„Der kalte Blick“: Ausstellung über Wissenschaftsverbrechen in KZ Flossenbürg

Flossenbürg/Wien. Eine rätselhafte Schachtel mit Fotos taucht in den 1980ern in Wien auf. Jahrelange Nachforschungen zeigen: Die Fotos sind Relikte eines seltenen wissenschaftlichen Verbrechens in Polen. Die jüdischen Opfer waren auch im KZ Flossenbürg interniert. Die Gedenkstätte zeigt nun die Geschichte des Experiments.

Schachtel mit der Aufschrift „Tarnow. Juden 1942”. In dieser Schachtel fanden sich die durchnummerierten Fotos. Sie ist auch in der Ausstellung zu sehen. Bild: Wolfgang Reichmann, Naturhistorisches Museum Wien

In den 1980er Jahren bekam das Naturhistorische Museum Wien einen unscheinbaren braunen Karton. In dieser Schachtel fanden sich durchnummerierte Fotos. Sie zeigten jeweils vier verschiedene Porträts von 565 Personen, in stets gleichen und damit vergleichbaren Perspektiven. Auf der Schachtel steht: „Tarmow. Juden, 1942“.

Infos zur Ausstellung

  • Titel: „Der kalte Blick. Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów“
  • Ort: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Gebäude der ehemaligen Lagerküche
  • Laufzeit: 13. Mai bis 6. November 2022
  • Öffnungszeiten: täglich von 9.00 bis 17.00 Uhr

Auch in Flossenbürg inhaftiert

Jahrelange Recherchen deckten die Geschichte hinter den Fotografien auf. Sie stammen aus dem Nachlass von Dr. Maria Kahlich. Die österreichische Anthropologin hatte die Fotos 1942 im Rahmen eines rassenanthropologischen Forschungsprojektes mit einer Kollegin zur „Erforschung typischer Ostjuden“ im polnischen Ghetto Tarnów zu Studienzwecken angefertigt. Innerhalb von zwei Wochen untersuchten die Forscherinnen 106 jüdische Familien, vermaßen ihre Körper und notierten Informationen zu Haar- und Augenfarbe. Wenige Wochen nach der Untersuchung begannen die Deutschen, das Ghetto brutal zu räumen.

Häufig sind es die letzten Fotografien, die von diesen Menschen überliefert sind. Den Holocaust überlebten nur 26 der untersuchten Menschen, darunter fünf, die in den letzten Kriegsmonaten im KZ Flossenbürg inhaftiert waren.

Auch Opfer der rassekundlichen Untersuchungen werden in der Ausstellung portraitiert, wie der Überlebende des KZ Flossenbürg, Steve Israeler, damals noch Sacher Israeler. Er lebte die ersten Jahre nach dem Krieg in einem oberbayerischen Kinderheim. Mit dieser Aufnahme wurde versucht, Verwandte des Jungen zu finden. Bild: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg/Museum of Jewish Heritag

Rassekundliche Untersuchungen

Die Wanderausstellung rekonstruiert und dokumentiert die rassenkundliche Untersuchung der 1942 hoch motiviert agierenden Anthropologinnen, welche ein seltenes Wissenschaftsverbrechen der Nationalsozialisten darstellt und zur angeblich wissenschaftlichen Legitimierung des Völkermords beisteuert. Zum anderen gibt sie Zeugnis vom Leben der jüdischen Bevölkerung Tarnóws vor 1939, ihrer Ghettoisierung, Verfolgung und Ermordung unter deutscher Herrschaft. Die polnische Stadt steht damit exemplarisch für die Vernichtung hunderter jüdischer Gemeinden in dem von Deutschen beherrschten und terrorisierten Polen.

Bei der Ausstellungseröffnung am 13. Mai waren etwa 50 Personen da. Reden hielten Prof. Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Dr. Andrea Riedle, Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors sowie Dr. Margit Berner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Naturhistorischen Museum Wien und Kuratorin der Ausstellung.

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