Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]: Ein brillanter verkehrstechnischer Schachzug

Nordoberpfalz. Manchmal will man nicht mehr sachlich sein. Es gibt einfach Momente, da möchte man einfach seinen gesunden Menschenverstand mit sämtlichen Urtrieben verschmelzen. Das Ergebnis: meine Glosse "Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]":. Ich starte mit dem Klagelied eines Pendlers und meinen Überlegungen zum Neun-Euro-Ticket.

Bahnfahren macht Spaß – wie man sieht. Foto: F. Rieger

Keine Angst, jetzt folgt nichts aus der Rubrik: „Melodien, die wir früher sangen“, aber wer kennt ihn nicht, den zeitlosen Klassiker, auch wenn er nicht unserem altbayerischen Sprachraum entstammt:

Auf de schwäb’sche Eisebahne
wollt amal a Bäu’rle fahre,
geht an Schalter, lüpft de Hut:
„Oi Billettle, seid so gut!“
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.

Und das kostet schließlich bis September nur neun Euro im Monat. Dann fahren wir einfach mal eine Runde mit der Bahn – das ist schön, entspannend und unendlich günstig. Tatsächlich gibt sie uns die zwischenmenschliche Wärme zurück, die wir in der Coronakrise so sehr vermisst haben – und das wortwörtlich. Und nach drei Monaten hat man damit dann keinen einzigen Fahrgast langfristig zum Umsteigen gebracht. Im Gegenteil, sollte es überhaupt möglich sein, wird der deutsche Michel nun sein Auto noch mehr schätzen, lieben und pflegen.

Wahrlich eine Bombenidee

Die Idee, ein unbeschränktes Monatsticket im Nahverkehr unter zehn Euro einzuführen, ist so spektakulär, dass sie eigentlich nicht von der Bahn kommen kann. Mein persönlicher Tipp ist, dass diese wahrhaft göttliche Eingebung aus einer ganz anderen Feder stammen muss – einer, die dem Schöpfer sehr nahesteht. Ich tippe hier auf die Unternehmensberatung Roland Berger, die ja schon die Bundesagentur für Arbeit gegen einen kleinen Unkostenbetrag wunderbar reformiert hat.

Doch wie muss man sich so eine Beratung eigentlich vorstellen? Bei mir Unwissendem lässt das die Synapsen knallen und die Fantasie macht Luftsprünge. Einblick in meine Gedankenwelt gefällig? Hier die Auflösung, wie das Neun-Euro-Ticket Wirklichkeit wurde. Oder so …

Jetzt müssen die Profis ran

Nun liegt also bei der Unternehmensberatung Roland Berger die Fragestellung auf dem Tisch: „Wie bringe ich mehr Leute dazu, auf die Bahn und die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen?“ Der ist übrigens als rückenfreundlicher Stehtisch konzipiert, im Grunde genommen ist es nur eine Holzplatte, die auf einem riesigen Stoß Geldbündeln liegt. Diese Installation visualisiert den Auftrag und die Verantwortung, die das Beraterteam gegenüber dem Auftraggeber und der Gesellschaft zu erfüllen hat. Das ist doch eine viel schönere Idee als „Wir fordern fünf Millionen in gebrauchten, nicht nummerierten Scheinen.“

Ein kürzlich von Daimler geheadhunteter neuer Kollege hat die Projektleitung erhalten und entsinnt sich einer lieblichen Melodie aus Kindheitstagen:

Auf de schwäb’sche Eisebahne
Dürfet Küh‘ und Ochse fahre.
Büeble, Mädle, Weib und Ma
Kurzum alls was zahla ka.

Das war die Geburtsstunde des Neun-Euro-Tickets. Rulla, rulla, rullala,…

Leistung muss sich lohnen

Ein kleiner Hinweis am Rande: Selbstverständlich hat sich die Unternehmensberatung eine Erfolgsprämie in den Vertrag schreiben lassen. Diese wird fällig, wenn in den drei Monaten, in denen das Ticket gilt, erhöhtes Fahrgastaufkommen zu verzeichnen ist. Bei Berger gibt man sich optimistisch – das wäre ja auch die erste Prämie, die man nicht hätte kassieren können.

Außerdem gibt es gegen eine kleine Bearbeitungsgebühr noch ein Incentive drauf: Einen Argumenter, wieso man nun nach den drei Monaten unbedingt die Fahrpreise erhöhen muss. Es sind halt einfach pfiffige Leute, diese Unternehmensberater – mit einem unheilbaren Helferkomplex …

Und wie es halt bei sowas ist – der schwarze Peter liegt mal wieder bei den Mitarbeitern.

Do kriegt er en große Zorne,
nimmt de Kopf mitsamt dem Horne,
schmeißt en, was er schmeiße ka,
den Konduktör an Schädel na:
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.

Aber wer will die Eliten schon mit der belanglosen Unbill der Realität belästigen? Leider müssen wir uns genau in dieser Tag für Tag bewegen.

Fleckerlteppich auf der Schiene

Abschließend muss man einfach feststellen, dass der Fehler im Grunde genommen nicht im Heute liegt, sondern dass es vielmehr vor über 20 Jahren versäumt wurde, das System intelligent auszubauen. Leider war da die Bahn auch schon privatisiert und handlungsunfähig zerschlagen. Vermutlich geschah auch das schon mit Unterstützung führender Unternehmensberater: „Der Markt wird das definitiv regeln, was zu mehr Wettbewerb und damit zu günstigeren Preisen und höherer Qualität führen wird.“

So, jetzt wär das Lied gesunge,
’s hätt‘ euch wohl in d’Ohre geklunge.
Wer’s no nit begreife ka,
fang‘ no mal von vorne a!
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.

Bald is ja umme…

Nicht mehr lange, dann habe ich wieder viel Platz im Zug, muss aber dann als Pendler zwischen Schwandorf und Weiden voraussichtlich monatlich das 20-fache bezahlen. Zwar wird augenblicklich viel über einen Nachfolger des Billigtickets gegackert, aber bis dieses Ei gelegt ist, kann es dauern – wenn überhaupt. Bis dahin suche ich mir eine andere Baustelle zum echauffieren – jetzt läuft ja dann der Tankrabatt aus, da wäre doch der explodierende Spritpreis wieder mal ein Thema …

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