Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]: Zivilcourage – muss ich da mein Handy weglegen?

Nordoberpfalz. In meiner Glosse "Bockboanig [ˈbɔkbaɪ̯nɪç]" widme ich mich diesmal dem Thema Zivilcourage und echten Helden. Und lege dafür sogar das Handy aus der Hand - das ist doch schon mal ein guter Anfang.

Es gibt Themen, die machen mich einfach grantig. Foto: Corina Ergenz

Am Montag habe ich eine Polizeimeldung bearbeitet, die mich erst zum Nachdenken, und dann auf die Palme gebracht hat. Eine junge Frau wollte an einer Tankstelle nur einen Vater beruhigen, der seinen Sohn wohl heftig geschimpft hat. Das Ergebnis: Beleidigung und verbale Bedrohung.

Was soll das?

Als vor kurzem eine psychisch kranke Frau mit einem Degen in der Weidener Fußgängerzone auftauchte, verhinderte ein junger Mann und einige Helfer schlimmeres (Beitrag hier). Es gab sogar Verletzte – doch sie haben eingegriffen. Andere haben auch (r)eingegriffen, aber nur um das Handy zu zücken. Da ich nicht davon ausgehe, dass sie dabei dachten „Ich filme den Vorgang, um die Polizei bei ihren Ermittlungen im Nachgang zu unterstützen, die Vorfälle zu rekonstruieren“ finde ich das zutiefst unappetitlich.

Am Dienstag wurde ein Kind auf dem Spielplatz im Max-Reger-Park Weiden von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen (Beitrag hier). Wie würde ich als Beobachter der Szene reagieren? Filmen, deeskalierend einwirken und eher dem niederbayerischen Prinzip nach Bruno Jonas folgen: „Bast da was net – dann gehma ausse und dann hau i dir dei Heipl sulzig“. Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, ich mische mich ein und mache das Richtige.

Helden gibt es überall

Als Pendler überquere ich jeden Tag – gewohnt schwungvoll und mit viel Elan – den Bahnhofsvorplatz in Weiden. Der heißt übrigens offiziell „Johann Grünwald Und Georg Dietl-Platz“. Der Lokführer und sein Heizer fuhren am 16. April 1945 einen mit Sprengstoff beladenen Güterzug unter Tieffliegerbeschuss aus dem Zentrum von Weiden heraus und verhinderten so eine noch größere Katastrophe. Beide ließen dabei ihr Leben. Handys gab es damals noch nicht.

Helden im öffentlichen Dienst

Warum muss man eigentlich Unfälle auf der Autobahn im Vorbeifahren filmen? Auch hier hat es gottseidank schon den einen oder anderen Feuerwehrler gegeben, der in dieser Situation mal mit dem Strahl voll draufgehalten hat. Unvergessen auch diese Aktion des Einsatzleiters der Verkehrspolizeiinspektion Feucht:

Ein Land der Experten

Mich wundert ja, dass sich zu dem Vorfall am Unteren Markt in Weiden kein sogenannter Experte gemeldet hat, der mit einem großen „Ja, aber…“ seinen Senf dazugeben muss, „man hätte hier deeskalierend eingreifen müssen“. So wie es im Fall Dominik Brunner der Fall gewesen ist. Damals hätten man diesen sogenannten Experten gewünscht, dass sie in einer der Talkshows auf Uli Hoeneß zu treffen – ich denke, das hätte sogar der eingefleischteste 60er dem Gscheidhaferl gegönnt.

Wahrscheinlich lautet inzwischen der aktuelle Rat: Erst einmal alles mit dem Handy filmen und hochladen – die Schwarmintelligenz der Community wird dann in gewohnter Sachlichkeit und kognitiver Schärfe einen optimalen Lösungsansatz erarbeiten.

Mitreden. Sich einmischen. Nicht wegducken.

Es müssen nicht immer die großen Heldentaten sein, um couragiert in unserer Gesellschaft mitzuwirken, die Möglichkeiten wären doch wirklich vielfältig: sich ganz einfach im Verein, in der Politik und im öffentlichen Raum engagieren. Das klingt schon gut, wenn wir doch nicht alle sowas von beschäftigt wären. Hauptsächlich mit dem Glotzen in unsere Handys.

Verlassen wir endlich auch das alte Perspektivenspiel „die da oben, wir da unten“, denn auch ich kleiner Schreiberling bin genausoviel wert wie der Vorstand eines Autokonzerns. Also Augen auf, das Herz geöffnet und den gesunden Menschenverstand aktiviert – so kann jeder von uns ein Held des Alltags werden – oder es zumindest versuchen.

Tu was!

Die Aktion „Tu was“ der Polizei nennt sechs Regeln für den Ernstfall:

  • Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen
  • Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf
  • Ich beobachte genau und präge mir Tätermerkmale ein
  • Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110
  • Ich kümmere mich um Opfer
  • Ich stelle mich als Zeugin oder Zeuge zur Verfügung

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