Christoph 80: Jede Minute zählt

Weiden/ Latsch. Kaum zu glauben, dass Christoph 80 schon so „alt“ ist. Seit 2011 fliegt der Hubschrauber über die Oberpfalz – und rettet Leben. Also strenggenommen kümmern sich natürlich die Einsatzkräfte um die Patienten. Aber dank Christoph 80 sind sie oft schneller vor Ort als jeder Rettungswagen. Wie sieht so ein Tag im Leben eines Hubschraubers wohl aus? Wir haben in Latsch mal Mäuschen gespielt und den Einsatzkräften vor den Feierlichkeiten über die Schulter geschaut.

Von Yvonne Sengenberger

Es ist noch kalt und grau draußen. Die Sonne versteckt sich hinter den Hügeln bei Latsch. Aber in der letzten Halle am Flugplatz tut sich was. Hier steht Christoph 80, der Rettungshubschrauber. Rettungsassistent Robert Schmid zieht sich gerade um: Rote Hose, graues T-Shirt und rote Jacke auf der groß das Logo der Luftrettung zu sehen ist. Ohne dieses Outfit fliegt keiner mit. Man soll genau erkennen können, mit wem man es zu tun hat. Dann geht es in die Halle. Und dort steht er schon, der große Vogel, und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Aber bevor es in die Luft gehen kann, muss Robert erst einmal das Equipment checken.

Hat die letzte Crew auch alles wieder da hin gebracht, wo es hingehört? „Es kann schon mal passieren, dass man abends noch einen Einsatz hat und im Stress etwas vergisst.“ Deshalb muss jeden Morgen vor Schichtbeginn alles kontrolliert werden. Auch Notarzt Dr. Winfried Glaser ist schon da. Auch er hat ein Auge auf das medizinische Equipment. Vorne im Cockpit werkelt Pilot Jochen Huber. Jochen ist außerdem auch Stationsleiter – er hat den Überblick.

Die Crew besteht immer aus drei Personen: Einem Piloten, einem Notarzt und einem speziell ausgebildeten Rettungsassistenten beziehungsweise HCM (= Helicopter Emergency Medical Services Crew Member). Insgesamt gibt es drei Piloten der DRF Luftrettung, sechs HCMs vom Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz und 17 Notärzte der Kliniken Weiden und St. Marien Amberg. Jeder hier, hat eine besondere Ausbildung hinter sich: Alle Notärzte müssen außerdem den Facharzt Anästhesie vorweisen. Außerdem müssen sie schon einige Einsätze im Rettungswagen mitgemacht haben. Bei den Piloten ist es ähnlich, auch sie brauchen viel Erfahrung: „Man braucht mindestens 2.000 Flugstunden als Berufspilot, um bei der Deutschen Luftrettung fliegen zu dürfen,“ erzählt Jochen.

Nach dem Check fährt Winfried den Hubschrauber auf der Plattform nach draußen
Nach dem Check fährt Winfried den Hubschrauber auf der Plattform nach draußen

Nach dem morgendlichen Check wird erst einmal gemeinsam gefrühstückt und der Dinge geharrt die da kommen. „Im Schnitt fliegen wir etwa drei Einsätze am Tag“, erzählt Winfried. An manchen Tagen werden es aber schon mal bis zu acht Einsätze am Tag. Alleine im letzten Jahr wurde die Besatzung zu 1.394 Einsätzen gerufen. In den Sommermonaten sind es oft mehr, denn da gehen auch die Schichten länger. Bis zu 15 Stunden muss die Crew dann arbeiten. Denn eine Schicht geht immer von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. „Wir haben keine spezielle Nachtsicht-Ausstattung, deshalb fliegen wir nur tagsüber, wenn wir auch etwas sehen,“ erzählt Pilot Jochen.

An ruhigen Tagen wird auch mal gemeinsam gegrillt oder gekocht. Die Besatzungsmitglieder verbringen viel Zeit miteinander. Da muss auch die Chemie stimmen. Deshalb gibt es auch eine große Küche, an die sich sogar ein Wohnzimmer anschließt. Auf dem Fernsehtisch liegen auch Brettspiele. Außerdem hat jeder sein eigenes Zimmer, in das er sich auch mal zurückziehen kann – solange der Piepser nicht ertönt.

Mit Sonnenuntergang ist eine Schicht aber oft noch nicht zu Ende. Oft fliegen sie noch bei Dämmerung, um wieder zurück nach Latsch zu kommen, nachdem sie einen Patienten abgeliefert haben. Und danach muss dann der Hubschrauber auch noch gereinigt und für den nächsten Tag vorbereitet werden. Zwischendurch stehen Standard-Arbeiten an: Eine komplette Desinfektion zum Bespiel.

Dann bimmelt es aus allen Ecken – Einsatzhandy und Piepser läuten. Die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz (ILS) hat einen Einsatz für die Besatzung von Christoph 80. Jetzt muss es schnell gehen. 120 Sekunden darf es dauern, bis der Heli in der Luft ist. Robert, Jochen und Winfried bleiben trotzdem ganz ruhig. Keiner rennt gehetzt durch die Gegend. Jeder hat jetzt seine Aufgabe. Pilot Jochen und HCM Robert steigen vorne ein. Während Jochen die zwei Turbinen startet, die den Rotor antreiben, steckt Winni den Hubschrauber vom Strom ab und steigt hinten ein. Er steckt seinen Helm am Kopfhörer- und Mikrophonsystem an, macht die Tür zu und schnallt sich an. Dann erst gibt er den anderen das Go. Jetzt bringt Jochen den Vogel in die Luft.

Die ILS hat die Koordinaten schon an das interne Navigationsgerät geschickt. Über Funk erfahren die Männer jetzt, was los ist. Ein junger amerikanischer Soldat im Lager in Vilseck leidet an Atemnot. Es dauert keine 10 Minuten, schon sind Arzt und Sanitäter beim Patienten. Auch ein Krankenwagen ist schon vor Ort. Christoph 80 wurde hier nachgefordert, weil kein anderer Notarzt frei war. Wenn der Hubschrauber in Nachbars Garten landet, heißt das also nicht immer gleich, dass etwas besonders Schreckliches passiert ist.

Bereit zum Start: Der Pilot sitzt in einem Hubschrauber übrigens rechts.
Bereit zum Start: Der Pilot sitzt in einem Hubschrauber übrigens rechts.

„Wir rücken oft aus, weil kein anderer Notarzt zur Verfügung steht. Wenn wir schneller vor Ort sein können als ein Rettungswagen. Oder wenn der Patient schnellst möglich in ein Krankenhaus gebracht werden muss“, erzählt Winfried. Versorgt werden die Patienten, wie auch der amerikanische Soldat, aber grundsätzlich immer im Krankenwagen. „Erstens wegen dem Licht. Dann ist ein Krankenwagen einfach besser ausgestattet als ein Heli. Dort ist mehr Platz und der Patient wird vor neugierigen Blicken geschützt.“

Dr. Winfried Glaser untersucht den Patienten. Der junge Mann hatte wahrscheinlich eine Lungenembolie. Notarzt und Rettungsassistent begleiten den Patienten bis ins Klinikum.
Dr. Winfried Glaser untersucht den Patienten. Der junge Mann hatte wahrscheinlich eine Lungenembolie. Notarzt und Rettungsassistent begleiten den Patienten bis ins Klinikum.

Der junge Soldat wird jetzt mit dem Rettungswagen in die Klinik gefahren. „Wahrscheinlich eine Lungenembolie“, berichtet Notarzt Winfried. Er und Rettungsassistent Robert fahren mit ihrem Patienten mit. Pilot Jochen kann jetzt ganz gemütlich zur Klinik fliegen und seine Kollegen dort wieder abholen. Während des Einsatzes wartet Jochen am Hubschrauber, obwohl er sogar mithelfen könnte: „Ich habe mit 16 angefangen hauptberuflich als Sanitäter zu arbeiten“, erzählt er. Wie es bei den Rettungsdiensten so zugeht, weiß er also nur zu gut. Und auch, was ihn als Hubschrauber-Pilot erwartet, konnte er abschätzen. „Es gibt natürlich viele schlimme Einsätze, bei Unfällen und so. Aber auch tolle oder lustige Momente.“

Einmal, erzählt er, habe eine Frau bei der ILS angerufen. Sie sprach nur gebrochen Deutsch und hat immer gerufen „Alles spritzt!“. Jochen musste mitten in einer Fußgängerzone landen. Alle Sonnenschirme der Cafés hat es weggeweht. Die Sanitäter gingen von einer stark blutenden Person aus. Im Wohnzimmer aber stand der Ehemann, beide Hände an die Wand gepresst. Und es spritzte tatsächlich – allerdings aus der Wand. Der Mann hatte eine Wasserleitung angebohrt.

Pilot Jochen Huber ist genauso lange dabei, wie Christoph 80 - seit fünf Jahren fliegt er die Einsatzkräfte zu Unfällen und Notfällen.
Pilot Jochen Huber ist genauso lange dabei, wie Christoph 80 – seit fünf Jahren fliegt er die Einsatzkräfte zu Unfällen und Notfällen.

Auch Robert erinnert sich an einen schönen Moment. „Im Hubschrauber ist sogar schon ein Kind geboren.“ Nicht direkt während des Fluges, aber kurz bevor sie ins Krankenhaus gebracht werden sollte. „Dann haben wir die Frau samt Neugeborenem Baby gleich noch zur Klinik geflogen.

Wer kann das schon von sich behaupten. Gerade ein paar Minuten alt und schon Hubschrauber geflogen.

Auch Notarzt Winfried denkt lieber an schöne Augenblicke: „Bei unseren Einsätzen kommen wir zwar oft in extreme Situationen, aber die Dankbarkeit, die wir hier erfahren, das ist unbeschreiblich. Als Anästhesist sehe ich meine Patienten meist nur kurz vor der Narkose. Da sagt keiner Danke – da schnarchen sie mir höchstens was vor“, lacht der Mediziner.

Jochen landet Christoph 80 wieder sanft auf seinem „Parkplatz“ in Latsch. Heute werden die vier (Christoph 80 eingeschlossen) noch zwei mal ausrücken. Ein ruhiger Tag in der Luftrettungsstation.

Sogar eine Terrasse inklusive Grill gibt es, um die Zeit zwischen den Einsätzen zu überbrücken.
Sogar eine Terrasse inklusive Grill gibt es, um die Zeit zwischen den Einsätzen zu überbrücken.
Weiden von oben
Weiden von oben
Ein solcher Blick entschädigt (fast) für den Stress, dem die Einsatzkräfte immer wieder ausgesetzt sind.
Ein solcher Blick entschädigt (fast) für den Stress, dem die Einsatzkräfte immer wieder ausgesetzt sind.
Ganz schön viele Knöpfe - kein Wunder, dass man über 2.000 Flugstunden braucht, um einen Rettungshubschrauber fliegen zu dürfen.
Ganz schön viele Knöpfe – kein Wunder, dass man über 2.000 Flugstunden braucht, um einen Rettungshubschrauber fliegen zu dürfen.

Hier sitzt der Notarzt und liegt der Patient. Alles ist da: Sauerstoff, Infusionen, Defibrilator...
Hier sitzt der Notarzt und liegt der Patient. Alles ist da: Sauerstoff, Infusionen, Defibrilator…
Nach einem muss erst einmal der Papierkram erledigt werden. Außerdem gibt es immer mal wieder eine Sicherheitsmeldung, die gelesen werden muss.
Nach einem muss erst einmal der Papierkram erledigt werden. Außerdem gibt es immer mal wieder eine Sicherheitsmeldung, die gelesen werden muss.

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