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Goethes Wohnzimmer verdankt Glashütte Lamberts das ewige Leben [mit Video]

Oestrich-Winkel/Waldsassen. Wer von euch war schon mal bei Goethe zu Besuch? Im Brentano-Haus in Oestrich-Winkel (Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen) hat der Besucher das Gefühl, der Dichterfürst wäre gerade erst zur Tür hinaus. Hätten nicht 200 Jahre Sonnenlicht das Interieur verblassen lassen. Mundgeblasene UV-Fenster der Glashütte Waldsassen verschaffen Goethes Möbel jetzt das ewige Leben.

Das Goethezimmer im Brentanohaus mit mundgeblasenen UV-Schutz-Fenstern der Glashütte Lamberts. Bild Freundeskreis Brentanohaus

200 Jahre pralle Sonne durch alte Fensterscheiben: Der grelle Zahn der Zeit nagte an klassizistischen Bildern, Polstermöbeln und Vorhängen im großen Saal. Professor Dr. Wolfgang Bunzel vom Freien Deutschen Hochstift, sozusagen Schutzherr des Brentano-Hauses, hat dem im Rahmen einer groß angelegten Sanierung einen Riegel vorgeschoben: „Deshalb haben wir die originalen Scheiben originalgetreu nachmachen lassen, aber mit UV-Schutz.“

Nur wenige Glashütten weltweit

Hört sich simpel an, ist aber eine knifflige Aufgabe, die nur eine einzige Glashütte weltweit realisieren kann: „Nur die Glasmacher in Waldsassen waren dazu in der Lage“, rühmt Germanist Bunzel die Nordoberpfälzer Glasexperten. Wie kommen aber die Goethe-Forscher ausgerechnet auf die 1934 von Josef Lamberts gegründete Hütte? „Wir sind gut vernetzt“, erklärt Marketing-Chef Robert Christ. „Die Denkmalschützer wissen, dass wir Glas in der Machart der Goethezeit mit UV-Schutz herstellen können.“

Damit schlagen die traditionellen Glasmacher zwei Fliegen mit einer Klappe. Traditionelle Glasmacherkunst mit innovativer Funktionalität: „Industriefenster zerstören die Wirkung historischer Gebäude, weil sie von außen betrachtet wie ein seelenloser Krater wirken – mundgeblasenes Glas aber ist wellenförmig, reflektiert, lebt, macht Fenster zu den Augen eines Hauses“, schwärmt Christ. „Es gibt weltweit zwei Firmen, die dazu in der Lage sind – eine kleinere in Frankreich und uns.“

Künftig Mona Lisa bei Tageslicht

Die relativ neue Methode der Waldsassener Glas-Tüftler eröffnet Museen rund um den Globus ganz neue Perspektiven: „Damit können sie künftig ihre Exponate im Tageslicht zeigen, ohne Angst zu haben, dass die Farben der Kunstschätze ausbleichen.“ Während man heute noch durch abgedunkelte Säle im Louvre oder den Uffizien tappt, kann man künftig das schräge Lächeln der Mona Lisa im hellen Tageslicht bestaunen.

Die Einsatzmöglichkeiten des Waldsassener Edelglases sind vielfältig: „Ob im Denkmalschutz, auf Schloss Neuschwanstein, der Dresdener Frauenkirche, im Kölner Dom, Moscheen im islamischen Kulturraum, Synagogen, Kirchen-Neubauten in Korea. …“ Die Nachfrage nach Lamberts lebendigem Craft-Glas ist groß. „In den vergangenen 20 Jahren haben wir unser Glas aber auch in modernen Verwaltungsgebäuden wie dem Pfizer Building in New York oder dem Hotel Adlon in Berlin verbaut.“

Big Ben verglast

Für die Mitarbeiter sei es schon ein erhebendes Gefühl zu wissen, dass der Tower in London, in dem Big Ben seine Melodie schlägt, von Lamberts verglast ist. „Wir bedienen mit unserem Glas die oberste Liga der Architekten“, sagt Christ. Aber auch beim Interieur-Design wird das edle Material immer wichtiger: „Wir gestalten Gläser für ein Mode-Label in Frankreich“, erzählt der Lamberts-Sprecher.

Das schillernde Material fasziniert auch Künstler weltweit. Herausragende Vertreter der Glaskunst wie Johannes Schreiter, Guy Kemper, Neo Rauch oder Imi Knoebel, der drei Glasfenster in der Kathedrale von Reims gestaltete, haben schon in Waldsassen produzieren lassen. „Wir stellen unser Glas in 5000 verschiedenen Farben und Strukturen her“, sagt Christ stolz, „jeder neue Auftrag von Künstlern ist eine neue Herausforderung.“

Ritterschlag Unesco-Welterbe

Den Ritterschlag könnte diese höchste Kunst traditioneller Glasmacherei bald durch die Unesco erhalten: „Wir stehen auf der deutschen Liste für das Welterbe“, freut sich Christ. „Das ist natürlich auch eine Verpflichtung, dieses Handwerk auf höchstem Niveau fortzuführen.“ Für die Mitarbeiter eine alltägliche Herausforderung: „Sie müssen Hitze aushalten, handwerklich eine top Leistung bringen“, lobt der Industriekaufmann, der vor 33 Jahren selbst hier gelernt hat, das junge Team. Integraler Bestandteil der Mannschaft sind einige tschechische Kollegen. „Böhmen hat ja auch eine große Glastradition.“

Neue Impulse kommen auch vom neuen Besitzer Rainer Schmitt, der die Glashütte 2018 von Reiner Meindl übernommen hat: „Ein absoluter Glücksfall“, schwärmt Christ, „ein Glasverrückter im besten Sinn des Wortes, der uns vor 40 Jahren schon einmal besucht und offenbar nicht mehr vergessen hatte.“

Robert Christ, Marketing-Leiter der Glashütte Lamberts in Waldsassen. Bild: Jürgen Herda

Hier bin ich sehr gut, schön und bequem“

„Das Unternehmen ist eine Manufaktur, die vom Können der Menschen lebt“, beschreibt der neue Geschäftsführer das Waldsassener Alleinstellungsmerkmal. Er hofft, dass durch die Erschließung neuer Märkte durch die technische Weiterveredelung der mundgeblasenen Glasscheiben „künftig noch mehr Öfen brennen als jetzt“. Ein neuer Ofen, mit dem charmanten Namen „Cornelia“ der Chefin zu Ehren wurde bereits 2021 in Betrieb genommen.

Wo zumindest schon wieder Sonnenlicht durchs Fenster scheint, ist das hessische Brentano-Haus, von dem unser Dichterfürst schwärmte: „Hier bin ich sehr gut, schön und bequem“, als er in dem Anwesen mit Weingut bis zum Rhein im Spätsommer 1814 und 1815 zu Gast war. Dank Lamberts kann Goethes Anwesen auch künftig nahezu im Originalzustand erhalten werden.

Im Brentano-Haus in Oestrich-Winkel (Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen) hat der Besucher das Gefühl, der Dichterfürst wäre gerade erst zur Tür hinaus. Bild: Glashütte Lamberts

Die Glashütte Lamberts

Die Glashütte Lamberts ist ein mittelständischer Familienbetrieb mit 70 Mitarbeitern. Sie produziert mundgeblasene und handgefertige Gläser in über 5000 verschiedenen Farben und Strukturen.

Original-Lamberts-Gläser sind bei Fachleuten auf der ganzen Welt sind ein für ihre Vielfalt, Qualität, Brillanz und Körperhaftigkeit hochgeschätzter Werkstoff. Lamberts hält ein umfangreiches Lager mit mehr als 50.000 Glastafeln vor.

1906: Gründung der „Neuen Hütte“ und Bau der bekannten Ofenhalle.

1934: Josef Lamberts kauft die durch die Wirtschaftskrise brachliegende Glashütte und reaktiviert die Flachglasproduktion.2009: Die Familie Meindl kauft den Waldsassener Traditionsbetrieb, Hans Reiner Meindl leitet die Glashütte als Geschäftsführender Gesellschafter.

2009: Auszeichnung mit dem „Umweltpreis“.

2010: Auszeichnung „Glasstraßenpreis“.

2011: Neubau eines Schmelzofens.

2011: Auszeichnung „Kulturpreis Denkmalpflege Oberpfalz 2011“.

2011: Auszeichnung „Innovationspreis 2011“ für das neu entwickelte Denkmalschutz-Isolierglas.

2011: Auszeichnung „Deutschland – Land der Ideen – Ausgewählter Ort“.
2012: Auszeichnung „Denkmalpreis der Hypo-Kulturstiftung 2012“.

2014: „Handwerkerseite“ des Jahres.

2015: Die handwerkliche Fertigung von Flachglas in Mundblastechnik ist ab jetzt gelistet im Bayerischen Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.

2016: Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission hat die „manuelle Glasfertigung“ als Immaterielles Kulturerbe auf nationaler Ebene bewertet. Ein unabhängiges Expertenkomitee folgte der Argumentation der Bewerber, das implizite Wissen der händischen Glasherstellung durch Praxis, Vernetzung, Dokumentation und Weiterentwicklung für die Zukunft zu bewahren.

2016: 176 Teilnehmer aus 23 Ländern sind in der Glashütte zu Gast bei „The First Transatlantic Stained Glass Symposium“.

2017: Große Jubiläumsfeier zu 111 Jahren Glashütte Waldsassen mit über 100 Gästen.

2018: Bau eines Schmelzofens.

2018: Auszeichnung mit dem „Werkbund-Label“.

2018: Rainer Schmitt wird neuer Geschäftsführender Gesellschafter und Eigentümer.

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