Gericht verhängt Haft: Stiefvater ein „Haustyrann“

Weiden. Das Amtsgericht Weiden schickt einen 42-Jährigen aus dem Landkreis Neustadt/WN ins Gefängnis. Der Vorwurf: häusliche Gewalt gegen seine Frau (34) und die Stiefkinder. Der Richter bezeichnet den Arbeiter als „Haustyrannen“.

Schöffengericht Amtsgericht Weiden
Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Hubert Windisch (Zweiter von links). Rechts im Bild Staatsanwalt Matthias Biehler. Foto: Christine Ascherl

Das Schöffengericht verhängt 2 Jahre 6 Monate wegen sexuellen Missbrauchs und vier Körperverletzungsdelikten. Berufung ist noch möglich.

Das Paar hatte sich 2017 im Internet auf der Chatplattform „Spin“ kennengelernt. Sechs Wochen später verließ die Frau ihren ersten Mann und zog mit den Kindern (damals 1 und 9) zum Angeklagten in die Oberpfalz. „Am Anfang war alles ganz harmonisch.“

Dreijähriger mit Brandwunde

Aus Harmonie ist Hass geworden. Am Donnerstag treffen sich alle vor Gericht wieder. Die Stieftochter (inzwischen 15) hat nach Angaben von Nebenklageanwalt Marc Steinsdörfer solche Angst, dass sie den Gerichtssaal nicht betreten will. Für ihre Aussage muss der Angeklagten schließlich kurzzeitig vor die Tür.

Die Anklage von Staatsanwalt Matthias Biehler umfasst fünf Delikte. Zwei betreffen die Stieftochter, die der Angeklagte nachts im Kinderzimmer unsittlich angefasst haben soll. Am Esstisch ohrfeigte er sie so heftig, dass sie von der Bank fiel. Zwei Delikte betreffen den Stiefsohn. Der Angeklagte soll dem Dreijährigen mit dem Feuerzeug eine Brandwunde zugefügt haben. Dieser solle lernen, dass man nicht an den Kaminofen fasst. Und auch der Kleine soll eine Ohrfeige kassiert haben, dass man fünf Finger auf der Backe sah. Der fünfte Anklagepunkt ist ein Würgen der Ehefrau auf dem Sofa. Sie sah nach eigener Auskunft „Sterne“.

Trotzdem geheiratet

Die Schwierigkeit: Es steht Aussage gegen Aussage. Einige der Taten ereignete sich noch vor der Hochzeit 2019. Richter Hubert Windisch erlaubt sich die Frage: „Warum haben Sie ihn trotzdem geheiratet?“ Selbst nach dem Übergriff auf die Tochter, den diese ihr sofort berichtete, blieb die Frau noch ein Jahr bei ihrem Mann. „Er hat sie alle niedergemacht und unter Kontrolle“, meint die beste Freundin. Sie war es schließlich, die im Dezember 2022 zur Trennung drängte und die Polizei dazu holte. Die Ermittlungen kamen ins Rollen.

Wie konnte es so weit kommen? Die Eltern der Frau, die beste Freundin und die Tochter schildern, wie der Angeklagte in den Ehejahren zunehmend launischer wurde. Man habe ihm nichts recht machen können. „Er war der Marionettenspieler und wir mussten nach seiner Pfeife tanzen“, sagt die 15-Jährige. Sie litt unter seinen zotigen Sprüchen, als sie das erste Mal verliebt war. „Ich solle erst auf einem alten Gaul reiten lernen.“

Der Opa (68) erzählt, wie der Schwiegersohn den kleinen Enkel oben auf den Kleiderschrank setzte. Dieser müsse „robuster“ werden. „Mein Enkel ist so ängstlich. Das tat mir so weh.” Die Großeltern waren auch dabei, als der Bub eine Ohrfeige bekam. Die Oma sagt: „Er hat ihm eine geschallert, dass ich dachte: Der hat sie doch nicht alle.“

Verteidiger vermutet Komplott

Der Angeklagte streitet alles ab, jeden einzelnen Punkt. Beispiel: Die Verbrennung soll sich beim Ofen anzünden im Sommer 2018 zugetragen haben, „einem der heißesten Sommer seit Wetteraufzeichnung“. „All diese Vorfälle hat es nie gegeben.“ Verteidiger Jonathan Mirus weist auf Widersprüche in den Zeugenaussagen hin. „Aus meiner Sicht gibt es erhebliche Anzeichen für eine Inszenierung.“ Mirus fordert einen Freispruch.

Staatsanwalt Biehler plädiert auf 3 Jahre 7 Monate Haft. Er ist „absolut überzeugt“, dass sich die Taten tatsächlich so ereignet haben. Es handle sich um verschiedenste, facettenreiche Vorfälle. „Wenn man etwas erfinden würde, dann hätte man es anders gemacht.“ Ein Komplott schließt er aus.

So sieht es letztlich auch das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Windisch: „Wir haben an der Täterschaft des Angeklagten keinen Zweifel.“ Die Hauptzeugin – die Stieftochter (15) – sei in ihren Aussagen seit Beginn der Ermittlungen ohne Widersprüche geblieben. „Ich bin seit Jahrzehnten im Geschäft und kann mir schon ein Bild davon machen, ob jemand Storys erzählt.“

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