Das Auto ist sein größter Feind

Wölfe auf Wanderschaft: Zwei Sichtungen in der Region

Krummennaab/Wildenreuth. Der Wolf ist wieder heimisch in Deutschland. Fast täglich wird von Wolfssichtungen berichtet - auch in der Nordoberpfalz, wo in den vergangenen Tagen gleich zwei Exemplare des Beutegreifers gesehen und fotografiert wurden. Doch das ist kein Grund zur Panik, wie Fachleute versichern.

Innerhalb weniger Tage wurden in der Region zwei Wölfe gesichtet. Dieser Schnappschuss eines Canis Lupus gelang Michael Hör aus Neuenreuth bei Erbendorf am Montag bei Wildenreuth. Foto: Michael Hör

Die Aufregung war groß in den sozialen Medien: „Achtung Wolf unterwegs.“ „Vorsicht. In Thumsenreuth wurde ein Wolf gesichtet.“ Diese und ähnliche Alarmmeldungen schreckte einige Bewohner des Krummennaaber Ortsteils Thumsenreuth am Wochenende auf.

Auf zwei Fotos war der Beutegreifer deutlich zu erkennen. Eine Frau hatte ihn in der Nähe eines Pferdehofs abgelichtet. Auf Facebook entwickelte sich daraufhin eine rege Diskussion über das Thema Wolf. Wie so oft gingen dabei die Meinungen weit auseinander: Von „Ich würd‘ mich nicht mehr vor die Tür trauen“ oder „Leider wird das böse Erwachen aus diesen romantischen Märchenträumen nicht mehr lange auf sich warten lassen“ bis „Lasst sie doch einfach leben“ oder „Der hat mehr Angst vor dem Menschen und haut lieber ab“ reichten die Kommentare.

Sichtung bei Wildenreuth

Am Montag dann die nächste Sichtung eines Wolfs: Bei Wildenreuth lief das Tier Michael Hör direkt vor die Linse. Geistesgegenwärtig zückte der junge Mann, der mit seinem Vater Harald Hör im Auto unterwegs war, sein Handy und machte eine gestochen scharfe Aufnahme des prächtigen Lupus-Exemplars.

Auf Nachfrage bestätigte ein Sprecher des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU), dass es sich bei dem in Thumsenreuth fotografierten Tier in der Tat um einen jungen Wolf handelte. Allerdings ließen sich anhand von Fotos Wolfsindividuen nur äußerst schwer unterscheiden geschweige denn einem Rudel zuordnen. Vor allem im vergangenen Sommer und Herbst habe man eine Häufung von Wolfsnachweisen im Landkreis Tirschenreuth verzeichnet, so der LfU-Sprecher.

In Bayern gibt es nur wenige Wölfe

Kaum ein anderes Tier polarisiert in Deutschland mehr als der Wolf. Seit vor mehr als 20 Jahren die ersten Wolfswelpen in Brandenburg in Freiheit geboren wurden, erobert der Canis Lupus langsam seinen Lebensraum zurück, nachdem er vor circa 150 Jahre ausgerottet worden war.

Heute leben 157 Rudel, 27 Paare und 19 territoriale Einzeltiere – insgesamt mehr als 400 Wölfe in Deutschland. In Bayern hat das Bayerische Landesamt für Umwelt nur wenige Wölfe gelistet und weiß von neun Regionen mit standorttreuen Tieren. Für die Territorien Veldensteiner Forst (Oberfranken), Manteler Forst, Truppenübungsplatz Grafenwöhr und Bayerischer Wald Nord wurden im Monitoring-Jahr 2020/21 zwölf Welpen bestätigt.

Viele Tiere überfahren

Der größte Feind des Wolfs ist das Auto. Seit Mai 2021 sind im Freistaat mindestens vier Tiere bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Erst vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass der Wolf, der nach den Plänen der Behörden in Oberbayern erschossen werden sollte, ebenfalls bei einem Unfall gestorben ist. Das Tier war, nachdem er in Bayern Nutztiere gerissen hat, nach Tschechien gelaufen und ist dort von einem Auto erfasst worden.

In Bayern gibt es derzeit vier Wolfsrudel und sechs Einzeltiere. Jungtiere legen oftmals große Strecken zurück, um sich ein eigenes Territorium zu suchen. Auf diesen Wanderschaften werden viele Wölfe überfahren. Seit Mai 2021 sind bundesweit rund 100 Tiere bei Verkehrsunfällen umgekommen.

„Das Auto als größter Feind“

„Es gibt jemand, der die Wölfe Tag und Nacht jagt“, sagt Hans Rösch, im Netzwerk „Große Beutegreifer“ Ansprechpartner für das Thema Wolf in der Region. „Es ist das Auto, das ohne Rücksicht auf die Schonzeit jährlich Tausende Wildtiere und Vögel tötet.“

Erst vor wenigen Minuten habe er einen überfahrenen Biber von der B 22 geholt, erzählt Rösch im Gespräch mit OberpfalzECHO. Der Wolf könne sich schon deshalb nicht flächendeckend bei uns ausbreiten, weil die meisten Tiere dem Straßenverkehr zum Opfer fielen.

Wölfe greifen keine Menschen an

Von einem gesunden Wolf gehe keine Gefahr aus. „Wölfe greifen – entgegen vieler Sensationsmeldungen – keinen Menschen an.“ Das Netzwerk schütze die Wölfe durch Öffentlichkeitsarbeit, Kooperation mit allen beteiligten Stellen sowie durch ideelle und materielle Hilfsmaßnahmen für betroffene Bevölkerungsgruppen.

„Wir helfen Nutztierhaltern, ihre Tiere zu schützen und fördern den Einsatz von Herdenschutzhunden als natürliche wolfsfreundliche Schutzmaßnahme gegen Wolfsübergriffe auf Haus- und Nutztiere“, sagt Rösch. Beim in Thumsenreuth gesichteten Wolf handle es sich um ein junges, circa einjähriges Tier, das unbedarft die Gegend erkundet habe. Leider sei es nicht möglich festzustellen, woher das Tier sei, da es keine Kotprobe gebe.

Gefahr oder Bereicherung?

Gefahr für Tier und Mensch oder eine willkommene Bereicherung der Natur? Über diese Frage scheiden sich die Geister. Das Landesamt für Umwelt verweist darauf, dass Tierhalter für den Schutz von Schafherden – beispielsweise durch einen Elektrozaun oder einen Herdenschutzhund – Fördermittel beantragen können.

Zudem ist es möglich, dass Nutztierhalter Schäden durch Wolf, Bär oder Luchs über den „Ausgleichsfonds Große Beutegreifer“ ersetzt bekommen. Im März 2019 hat die Staatsregierung die Weiterentwicklung des „Aktionsplans Wolf“ vorgestellt. Dieser ist höchst umstritten: Naturschützer beklagen, der Abschuss der streng geschützten Wölfe werde damit in Bayern deutlich erleichtert. Den Tierhaltern dagegen reicht der Aktionsplan zum Schutz ihrer Rinder, Schafe und Ziegen nicht aus.

Grundsätzlich vorsichtig

Das LfU zum Thema Wolf: „Wölfe sind zwar grundsätzlich vorsichtig und meiden Menschen, jedoch nicht menschliche Infrastrukturen wie Straßen und Wege. In ihrer Raumnutzung passen sich Wölfe normalerweise an die Aktivität des Menschen an. Bereiche ihres Streifgebiets, in denen tagsüber viele Menschen anzutreffen sind, werden nur in der Nacht genutzt. Im Schutze der Dunkelheit laufen sie durchaus auch unmittelbar an bewohnten Häusern vorbei.“

Der Wolf sei von Natur aus vorsichtig und weiche Menschen aus. Im Einzelfall könnten besonders Jungtiere dem Menschen gegenüber unerfahren und neugierig sein. „Dies stellt aber keine Gefährdung des Menschen dar. Seit der erneuten Anwesenheit von Wölfen in Deutschland hat es keinen Angriff auf Menschen durch Wölfe gegeben“, betont der Sprecher des LfU gegenüber OberpfalzECHO.

Kritiker fordern Abschuss

Kritiker der Wolfsansiedlung in Deutschland fordern dagegen seit langem, die Tiere stärker zu bejagen. Dadurch würden diese lernen, dem Menschen aus dem Weg zu gehen und seinen Nutztieren nicht zu nahezukommen. Nur so könne es auf Dauer ein friedliches Nebeneinander geben. Deshalb gelte es, vor allem Schafe und Ziegen auf extensiv genutzten Flächen zu schützen – durch Zäune, Behirtung und Herdenschutzhunde.

BBV sieht „Aktionsplan Wolf“ gescheitert

Einer der entschiedensten Kritiker des Aktionsplans Wolf aus dem Jahr 2018 ist der Bayerische Bauernverband (BBV). „Der Plan verhindert rasche Entscheidungen und muss aktualisiert und den Gegebenheiten angepasst werden“, fordert BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler. „Bis die Politik entscheidet, schafft der Wolf bereits Fakten. Wir benötigen dringend die Ausweisung der schwer zu schützenden Flächen durch die Weideschutzkommission, konkrete Maßnahmen zur Vergrämung und klare Leitfäden zur Entnahme von Problemwölfen. Die Zahl der Wolfsrisse und Wolfssichtungen in Bayern nimmt dramatisch zu. Viele Weidetierhalter fürchten um ihre Existenz und die Aufrechterhaltung der Weidetierhaltung“, sagt Köhler und unterstützt die Forderung einer Organisation, mit der der BBV allgemein nicht so viele Gemeinschaften hat: dem Bund Naturschutz. Selbst dieser habe laut Köhler gefordert, die Weidetierhalter mit ihren Kosten nicht alleine zu lassen.

Abschuss in Europa verboten

Seit der Wolf in Deutschland wieder heimisch geworden ist, gibt es Konflikte, weil er Nutztiere reißt oder in der Nähe von Menschen auftaucht und dabei bedrohlich wirkt. So gab es immer wieder den Vorschlag, Wölfe dem Jagdrecht zu unterstellen, um den Bestand zu regeln. Diese Überlegungen sind aber heftig umstritten. Bislang ist der Canis Lupus nach deutschen und europäischen Gesetzen äußerst streng geschützt. Es ist verboten, Wölfe zu fangen oder zu töten. Nur in Ausnahmefällen können sie geschossen werden. Das sieht der bayerische Aktionsplan Wolf vor.

Tipps bei Wolfsunfällen

Zunächst sollte man immer vorausschauend und besonders in Waldstücken vorsichtig fahren. Vorsicht ist vor allem auf jenen Strecken geboten, auf denen Warnschilder wie „Achtung Wildwechsel“ aufgestellt sind.

Bei einem Unfall darf man das Tier nicht einfach liegen lassen, rät die Polizei. Nach der Straßenverkehrsordnung muss sich der Autofahrer, der an einem Unfall beteiligt ist, darum kümmern, dass keine Gegenstände oder Tiere auf der Straße zurückbleiben. Entweder man nimmt Handschuhe und zieht es weg, oder zumindest absichern und die Polizei verständigen. Denn nicht jedem könne zugemutet werden, ein totes wildes Tier von der Straße zu ziehen. Es müsse niemand aussteigen, wenn da zum Beispiel ein Hirsch liege und noch zapple. Das wäre zu gefährlich. „Einfach Warnblinklicht an, Warndreieck aufstellen und die Polizei rufen.“

Die Polizei müsse bei jedem Wildunfall informiert werden, auch wenn der Fahrer das Tier selbst an den Straßenrand bugsiere. Die Beamten kümmern sich dann darum, dass ein Tierarzt (sollte noch Hoffnung für das Tier bestehen) und der Jagdpächter informiert werden. „Was man nicht machen darf, ist, das Tier einzuladen und mitzunehmen. Da wäre möglicherweise der Straftatbestand der Wilderei gegeben“, teilt die Polizei mit.

Fahrern, die sich unerlaubt vom Unfallort entfernen, könnten Anzeigen wegen des Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung und das bayerische Jagdgesetz drohen.

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