Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]: Kinder an die Macht!

Nordoberpfalz. Obwohl oder gerade weil ich ein alter Junggeselle bin, liegt mir das Thema Kinder immer besonders am Herzen. Angesichts der Tatsache, dass zu Schuljahresbeginn wieder an allen Ecken und Enden Lehrer fehlen, platzt mir der Kragen. Und den Strafzettel kriegen nicht nur Politiker, den kriegen wir schon alle! Eine Glosse.

Foto: OberpfalzECHO/David Trott

Alle Jahre wieder… da bin ich etwas früh dran, den angebissenen Lebkuchen bitte weglegen und den Satz fertiglesen… Alle Jahre wieder stellen wir zum Schuljahresanfang fest, dass wir tatsächlich, gelinde gesagt, einen Tick zu wenig Lehrer haben. Also eigentlich fehlen alleine in Bayern laut Schätzungen des Lehrerverbandes 4.000 Kräfte.

Das konnte nun gar keiner ahnen – Experten rechnen uns Tag für Tag bis auf drei Stellen vor, wie sich die Wirtschaft wächst, schrumpft und zickt und warum sich der DAX vor-, rück- oder seitwärts bewegt. Nebenbei erklären uns professionelle Talkshowinsassen die Welt und Unternehmens- und Politikberater halten schlaue Vorträge.

Kinder sind das köstlichste Gut eines Volkes. Sie haben Anspruch auf Entwicklung zu selbstbestimmungsfähigen und verantwortungsfähigen Persönlichkeiten.

Bayerische Verfassung, Artikel 125

„Hallo, ich bin Automechaniker und unterrichte Englisch und Religion“

OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher, zuständig für die PISA-Studie, stellte fest: „Einen wichtigen Einfluss auf die Schulleistungen hat die Frage, welche Bedeutung eine Gesellschaft dem Thema Bildung beimisst. Damit kommen Faktoren wie das Image des Lehrerberufs ins Spiel.“ Jetzt sollen es also Quereinsteiger richten. Das scheint in den Augen zahlreicher Bildungspolitiker und auch einer breiten Masse der Bevölkerung ganz einfach zu sein, das bisschen Wissen vorlesen und auf die Kleinen aufpassen – da lernt man ja selbst noch am Objekt, was wiederum die teure Ausbildungszeit verkürzt. Quereingesprungener Lehrer ist also ein Traumjob. Diese geniale Idee hat sicher ein Unternehmensberater oder ein Wirtschaftsweiser erarbeitet – selbstverständlich gegen eine kleine Aufwandsgebühr im siebenstelligen Bereich.

Ich hör sie schon wieder…

„Um Gottes willen, wer soll das denn bezahlen? Wir wieder“, so lautet der klassische Stoßseufzer des Deutschen Michels. Natürlich wir, wer denn sonst. Übrigens machen wir das auch (ohne Jammern), wenn sich eine Familie Quandt oder Klatten unwohl fühlt oder das scheue Reh des Kapitals beim hochsensiblen Ähsen gestört wird. Wir retten fast alles – Autobauer, Banken – bei kleinen Betrieben wie Bäckereien wird es dann schon eng – aber jetzt in Lehrer investieren, das muss schon noch genau geprüft werden. Wir sollten uns einfach schämen.

Hier eine kleine Auswahl aus dem typisch deutschen Phrasenpool:

  • „Sechs Wochen frei im Sommer – so schön möchte ich es auch haben.“
  • „Das kostet doch wieder woanders Arbeitsplätze.“
  • Hamma doch früher auch net g’habt.“
  • „Ich zahle doch schon soviel fürs Benzin.“
  • „Könnte ich auch machen – habe aber kein Cordsacko.“
  • Und nicht zu vergessen: „Wo ist Behle?“

Ich befürchte, dass wir eher Jochen Behle in irgendeiner Langlaufkehre in Lake Placid wiederfinden werden als eine langfristige Lösung für unseren Lehrermangel.

Erzieherinnen und Erziehen kennen die Farce schon lange

Übrigens – nur by the way – eine Etage tiefer brennts auch ganz schön. Eine weitere Formulierung hört man regelmäßig und sie verursacht bei mir Phantomhaar-Raufen, nämlich wenn Politiker stolz verkünden: „Wir wollen knapp vier Milliarden Euro in den Kita-Ausbau stecken, wir nehmen da richtig Geld in die Hand.“ Erstens sind sie gesetzlich dazu verpflichtet und zweitens: Was soll diese Formulierung – geht es vielleicht noch etwas lust-, saft- und kraftloser? Man hört hier mal wieder den trotzigen, muffigen Pubertierenden heraus: „Na gut, dann mach ich halt meine Hausaufgaben, obwohl sie sowas von sinnlos sind“.

Wie mit der Gießkanne verteilen wir ein Milliardchen hier, eines da, für die Autoindustrie darfs selbstverständlich etwas mehr sein. Leider sind Kinder nun mal keine Autos – die mussten wir alle während Corona in ihrer Not retten, dank von uns allen finanzierter Kurzarbeit konnte die Katastrophe für unsere Autofirmen abgewendet werden.

Echten Respekt aus dem Inneren heraus

Vier Milliarden Euro – das ist etwa die doppelte Bilanzsummer der Sparkasse Weiden, 40 Eurofighter oder etwa 16 Neymars. Mehr nicht. Und wir gackern über die Möglichkeiten, den Beruf der Erzieherin und des Erziehers attraktiver zu machen: hier einen kleinen Bachelor drauf, ein Weiterbildungsrüscherl da und vielleicht noch einen Schuss Karrieremöglichkeiten dort. Das alles sollte, ähnlich wie in der Pflege, in einem der reichsten Länder der Erde eigentlich selbstverständlich sein, ebenso wie gute Bezahlung und vor allem Wertschätzung.

Ist es aber nicht, wir schaffen es nicht einmal, endlich die korrekte Berufsbezeichnung „Erzieherin“ statt „Kindergärtnerin“ zu verwenden. In Japan haben die übrigens das gesellschaftliche Ansehen eines Universitätsprofessors, und bei uns? „So a bisserl Kinder bespaßen den ganzen Tag – so schön möchte ich es auch haben. Ich schraube schließlich das rechte Vorderlicht vom neuen Fünfer in die Rohkarosserie. Ich finde, da habe ich schon das Doppelte an Gehalt verdient“, sagt der Deutsche Michel. Und sucht weiter nach Jochen Behle…

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