Fake-Inserate oder echte Hilferufe von Pflegepersonal?

Weiden. Seit einigen Wochen tauchen bundesweit vermehrt Stellengesuche ungeimpfter Pflegekräfte in Tageszeitungen und Anzeigenblättern auf. Auch in einigen regionalen Zeitungen ist das festzustellen. OberpfalzECHO berichtet über den Versuch der Kontaktaufnahme mit einigen Auftraggebern dieser Annoncen.

Die Corona-Krise ist für Menschen mit Demenz besonders schwer. Wie können Angehörige helfen? Tipps für pflegende Angehörige geben die Malteser. Foto: Pixabay
Die Corona-Krise ist für Menschen mit Demenz besonders schwer. Wie können Angehörige helfen? Tipps für pflegende Angehörige geben die Malteser. Foto: Pixabay
pixabay

Bereits in der vergangenen Woche berichteten wir über verschiedene Stellengesuche von scheinbar ungeimpftem Pflegepersonal in einer regionalen Tageszeitung und dem zugehörigen Anzeigenblatt. Zehn solche Annoncen erschienen an mehreren Tagen in Folge und alle lauteten so ähnlich wie diese: „Exam. Krankenschwester mit langjähriger Anästhesierfahrung, nicht weiter boosterwillig, sucht nach Ablauf des Immunitätsstatus neuen Wirkungskreis“; „Kinderkrankenschwester, ungeimpft, langjährige Erfahrung in mehreren Arbeitsbereichen, sucht zum 15.03. eine neue Arbeitsstelle“.

„Auf den ersten Blick wie abgesprochen“

Weil alle Anzeigen ähnlich klingen und sie sich häufen, kann sich zum Beispiel Gewerkschaftssekretärin Marina Mühlbauer von der Gewerkschaft Verdi schon vorstellen, dass es sich dabei um Fake-Annoncen handelt. „Da gibt es zwar keine Belege, aber es ist schon möglich, dass das aus einer bestimmten Ecke kommt.“ Ihr selbst seien bisher kaum Verdi-Mitglieder bekannt, die wegen der fehlenden Corona-Impfung einen neuen Job suchen. Nichtsdestotrotz gebe es eine große Verunsicherung im Zusammenhang mit der Impfpflicht und deshalb fordert sie klarere Regelungen und mehr Transparenz in dieser Angelegenheit.

Der „Fränkische Tag“ in Bamberg verzeichnete am Samstag mehr als 50 solcher Stellengesuche. „Die Häufung solcher sich ähnelnder Inserate ist ungewöhnlich. Das wirkte auf den ersten Blick fast wie abgesprochen“, sagte Gerhard Staudt vom Auftragsmanagement der Mediengruppe Oberfranken.

Wie die Tageszeitung berichtet, sei in einer Bamberger Chatgruppe von Gegnern der Corona-Maßnahmen dazu aufgerufen worden, dass ungeimpfte Pflegekräfte die Zeitung mit Stellenanzeigen „fluten“ soll. Unwiderlegbare Beweise für einen Zusammenhang zur Häufung ähnlich lautender Inserate gebe es aber nicht. Die Zeitung vermutet dennoch, dass der Anzeigenteil des Blattes „zu einem Feld der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung über die Impfpflicht geraten sein könnte“.

Anzeigenflut in vielen Zeitungen

Im Traunsteiner Tagblatt waren es am 8. Januar mehr als 30 Stellengesuche, das Oberbayerische Volksblatt aus Rosenheim schaltet immer wieder Inserate, der Wochen Kurier in Pirna allein am Samstag 37. Und auch im Nordbayerischen Kurier Bayreuth, der zur Südwestdeutschen Medienholding gehört, wurden am 12. Januar 22 Jobgesuche von Ungeimpften verzeichnet. Solche Inserate kosten je nach Länge meist zehn bis 20 Euro.

Wie verhält es sich nun mit den Stellengesuchen in den Nordoberpfälzer Blättern Neuer Tag und OWZ? Könnte auch hier eine konzertierte Aktion von Impfgegnern dahinterstecken? Die überwiegende Mehrzahl der Anzeigen ist mit Chiffrenummern versehen und die Auftraggeber deshalb nicht zu erreichen. Immerhin zwei Inserierende haben ihre Telefonnummer angegeben. Bei der ersten Nummer, einer „Krankenschwester mit 15 Jahren Berufserfahrung“ und „ungeimpft“, die „ab 15. März einen neuen Wirkungskreis sucht“, lautet die ernüchternde Computeransage: „Diese Telefonnummer ist nicht vergeben.“

„Von der Impfung nicht überzeugt“

Mehr Erfolg haben wir beim zweiten Versuch. Unter der Nummer der Annonce „Ungeimpfte Krankenpflegerin mit 30-jähriger Berufserfahrung sucht neue Herausforderung ab Frühjahr 2022. Gerne auch branchenfremd“ meldet sich tatsächlich eine Frauenstimme. Und sie antwortet auf die Frage, ob wir sie was wegen ihrem Stellengesuch fragen dürfen, mit einem freundlichen „Ja klar“.

Die Frau mittleren Alters „aus der Gegend von Rötz“ sagt, dass sie nicht von der Impfung überzeugt sei, zumal diese zwar einen selbst vor schwerer Erkrankung schütze, aber nicht vor der Weitergabe des Virus. „Es ist meine Entscheidung. Ich fände regelmäßige Tests besser, weil wirkungsvoller. Ein Geimpfter kann Corona doch fast genauso weitertragen wie ein Ungeimpfter.“ Sie kenne mehrere Kolleginnen, die ähnlich denken wie sie und die sich auch nicht impfen lassen wollten.

18 Versuche ohne Erfolg

126 Stellengesuche von Beschäftigten aus dem Kranken- und Pflegebereich sowie weiteren medizinischen Bereichen entdeckte Andreas Rausch, Redakteur vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, am Wochenende in einem Bautzener Anzeigenblatt. Alle mit dem gleichen oder ähnlichen Tenor: „Ungeimpfte Krankenschwester/-pfleger/, Altenpflegerin sucht ab 16. März eine neue Stelle“. Der Journalist versuchte, einige der Kontakte telefonisch zu erreichen. Vergeblich. Er bekam bei 18 Versuchen keine(n) der vermeintlich Jobsuchenden an die Strippe.

Genau 126 Stellengesuche listete der Oberlausitzer Kurier in der Lokalausgabe Bautzen auf, komplett aus dem Gesundheitswesen, von der Krankenschwester über den Altenpfleger bis zur Physiotherapeutin. „Alle eint vorgeblich die gleiche Not: Sie suchen einen neuen Job, weil ihnen ihr eigener zum 16. März verloren geht. Denn sie sind, das schreiben sie in Teilen in Versalien oder zumindest fett hervorgehoben, ungeimpft“, schrieb Rausch in seinem Bericht.

Nummern nicht vergeben

Nahezu drei Viertel der Anzeigen waren mit Handynummern versehen, der Rest lief unter Chiffre, auch ein paar Festnetzanschlüsse waren darunter. „Unter einem solchen findet sich eine Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin, 37 Berufsjahre hat sie, schreibt sie, davon hätte sie offenbar die letzten beiden auf einer Covid-Station verbracht, wegen ‚Bewahrung ihres natürlichen Immunsystems‘ sucht sie einen neuen Job. Ich wähle ihre Nummer und: Es passiert…nichts. Es klingelt. Und klingelt. Und klingelt“, schildert Rausch.

Ähnlich ergeht es ihm bei seinen weiteren Versuchen. Entweder sind die Nummern unvollständig, nicht vergeben, es meldet sich niemand, es erklingt ein Besetztton oder eine Mobilbox-Ansage – die allerdings konsequent anonym, ohne Namen oder persönlichen Hinweis. „Was die Impfpflicht im Gesundheitswesen wirklich bewirkt, werden wir wohl erst Mitte März genauer wissen. Nach dem Studium von Anzeigenblättchen sicher nicht“, vermutet der RBB-Redakteur.

Eine bewusste Entscheidung

Die Krankenpflegerin aus der Oberpfalz bedauert, dass dieses Thema die Gesellschaft so entzweie. „In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es das nicht. Egal ob geimpft oder nicht. Wir verstehen uns nach wie vor bestens und treffen uns genauso wie vor der Pandemie. „Befürchtungen, dass sie keine Arbeit mehr bekommen könnte ab März, habe sie nicht.

„Ich mache alles. Wenn man wirklich arbeiten will, bekommt man auch was“, ist sie überzeugt. „Ich habe meine Entscheidung bewusst getroffen und nehme die Konsequenzen in Kauf.“

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.