Denkwelt in Halmesricht: Wann kommt das hohe Haus der Künstlichen Intelligenz? [mit Video]

Weiden. Regensburg hat seinen Biopark. Bekommt Weiden bald ein KI-Hochhaus? Eine Ideenwerkstatt, in der Forscher und Praktiker an innovativen Lösungen für die Oberpfälzer Wirtschaft tüfteln. Im Interview mit OberpfalzECHO erläutern Christian und Lars Engel zusammen mit Professor Erich Bauer die Vision der LUCE-Stiftung.

Vordenker der Denkwelt: LUCE-Stifter Christian und Lars Engel (von links) und LUCE-Vorstand Professor Erich Bauer im Interview. Bild: David Trott

OberpfalzECHO: Worüber soll wer in der besten aller Denkwelten ab 2024 – so Gott und Weiden wollen – in Halmesricht nachdenken?

Christian Engel: Der Begriff Denkwelt, eigentlich Denkdorf, ist historisch, sozusagen Seehofer-geprüft. Das zeigt, der politische Wille in München ist vorhanden, dieses Projekt zu unterstützen. Was suggeriert der Begriff? Es wird hier gearbeitet im Sinne von Denken – also sehr offen für Institute, Unternehmen, Hochschulverbände – über Themen, die vielleicht ein einzelner nicht aufgreifen würde. Dafür schaffen wir eine Infrastruktur, ein Hochhaus, vielleicht aus Holz …

Die Ziegler-Group soll sich damit ja gut auskennen …

Christian Engel: … das ist uns schon früher eingefallen. Es geht um forschende Disziplinen, die vom Schreibtisch aus die Zukunftstechnologie Künstliche Intelligenz etablieren. Ein KI-Nukleus, um den sich zukünftig sehr viel drehen könnte. Inhaltlich kann die OTH dazu viel beitragen.

Lars Engel: Die OTH will regionale Schwerpunkte setzen. Die Denkwelt wendet sich an Unternehmen in der Region: Ihr habt hier die Möglichkeiten, euch für die KI neu aufzustellen. Ein klares Miteinander.

Professor Bauer: Ich habe von meinem Vorgänger als OTH-Präsident einen Leitsatz übernommen: „Aus der Praxis für die Praxis, aus der Region für die Region!“. Die OTH ist ein Player, der das beherrscht. Aber auch viele Unternehmen und die LUCE-Stiftung treffen eine wichtige Aussage: Wir wollen hier eine Wissensregion etablieren. Das ist mehr als eine Bildungsregion, die es in vielen Landkreisen schon gibt. Es geht um Austausch auf allen Ebenen, ein Netzwerk von international bis vor die Haustür, um Praxis und Regionalbezug.

Warum kann diesen Transfer aus Ihrer Sicht eine Denkwelt besser leisten als die Hochschule samt ihrer dezentralen Lernorte?

Professor Bauer: Besser ist es, es zusammen zu machen. Das ist ein mehrstufiger Prozess, da geht es um ein riesiges Ökosystem von Wissenschaft, angewandter Forschung, Bildung. Um Partner, die sich um Ausbildung kümmern, ein Beziehungsgeflecht von Industrie-, Wirtschafts- und Forschungspartnern, das man weiter verdichten kann. In unserem Umfeld kommen wir auf rund 50 Firmen, die ähnlich ticken, die über Jahre erfolgreich mit uns zusammenarbeiten und sich inhaltlich weiterentwickeln wollen.

Die Denkwelt ist inhaltlich anders als klassische Außenstellen ein Technologietransferzentrum Plus. Es geht darum, andere große Player zu begeistern, mit einem Spirit, der alle verbindet. Was an der OTH gut funktioniert, ist die Ausbildung von Studierenden. Aber es geht auch um die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften – es geht um die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung. Hier wurde uns vom Bundesministerium für Bildung und Forschung Exzellenz bescheinigt. Über das Modell Denkwelt schaffen wir Durchlässigkeit. Allein mit Akademikern wird sich die Region nicht erfolgreich weiterentwickeln.

Vordenker-Idol im Foyer: Universalgenie Leonardo da Vinci als Role-Model für die Denkwelt. Bild: Jürgen Herda

Denkwelt ohne Bau: Woran hapert es bislang bei der baulichen Umsetzung des Projektes in Halmesricht?

Professor Bauer: Es gibt unterschiedliche Geschwindigkeiten bei Unternehmen und staatlichen Verwaltungen. Über den Kooperationsvertrag zwischen der OTH Amberg-Weiden und der LUCE Stiftung speziell zur Künstlichen Intelligenz wurde fixiert, was wir 2021 und 22 ausgeben können. Weiherhammer ist als Netzwerkknotenpunkt gesetzt, die ersten 5 Millionen Euro für Infrastrukturausstattung sind bewilligt, es folgen jährlich bis zu vier Millionen Euro Projektmittel. Die Anschaffungen brauchen aber ihre Zeit, sie müssen europaweit ausgeschrieben werden. Die Mittel verwalten kann nur die Hochschule als staatliche Einrichtung. Es ist auch gelungen, zusätzliche Stellen über die Vision Denkwelt an die OTH zu lotsen. Wenn man sich anschaut, was in Weiherhammer bereits an Vorleistungen erbracht wurde, kann man die Erwartung verstehen, dass sich jetzt auch die Stadt nicht nur als Behörde, sondern als proaktiver Dienstleister versteht, zumal hier ein Mehrwert für die gesamte Region entsteht.

Wenn die Idee zur Denkwelt bereits auf Ministerpräsident Seehofer zurückgeht, wird da der Freistaat nicht langsam ungeduldig?

Christian Engel: Freilich hat’s der Freistaat eilig. In München werden Mittel nicht mehrmals vergeben, sie landen dann eben in Speinshart – mit einer Konzeption, die uns nicht so gut gefällt. Wenn das in der Geschwindigkeit so weitergeht, schauen wir mit dem Ofenrohr ins Gebirge. München wartet nicht auf Weiden.

Was treibt Sie jenseits unternehmerischer Interessen an, mit Ihrer Stiftung Wissen und innovative Technologie in die Gesellschaft zu transferieren?

Christian Engel: Man muss mit diesem falsch verstandenen Bild aufräumen, von einem Unternehmer, der nur an Gewinnmaximierung denkt. Das stammt aus dem vergangenen Jahrhundert, aus einer Zeit von Marx und Engels. Leider haben weite Teile der Gesellschaft ein falsches Bild von althergebrachten Arbeitgebern und Arbeitnehmerverbänden, das aus der Steinkohlezeit stammt. Ein vernünftiger Unternehmer steuert viele Größen, deren logisches Ergebnis der Gewinn ist. Ich lebe in dieser und von dieser Region. Wenn das nachhaltig auch für die nächsten Generationen geschehen soll, muss ich etwas dafür tun.

Lars Engel: … vor allem für Wissen und Bildung.

Christian Engel: Unsere Eltern waren sehr bildungsaffin, sie haben uns eine exzellente Ausbildung ermöglicht. Die versuchen wir in der Region weiterzugeben. Das nennt man vernünftiges Handeln. Wir brauchen hier sehr gut ausgebildete Leute, deshalb haben wir unsere LUCE-Stiftung gegründet und mit Professor Bauer einen sehr kompetenten ehemaligen OTH-Präsidenten an Bord geholt, damit sich diese Region zur Wissensregion entwickelt.

Lobby des Future-Labs: Ungewöhnliche Denker brauchen ungewöhnliche Arbeitswelten. Bild: Jürgen Herda

Mit welchen Standorten kann die Denkwelt konkurrieren?

Christian Engel: Kooperation statt Konkurrenz – wir sind eines von vielen Unternehmen.

Lars Engel: Wir konkurrieren mit anderen Regionen, damit die Fachkräfte nicht nach München abwandern.

Dann nochmal präziser: Mit welchen Regionen kann Weiden als KI-Standort konkurrieren?

Christian Engel: Wir konkurrieren mit den Metropolregionen. München ist eine tolle Stadt …

man sagt, sie sei teuer …

Christian Engel: … mit ein paar Nachteilen. Ich erzähle da gerne die Geschichte von den Neuankömmlingen, die bei uns arbeiten wollen und feststellen, „BHS hat ja die gleiche Aufgabenstellung wie Google oder Siemens in München“. Der Unterschied ist, bei uns ist es ein bisschen schöner. Das muss man publik machen. Als OTH-Präsident hat Professor Bauer früher immer postuliert, kein Abschluss ohne Anschluss. Die Denkwelt wird für manche die erste Arbeitswelt sein.

Welche Arbeitsplätze sollen dort entstehen?

Professor Bauer: Arbeitsplätze in einem Co-Working Umfeld, in dem man mit Daten arbeitet. Zusätzliche Labore braucht man da gar nicht, man kann die Hochschul-Labore ebenso nutzen wie das Equipment von Entwicklungsabteilungen der beteiligten Firmen. Es geht um Austausch. Man muss sich mal anschauen, wie man in anderen Ländern an diese Themen herangeht.

Lars Engel: KI ist kein singuläres Interesse für Google, sondern ein Querschnittsthema für Medizin, Maschinenbau, Logistik und vieles mehr.

Christian Engel: Wie muss ich mir das vorstellen? Wie bei den Forschern und Entwicklern vor 50 Jahren in Cambridge oder vor 30 Jahren im Silicon Valley. Die hocken sich nicht in einen Hasenstall in der Bahnhofsstraße. Gescheite Menschen setzt man zusammen in einen Raum, früher hat man Gründerzentrum dazu gesagt, das hatte aber einen gewerblichen Charakter.

Entsteht daraus schon ein wegweisendes Projekt, weil sie zusammensitzen – es braucht doch auch eine gemeinsame Aufgabenstellung?

Bauer: Dazu zwei Beispiele, die die Stiftung schon vor Corona begleitet hat – der Seniorenpark der Zukunft: Wir haben die wichtigsten politischen Aufgaben zusammengefasst: ländlicher Raum, Pflege, Bildung und Digitalisierung. Wir suchen Wege für neue Betriebsarten, Formen der Altenpflege, die woanders erfolgreich sind, keine klassische Schuhschachtel mehr. Gekoppelt mit dem Bedarf der Kommune, etwa einen Kindergarten. Dieses Denken, diese Vorgehensweise kann ich auf andere Themen übertragen. Wie könnt ihr euch zum Beispiel die Schulhäuser der Zukunft vorstellen? Wenn ich freier lernen und planen kann, stellt sich die Frage: Braucht es das klassische Klassenzimmer noch? Wie müssen Orte der Begegnung aussehen? Gebietskörperschaften, die an Schulneubauten denken, kommen mit solchen Fragestellungen zu uns. So sehen wir uns in der Stiftung, und das Schwungrad ist die KI.

KI ist eine virtuelle Wissenschaft, braucht es dazu überhaupt einen zentralen Ort – und wenn ja, wie soll der konzipiert sein?

Bauer: Wenn ich in die letzten Jahrhunderte schaue, hat sich zum Beispiel die Kirche immer wieder neu organisiert, aber sie braucht ein sichtbares Zeichen, den Kirchturm als Orientierungsturm, Leuchtturm, Fingerzeig. Wir brauchen ein Gebäude, das all die Ideen widerspiegelt, das Prinzip Austausch und Co-Working. Wenn wir wollen, dass Spitzenleute hierherkommen und länger bei uns bleiben, brauche ich ein entsprechendes Ambiente. Für ein zusammen Forschen, Arbeiten, Bilden und Leben. Dazu gehören Übernachtungsmöglichkeiten, ein sogenanntes, Boardinghouse.

Und wie haben wir uns diesen Fingerzeig vorzustellen?

Christian Engel: Unten ist ein hohes Foyer wie im Future Lab, im ersten Stock befinden sich sehr schöne Büroräume, im nächsten der Coworking-Bereich, noch ein Stock höher gibt es, wie bei uns, Projekträume. Noch ein Geschoss höher kriegen Sie vielleicht was zum Essen. Dann kommt das Boardinghotel, in das sie sich für ein paar Wochen oder auch länger einmieten können. Noch einen Stock höher befindet sich ein durchgängiger, medienwirksamer Flur für Veranstaltungen und ein Convenience-Bereich. So etwas hat Google auf einem Campus verteilt. Der derzeitige Zeitgeist gibt uns aber Höhe statt Fläche vor. Das ist keine Erfindung von uns, das stammt von der 2b AHEAD Ventures GmbH – die berät die Regierung, so stellt man sich das Verschmelzen von Arbeiten und Leben vor. Menschen wollen das eng beieinander haben. Diese Planung ist sechs Jahre her, da hat man weder Corona noch mobiles Arbeiten gekannt. Heute weiß jeder, wie angenehm Homeoffice ist ohne zwei Stunden durch den nervigen Verkehr. Warum nicht auch bei uns?

Es gibt ja schon einen Entwurf, auch den Architekten dazu?

Christian Engel: Nein, wir haben nur mal ein Design machen lassen, damit sich der Unbedarfte auch mal ein schönes Hochhaus vorstellen kann. Zumindest in der Region gibt es ja nicht allzu viele. In Mooslohe hat man sich schon in den 1960er Jahren mitten in der Pampa getraut, achtstöckige Häuser zu bauen.

KI-Vorbild China: Bei den Menschenrechten auf der Anklagebank, beim technischen Fortschritt Schrittmacher. Bild: Jürgen Herda

Vergangenes Jahr hat die damalige OTH-Präsidentin ihre Unterschrift unter die 25-seitige Verwaltungsvereinbarung mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium gesetzt – die fünf Millionen Euro Fördergeld für die Infrastrukturausstattung der Denkwelt können fließen. Etwa für eine Rechneranlage, besonders geeignet für Verfahren der Künstlichen Intelligenz, im Wert von 1,25 Millionen Euro und mehrere mobile Roboter. Wurde diese Hardware bereits angeschafft und, wenn ja, wie wird sie genutzt?

Professor Bauer: Es gibt eine Dreiteilung dieses Großrechners in Amberg, Weiden und Weiherhammer, da läuft gerade der Bestellvorgang über eine europaweite Ausschreibung. Das ist nicht so trivial, die müssen untereinander kompatibel sein.

Inwieweit gibt es eine abgestimmte KI-Strategie zwischen der Denkwelt und der OTH Amberg-Weiden – ist da auch ein Ausbau der KI-Kapazitäten geplant?

Christian Engel: Die OTH hat – wie jede Bildungseinrichtung – zunächst einmal den Auftrag, junge Menschen auszubilden, die ein Grundverständnis mitbringen. Der nächste Schritt ist der Sprung in die Praxis der Unternehmen. Dazu sollen diese sich in der Denkwelt zusammenfinden, um die an der Hochschule ausgebildeten Menschen dort einzusetzen, wo sie sie konkret brauchen. In so einem kooperativen Umfeld brauche ich keine Labore, die gibt es an der OTH, wo sie nicht 24/7 genutzt werden.

Professor Bauer: Was an Technik schon an der OTH vorhanden ist, ist ein Instrumentarium, auf das Firmen zurückgreifen können. Denken Sie nur an den Kollegen Schäfer in Amberg, der das Innovations- und Kompetenzzentrum Künstliche Intelligenz (IKKI) aufbaut. Hier wird der Transfer in die Wirtschaft nochmals verstärkt. Das ist echtes Miteinander.

Lars Engel: Das Ökosystem, das hier entsteht, kann so attraktiv sein, dass sich auch sehr interessante Professoren auf diese Stellen bewerben.

Christian Engel: Es gibt ein Digitalministerium in München, bei dem sich die Frage stellt, was die Leute sich dort wohl in ihren Büros ausdenken? Teile eines solchen Ministeriums sollen sich doch bitte in der künftigen Denkwelt einmieten, um ständig von Leuten umgeben zu sein, die wirklich wissen, worum es geht, wenn man die Digitalisierung voranbringen will. Ein anderes Anwendungsbeispiel wäre die Virtualisierung der Berufsschulwelt. Hunderte von Firmen schicken ihre Lehrlinge dort hin, wo dann eigens für jeden Fachbereich eine Back-, eine Drehmaschine angeschafft wird. Das ist nichts, was eines der beteiligten Firmen nicht auch schon hätte. Oder: Seit 100 Jahren schickt man in Deutschland Kinder und Jugendliche in die Schule, damit sie auf Bänken in viereckigen Räumen sitzen, vor denen ein Lehrer doziert. Vielleicht hat die Schule einen anderen Zweck – etwa das zu lernen, was man nicht verstanden hat. Und wo steuert man das? In einem Geschoss in der Denkwelt! Daran fehlt es noch in Deutschland.

Denken in Wellen: Die bayerische Staatsregierung unterstützt das Projekt einer KI-Denkwelt der LUCE-Stiftung. Bild: David Trott

Denkwelt Oberpfalz

  • Leitmotiv: Die Denkwelt Oberpfalz als Leuchtturm für das Forschen, Arbeiten und Leben der digitalen Zukunft.
  • Zielsetzung: Um eine Spitzenposition als Region der Zukunft zu halten und auszubauen will die Lars und Christian Engel Stiftung (LUCE) die digitale Transformation proaktiv mitgestalten, damit möglichst viele Menschen und Unternehmungen aus den daraus entstehenden Trends profitieren.
  • Partner: Dieses Ziel verfolgt sie zusammen mit der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden und der Stadt Weiden. Die Denkwelt als innovativer, für alle offener Ort, in dem das Forschen, Arbeiten und Leben der digitalen Zukunft modellhaft mitentwickelt, erprobt und gelebt werden kann, soll bis zum Jahr 2024 in Weiden realisiert werden.
  • Standort Halmesricht: Die LUCE-Stiftung hält bereits Flächen für die Denkwelt in Halmesricht vor. 20 Hektar in der Natur als Gegenpol zur fortschreitenden Urbanisierung. Die Fläche wird als Grundlage für einen neuen Stadtteil der Stadt Weiden verstanden und ist frei überplanbar.
  • Vision 2024: Die Schaffung und Vertiefung von Beziehungen zu interessierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen steht nun im Fokus.

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1 Kommentare

Berthold Gutermuth - 26.02.2022

Wer bremst das Projekt bei der Stadt Weiden aus?
Die Verwaltung oder der Stadtrat (welche Fraktion?)
Mit welcher Begründung?
Nennt Ross und Reiter!
Amberg übernimmt mit Kusshand dies Projekt.