ARTE-Doku über Hans Schuierer, den „1. Verteidiger des Rechtsstaats in Bayern“

Wackersdorf. In der Reihe "Nach einer wahren Geschichte" zeigt ARTE am Sonntag, 7. August, 8.55 Uhr, einen Film über Hans Schuierer, die Galionsfigur im Kampf gegen die WAA.

Hans Schuierer, der entschiedene und mitentscheidende Kämpfer gegen den Bau der WAA. Foto: Archiv Wolfgang Nowak
Hans Schuierer, der entschiedene und mitentscheidende Kämpfer gegen den Bau der WAA. Foto: Archiv Wolfgang Nowak
Wolfgang Nowak (rechts) war ein Mitstreiter des WAA-Widerstands und Weggefährte von Hans Schuierer. Noch heute führt Nowak Besucher über das Gelände bei der letztlich gescheiterten Wiederaufarbeitungsanlage. Das Foto zeigt Nowak (rechts) bei einem Rundgang mit der SPD 60 plus-AG vor wenigen Monaten. Foto: Udo Fürst
Wolfgang Nowak (rechts) war ein Mitstreiter des WAA-Widerstands und Weggefährte von Hans Schuierer. Noch heute führt Nowak Besucher über das Gelände bei der letztlich gescheiterten Wiederaufarbeitungsanlage. Das Foto zeigt Nowak (rechts) bei einem Rundgang mit der SPD 60 plus-AG vor wenigen Monaten. Foto: Udo Fürst
Vor einigen Jahren signierte Hans Schuierer beim Filmabend der SPD Eschenbach Bücher und DVD's. Bild: Hubert Schmidt
Vor einigen Jahren signierte Hans Schuierer beim Filmabend der SPD Eschenbach Bücher und DVD’s. Bild: Hubert Schmidt
Wolfgang Nowak
Udo Fürst
Bild: Hubert Schmidt

Es sind eindringliche und aufrüttelnde Bilder, Szenen und Worte, die in den knapp 27 Minuten zu sehen und zu hören sind. Auch heute noch. Nach fast 40 Jahren. Wolfgang Nowak, engagierter Mitstreiter Hans Schuierers beim damaligen Widerstand, sagt dazu: „Wir wollten eigentlich in unseren Aktionen ruhiger werden – aber jetzt kocht das Thema Laufzeitverlängerung wieder hoch. Auch deshalb ist dieser Film so wichtig.“

Anfrage aus Paris

Der Wackersdorfer Nowak, der heute noch Interessierte zu den Stätten des Widerstands führt, war damals in den 1980er Jahren hautnah dabei. Er kennt unzählige Menschen aus diesen Jahren – diesseits und jenseits des einstigen Bauzauns. „Es ist ein eindrucksvoller Film geworden“, freut sich Nowak und erzählt, wie alles zustande kam.

„Vor sechs Monaten rief mich Ruxandra Annonier aus Paris an. Sie fragte, ob ich Bilder und Filme habe über den Widerstand gegen die WAA und von Hans Schuierer.“ Sie mache auf ARTE eine Serie ähnlich der „Lebenslinien“ im BR, in der besondere Menschen vorgestellt werden. Leider habe sie vom Bayerischen Rundfunk keine Unterstützung bekommen. „Anscheinend kann man dort immer noch nicht frei entscheiden“, vermutet Nowak. Natürlich habe er die Produzentin sehr gerne unterstützt.

Prominente Figuren

Der Film über den Widerstand des langjährigen Schwandorfer Landrats Hans Schuierer ist Teil der Reihe „Nach einer wahren Geschichte“ mit sehr prominenten Figuren: Nazijäger Fritz Bauer gehört ebenso zu den Protagonisten wie Lech Wałęsa oder Lucie Aubrac, eine berühmte Widerstandskämpferin der Résistance. Im Schuierer-Beitrag sind Originalaufnahmen und Ausschnitte aus dem Film „Wackersdorf“ von Oliver Haffner aus dem Jahr 2018 mit Johannes Zeiler in der Rolle des Schwandorfer Landrats zu sehen.

Eine Galionsfigur

„Der Kommunalpolitiker wurde zu einer Galionsfigur der oppositionellen Bewegung, die sich zwischen 1981 und 1988 im ganzen Land ausgebreitet hat.“ Mit dieser Einleitung beginnt die Dokumentation, in der der Widerstand gegen die WAA als „Schlüsselmoment der deutschen Anti-Atom-Bewegung und politische Emanzipation eines kleinen abgelegenen Dorfes in Bayern“ bezeichnet wird.

Im Film wird Schuierers erbitterter und unermüdlicher Kampf gegen den damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß verdeutlicht. Strauß änderte sogar ein Gesetz, um die Befugnisse des Landrats auszuhebeln, die dieser bei Baugenehmigungen innehatte.

Tränengas aus Hubschrauber

Trotz aller teilweise am Rand der Rechtsstaatlichkeit durchgeführten Vorgehensweisen durch den Freistaat und seine Repräsentanten gaben Hans Schuierer und seine Mitstreiter nicht auf, setzten ihren Kampf gegen die WAA unermüdlich fort. Im Mittelpunkt der Kritik stand das – von „Oben“ durchaus so gewollte – rücksichtslose Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten.

Unvergessen bei den damals unmittelbar Betroffenen dürfte der Tränengasbomben abwerfende Hubschrauber der bayerischen Polizei sein. Diese Aktion forderte Hunderte Verletzte, darunter viele friedfertige Menschen, Frauen und Kinder. „Dabei handelte es sich um eine Machtprobe der bayerischen Regierung mit Mitteln, die in Deutschland nie zuvor eingesetzt worden waren“, heißt es in der Doku.

Oberpfalz als Symbol

Als die Baugenehmigung der WAA mittels Gesetzesänderung durchgedrückt war und die Bauarbeiten begonnen hatten, brachten ab 1986 mehrere Ereignisse das Vorhaben doch noch zu Fall: Das Reaktorunglück von Tschernobyl, der Tod des größten WAA-Befürworters Franz-Josef Strauß, und die Erkenntnis, dass eine solche Anlage in der Oberpfalz als „Symbol des Anti-Atomkampfes“ politisch unvertretbar sei.

Am 31. Mai 1989 verkündete die „Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen“ den Baustopp. Die Brennstäbe wurden nach Frankreich geschickt. Hans Schuierer: „Die Philosophie, dass die Polizei mit den Demonstranten nicht mehr fertig werden darf, ist aufgegangen.“

„Unbestechlich und unbeugsam“

Das Ende der Wiederaufarbeitungsanlage ist zum Großteil den kämpferischen Oberpfälzern mit Hans Schuierer an der Spitze zu verdanken. Acht Jahre lang kämpfte der SPD-Landrat gegen die schier übermächtige Staatsgewalt, um an Ende doch zu gewinnen. „Unbestechlich, unbeugsam, kämpferisch und stets bescheiden“ sei der Kommunalpolitiker gewesen, heißt es über den Mann, zu dem heute noch viele Weggefährten von damals und auch Teile der jüngeren Generation mit Bewunderung aufblicken. Für sie gilt der heute 91 Jahre alte Wackersdorfer nach wie vor als „1. Verteidiger des Rechtsstaats in Bayern“.

Die Dokumentation über Hans Schuierer ist bereits jetzt in der Mediathek von ARTE zu sehen.

Am 6. Juni 1989 unterzeichneten der deutsche Umweltminister Klaus Töpfer und der französische Industrieminister Roger Fauroux das Abkommen, das das endgültige Aus für Wackersdorf bedeutete. Heute gehört Wackersdorf wieder zu den reichen Gemeinden Bayerns – wegen der Ausgleichszahlungen für die entgangene WAA und dank des Industrieparks, der stattdessen aufgezogen wurde. Nach der Projekteinstellung wurde das Gelände von den WAA-Managern innerhalb weniger Wochen an Industriefirmen vermietet oder verkauft. So schloss BMW Ende 1989 einen Vertrag zum Kauf eines Teilgeländes (50 Hektar) ab und fertigt hier seit 1990 Fahrzeugkarosserien. Ab 1994 wurde der BMW-Standort zum Industriepark ausgebaut. 1998 wurde der BMW-Industriepark in Innovationspark Wackersdorf umbenannt. Neben dem Autobauer unterhalten dort unter anderem Firmen wie Grammer, Caterpillar oder Gerresheimer Produktionsstätten mit mehreren Hundert Arbeitsplätzen.  

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