Burgfestspiele Vilseck: „Drei Fragen an …“ Troglauer-Regisseur Till Rickelt

Vilseck. Der Mensch Till Rickelt wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend, höflich, distanziert. Wer den Norddeutschen aber bei Theaterproben erlebt, erkennt ihn fast nicht wieder. Der Regisseur wirbelt durch den Raum, arbeitet mit seinem ganzen Körper, spielt vor, wie er sich die Rolle vorstellt.

Regisseur Till Rickelt gibt die Richtung vor bei den Proben zum Räuber Troglauer bei den Burgfestspielen Vilseck. Bild: Jürgen Herda

Acht Jahre war Till Rickelt, der von der Bremer Shakepeare-Company in die Oberpfalz wechselte, künstlerischer Leiter des Landestheaters Oberpfalz (LTO). 31 Produktionen in den Sparten Schauspiel, Musik- sowie Kinder- und Jugendtheater später inszenierte der Norddeutsche für das LTO.

Auf dem Sprung zum Intendanten des Theaters Ravensburg schenkt er den Burgfestspielen Vilseck nach „Lola Montez – die falsche Spanierin“ sein Abschiedsstück: „Troglauer – Räuber, Rossdieb, Revoluzzer“ – in Co-Regie mit Maria Friedrich nach einem Stück des Autors Bernhard Setzwein. Drei Fragen an den scheidenden Regisseur.

Das Unterlaufen der Erwartungshaltung

Wie hat sich das Stück vom ersten Lesen über die Proben bis zur Premiere verändert – was hat Sie selbst überrascht?

Rickelt: Der Handlungsverlauf, den Bernhard Setzwein gewählt hat, ist ja ziemlich ungewöhnlich: Der gefürchtete Räuber wird gleich zu Stückbeginn gefasst und sitzt danach erstmal längere Zeit hinter Gittern. Als ich das Manuskript zum ersten Mal las, war ich schon skeptisch, ob und wie das auf einer großen Freilichtbühne funktioniert. Ich wusste aber durch die Erfahrung mit früheren Uraufführungen von Bernhards Stücken, dass gerade das Unterlaufen gewisser Erwartungshaltungen die besondere Qualität seiner Theaterarbeiten ausmacht – beispielsweise bei „Resl unser“, wo Therese Neumann selbst dann nie auftritt.

Auch dass Franz Troglauer im Stück bis zum Schluss eine undurchsichtige Figur bleibt, der man nie wirklich nahekommt, fand ich am Anfang der Proben schwierig. Aber gerade dieses Unklare, Schillernde, nicht wirklich Greifbare macht die Figur in der Aufführung dann auch so interessant – nicht nur innerhalb der Handlung, wo Troglauer ja für viele andere Figuren zu einer Art Projektionsfläche wird, sondern auch für das Publikum.

Was ist Ihr Trick?

Von Spielberg gibt es eine Anekdote, dass er einen jüdischen Schauspieler, der bekannt für seine schnelle Auffassungsgabe und sein schnelles Sprechen ist, so lange zur Verzweiflung gebracht hat, bis er aus seiner Sicht so weit war, dass er die Rolle des Verzweifelten, der unbedingt auf Schindlers Liste wollte, glaubhaft verkörperte. Was ist Ihr Trick?

Rickelt: Regieführen ist eine sehr persönliche Sache, die sehr viel mit dem eigenen Empfinden, aber auch Erfahrung zu tun hat. Es gibt natürlich auch handwerkliche Kniffe, die man benutzen kann, wenn in einer Probe oder einer Szene etwas klemmt, aber erst nach vielen Jahren praktischer Theaterarbeit habe ich angefangen zu verstehen, wann und wie man die sinnvoll einsetzt.

Regisseur Till Rickelt gibt die Richtung vor bei den Proben zum Räuber Troglauer bei den Burgfestspielen Vilseck. Bild: Jürgen Herda

Was die Spielberg-Anekdote vielleicht verdeutlicht: Dass es beim Regieführen manchmal auch eine für Außenstehende unerbittlich wirkende Penetranz und Vehemenz im Ringen mit den Darstellenden braucht. Das ist aber auch ein schmaler Grat, auf dem man da wandert, weil man sich dabei immer haarscharf an der Grenze zu Machtmissbrauch und Übergriffigkeit bewegt.

Was ich beim Regieführen extrem wichtig finde und mir in meiner Arbeit immer am meisten geholfen hat, ist die Bereitschaft, uneingeschränkt Verantwortung für das Endergebnis und die Qualität der Aufführung zu übernehmen und da auch vor sich selbst keine Ausreden gelten zu lassen und die Verantwortung nicht dem Ensemble, der Stückvorlage oder irgendwelchen externen Schwierigkeiten zuzuschieben, sondern es als zentrale Aufgabe der Regie anzunehmen, mit den vorhandenen Produktionsbedingungen klarzukommen oder gegebenenfalls selbst für die erforderlichen Voraussetzungen zu sorgen.

Fischers Fritz meets Oachkatzlschwoaf

Welche Rolle spielt für Sie Dialekt als Ausdrucksform?

Rickelt: Obwohl ich seit über zwanzig Jahren in der Oberpfalz lebe und arbeite, muss ich als Norddeutscher immer noch meinem Ensemble und dem Produktionsteam vertrauen, wenn es um Detailfragen bei Aussprache und Formulierungen in Inszenierungen geht, in denen Dialekt gesprochen wird. Trotzdem inszeniere ich sehr gern Stücke im Dialekt.

Zum einen, weil dialektale Sprache ja keine Schriftsprache ist, sondern noch viel direkter mit der Tradition der mündlichen Überlieferung verbunden und viel bildhafter und sinnlicher ist als Hochdeutsch, das ja eigentlich eine Abstraktion der gesprochenen Sprache ist, und der Dialekt deshalb im Theater ein viel plastischeres und körperlicheres Sprechen ermöglicht. Bei Amateurensembles hilft der Dialekt oft auch den Beteiligten, authentischer und glaubwürdiger zu agieren.

Und nicht zuletzt bietet er – wenn man ihn nicht volkstümelnd als bloßes Klischee verwendet – auch die Möglichkeit, auf der Bühne diejenigen zu Wort kommen zu lassen, deren Stimme in der Literatur oft überhört wird: Nämlich die sogenannten „einfachen Leute“, deren Ausdrucksweise nicht nur derber und direkter ist als die des Bildungsbürgertums, sondern auch Ausdruck einer pragmatischeren, realistischeren und in gewisser Weise auch illusionsloseren Weltsicht.

Klare Ansagen: Regisseur Till Rickelt fordert seine Schauspieler. Bild: Jürgen Herda

Stationen des Regisseurs und Intendanten

  • 1996-1998 Regieassistent bei der Bremer Shakespeare Company.
  • Erste eigene Regiearbeiten in der freien Theaterszene, unter anderem am Jungen Theater Bremen.
  • Engagement als Regieassistent am Theater Regensburg, Mitarbeit in der Theaterpädagogik und eigene Inszenierungen.
  • Regisseur für das Theater Regensburg, Baden-Baden, Köln und das Turmtheater Regensburg.
  • Parallel studierte er Theater- und Literaturwissenschaft an der LMU München.
  • Ab 2014 Künstlerischer Leiter am LTO.
  • 2018: Premiere der Vilsecker Burgfestspiele mit „Lola Montez – die falsche Spanierin“
  • 2022: Abschiedsarbeit für die Vilsecker Burgfestspiele „Troglauer – Räuber, Rossdieb, Revoluzzer“.
  • 2022: Intendant am Theater Ravensburg.

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