Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]: Der Krieg der Worte oder Willkommen in Auerbachs Keller

Nordoberpfalz. „Klimaterroristen“, "Sozialtourismus", „Defensive Architektur“ und viele bescheuerte Sprachschöpfungen mehr bevölkern unsere schöne deutsche Sprache. Ich finde diesem Wildwuchs gefährlich.

Ohne Worte. Foto: Ann-Marie Zell

„Klimaterroristen“ ist das Unwort des Jahres 2022. Damit würden pauschal Menschen diskreditiert, die sich für Klimaschutzmaßnahmen einsetzten, begründete die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) ihre Entscheidung.

Auf dem zweiten Rang landete der „Sozialtourismus“, der bereits 2013 zum Unwort gekürt worden war, Friedrich Merz hat diesen Hut wieder in den Ring geworfen. Warum auch die alten Phrasen wegschmeißen, wenn man sie recyclen kann? Bester Adenauer-Barock eben.

Fast schon pervers finde ich den dritten Kandidaten auf dem Sprachtreppchen, die „Defensive Architektur“. Sie bezeichnet keinen schöpferischen städtebaulichen Akt, sondern vielmehr eine Bauweise, die verhindert, dass sich Obdachlose oder andere Menschen länger an öffentlichen Orten niederlassen können. Das wäre aber auch eine Katastrophe. Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, deren Sprache einst rund um den Globus geliebt wurde. Lang, lang ists her.

Es kam, wie es kommen musste

Was war dann eigentlich nach der Bekanntgabe der Unwörter das Ende vom Lied? Es wurde mitnichten über die Hintergründe der Wortschöpfungen diskutiert, es folgte vielmehr eine breite, springerbefeuerte Debatte über die Jury, die angeblich zu links, zu woke, zu politisch korrekt war.

Den Teufel spürt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.

Mephisto zu Faust, Auerbachs Keller

Wir sind schon eine lustige Gesellschaft und auch ein proktologisches Phänomen. Denn neben dem obligatorischen Stock im Gesäß des Deutschen passt locker noch ein Duden mit hinein. Das kann es tatsächlich nur bei uns geben.

Die Wörter des Jahres 2022

  • Zeitenwende
  • Krieg um Frieden
  • Gaspreisbremse
  • Inflationsschmerz
  • Klimakleber
  • Doppel-Wumms
  • Neue Normalität
  • Neun-Euro-Ticket
  • Glühwein-WM
  • Waschlappentipps

Auch nicht viel besser

Auch die „Wörter des Jahres“ finde ich nicht viel besser. Sehe nur ich das so, oder sind diese Wörter allesamt – diplomatisch ausgedrückt – ziemlicher Käse? Wörter und Unwörter des Jahres und der gleichen Unbill mehr – wäre es nicht schöner, wenn wir ganze Sätze miteinander wechseln würden, nachdem wir das Handy aus der Hand gelegt haben? Und das Ganze vielleicht sogar, ohne dass vor lauter Belferei die Schaumfesten von den Lefzen fliegen. Denn um zu kommunizieren, hat sich die Sprache ja einst entwickelt.

Diskutieren? Ja bitte, aber geradeaus!

Man darf selbstverständlich unterschiedliche Meinungen und Ansichten haben, um seine Standpunkte zu vertreten und auszudiskutieren, dafür ist unsere Sprach auch da. Franz-Josef Strauß gegen Herbert Wehner – das war immer ein Duell in der Dimension von Foreman gegen Ali. Zwei politische Haubitzen dreschen voll aufeinander ein, mit offenem Visier, immer geradeaus. Und danach kaaf ma se a Maß – so könnte ein Disput aussehen.

Aber ich möchte für den unsäglichen Umgang mit Worten ein anderes, etwas harmloseres Bild gebrauchen, die Fußballfans werden es sofort begreifen. Es gipfelt im Sportreportersatz bei jeder noch so hanebüchenen Schwalbe: „Es hat schon ein Kontakt stattgefunden“, am besten noch im anschließenden Interview mit der aktuellen Sportler- und Funktionärsphrase Nummer Eins: „Am Ende des Tages…“

„Sey er kein schellenlauter Thor!“

Schon wieder der Faust, kurz zusammengefasst: Wenn man nichts zu sagen hat, einfach mal den Kopf zumachen. So würde ich das interpretieren. Sogar, wenn ein Kontakt stattgefunden hat. Als denkende Wesen zwingt uns übrigens keiner, den schellenlauten Thoren in den Talkshows, Gremien und Wirtschaftsinstituten zuzuhören. Verlassen wir also Auerbachs Keller, und gehen auch verbal ins Licht. Tatsächlich sollten wir uns wieder der Macht der Worte bewusst werden – und damit keinen Missbrauch treiben.

Die Bäume wachsen zwar gewaltig, aber nicht in den Himmel und auch ein gefährlicher Löwe lässt die Anthilopen in Ruhe, wenn er satt ist. Die Natur sucht den Ausgleich, das gesunde und doch effektive Mittelmaß, denn da liegt etwas, das wir bei unserer ganzen Wortklauberei leider immer sehr gerne außen vor lassen: die Vernunft.

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