte man durch den Zusammenschluss mit Hütten das Zonenrandförderungsprogramm in Anspruch nehmen, das gewisse Vorteile für Firmen bereithielt.

Grafenwöhrer Perspektive

Für die neue gewachsene Gemeinde Grafenwöhr war die Eingemeindung in jedem Fall ein Gewinn im Hinblick auf die Einwohnerzahl, die Fläche, den Militär-Flugplatz und auch die Schlüsselzuweisungen. Auch die Ortsteile profitierten von der neuen Verbindung, beispielsweise durch günstigere Wasserpreise.

So kam es, dass Grafenwöhr um die zwei Ortsteile Hütten und Gmünd und die zwei Weiler Grub und Josephsthal wuchs, fast allesamt älter als die Stadt selbst und vom einstigen Hammerwesen und den späteren Glas- und Polierwerken geprägt.

Das Zusammenwachsen nach der Eingemeindung

50 Jahre und zwei Generationen später, fühlen sich die Hüttener und Gmünder automatisch Grafenwöhr zugehörig, sei es durch die Schule, den Beruf oder die Nahversorgung. Die einstige Eigenständigkeit und eigene Infrastruktur mit Schule und Verwaltung ist nur noch in Erinnerungen der älteren Bewohner erhalten. In Gmünd erinnert seit dem Abschluss der Dorferneuerung 2015 bei der Kirche eine Skulptur an die frühere Gemeinde Gmünd und die drei Ortsteile.

Seit der Eingemeindung 1972 sind in jeder Stadtratsperiode Stadträte aus Gmünd und Hütten gewählt worden, die die Belange der Ortsteile vertreten. Zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen haben das Leben in den Ortsteilen verbessert, so dass sich die einstige „Zwangsheirat“ rückblickend als positiv und fruchtbringend erwiesen hat.

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