Güte trotz Grauen: Familie und Freunde feiern Alexander Frieds 97. Geburtstag

Waldsassen. Das hat sich der jüdische Holocaust-Überlebende Alexander Fried mehr als verdient: Statt wie so viele Altersgenossen einsam die Stunden im Pflegeheim zu zählen, feiert der Mann, der das düsterste Jahrzehnt des blutrünstigen 20. Jahrhunderts durchlitt, seinen 97. Geburtstag im großen Kreis seiner Familie und Freunde.

Alexander Fried und Dorothea Woiczechowski-Fried vor ihrem Häuschen. Archivbild: Jürgen Herda

Man kann es nicht oft genug sagen: Der 7. Mai ist für den jüdischen Holocaust-Überlebenden Alexander Fried Jahr für Jahr eine Erinnerung an die Wiedergeburt. Am 7. Mai 1945 überlebte der gerade 20-Jährige die vorerst letzte Etappe eines unsagbaren Leidensweges – das Ende des Todesmarsches vom KZ-Sachsenhausen zur Ostsee.

Körper aus Haut und Knochen

Rückblende: Körper aus Haut und Knochen ohne Muskeln. Die Kraft reicht nicht, um sich zu beugen, zu setzen, geschweige denn zum Aufstehen. Wer liegt, ist tot. Vorwärts oder sterben. „Ich werde verlöschen.“ Alexander lässt sich fallen. Das Nichts. Schwärze. Nach einer Weile öffnet er die Augen: Häftlinge stehen unruhig herum. Keine Wachen. Andere Soldaten. Russen. Schani setzt sich mit letzter Kraft auf. Von seinem Hügel aus sieht er eine kleine Stadt. Crivitz.

Ein weißes Fahrzeug mit einem Roten Kreuz. Freundliche Frauen verteilen Pakete. Die knochigen Hände zittern. Alexander klappt den Pappdeckel hoch und staunt. Brot, Kekse, Käse, Schokolade. Ein Glück, das zu betrachten. Aber essen? Die Organe taub, Magen, Bauchspeicheldrüse, Darm und Galle außer Betrieb. Jeder Keim kann jetzt tödlich sein. Ein alter russischer Soldat legt ihm die Hände auf die Schultern: „Wir haben dich befreit. Wir, das große russische Volk!“

Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bild: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bild: Jürgen Herda
Sohn Jonathan Fried bedankt sich bei den Gästen. Alexander Frieds feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Sohn Jonathan Fried bedankt sich bei den Gästen. Alexander Frieds feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexanders Sohn Jonathan ist mit Frau Olga und den Kindern Jakob und Daniel aus Dubai angereist. Bild: EvS
Alexanders Sohn Jonathan ist mit Frau Olga und den Kindern Jakob und Daniel aus Dubai angereist. Bild: EvS
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Viktor Ehlscheidt krönt die Mai-Festspiele für Alexander Fried. Bild: Jürgen Herda
Viktor Ehlscheidt krönt die Mai-Festspiele für Alexander Fried. Bild: Jürgen Herda
Und auch die Gänse freuen sich. Bild: EvS
Und auch die Gänse freuen sich. Bild: EvS
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Sohn Jonathan Fried bedankt sich bei den Gästen. Alexander Frieds feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Alexanders Sohn Jonathan ist mit Frau Olga und den Kindern Jakob und Daniel aus Dubai angereist. Bild: EvS
Alexander Fried feiert mit Familie und Freunden seinen 97. Geburtstag. Bilder: Jürgen Herda
Viktor Ehlscheidt krönt die Mai-Festspiele für Alexander Fried. Bild: Jürgen Herda
Und auch die Gänse freuen sich. Bild: EvS

77 Jahre später

77 Jahre und einige Odysseen wie die Flucht aus der stalinistischen Tschechoslowakei der 1950er Jahre später sitzt Alexander Fried im Kreise seiner Familie im sonnendurchfluteten Innenhof des Waldsassener Gasthofs Prinzregent Luitpold. Der Jubilar blinzelt gegen die Sonne, als könne er es nicht fassen, immer noch von dieser Welt zu sein. Eine Welt, die sich weitergedreht hat, aber immer noch keine friedliche ist. Während Putin seine Kriegs-Rechtfertigung für die Moskauer Parade vorbereitet, sitzen an diesem Mai-Samstag Russen und Ukrainer friedlich zusammen.

Sie lauschen den beschwingten Klängen von Viktor Ehlscheidts Akkordeon. Der Deutschrusse und seine Frau Natascha gehören zu den musikalischen Helfern Dorothea Woiczechowski-Frieds – der Frau, bei der Alexander sei spätes Glück in Tirschenreuth fand. „Viktor hat auch immer bei meinen Veranstaltungen von ,Ärzte ohne Grenzen‘ gespielt“, freut sie sich. Unter den Gästen sind auch Irina und Alexander Plischuk: Die frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Weiden organisiert derzeit Wohnungen für ukrainische Flüchtlinge.

Lob der helfenden Hände

Inzwischen sitzen alle Gäste auf ihren Plätzen, studieren die Menüfolge mit viel saisonalem Spargel und freuen sich, dass sie mit Alexander heute ein Fest fürs Leben feiern dürfen. Alexanders Sohn Jonathan Fried, der mit Frau Olga und den Kindern Jakob und Daniel aus Dubai angereist ist, begrüßt die Freunde der Familie und bedankt sich auf Englisch bei den vielen Menschen, die das Ehepaar im Alltag unterstützen. „Ich kann gar nicht alle aufzählen“, sagt der Finanzjurist sichtlich gerührt.

Jonathan Fried hält die Geburtstagsrede für seinen Papa Alexander. Bild: Jürgen Herda

Doro, Alexander und sein zweiter Sohn Dani Fried, der aus Brüssel gekommen ist, lauschen Jonathans Danksagung: „Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung“, adressiert er an den Nachbarn und IT-Sicherheitsexperten am Landratsamt, Peter Süß, der immer zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird. Der Dank gilt auch Alexanders geliebter Betreuerin Susanne Gretsch und Peter Ksiazka, der die Nachtwachen übernimmt. Nicht zu vergessen: Ergotherapeutin Maria Müller, Hundeflüsterin Cornelia Kisser, die Doros Hündin Sarai die Angst nahm, ihr Mann Dr. Klaus Kisser.

Ohne ihn wäre das Happy End in der Oberpfalz nicht möglich gewesen: Dr. Ludwig Schmid, der Alexander und Doro zusammenführte, und seine Gattin, Richterin Birgit Götzinger-Schmid. Zu den Ehrengästen gehören Ludwig und Sybille Mehler von der gleichnamigen Tuchfabrik, der pensionierte Forstbeamte Joachim Vollmer und seine Frau Inge, und befreundete Ärzte-Kollegen wie Dr. Eduard und Dr. Agnes Klupp oder Dr. Helmut Pürner und Gemahlin Frieda.

Volker Röhrs Gemälde zeigt Alexander Fried inmitten wichtiger Stationen und Personen seines Lebens. Bild: Jürgen Herda

Fried im Porträt und Seifenblasen-Party

Ein besonderes Geschenk überreicht der Begleiter von Landschaftsarchitektin Kristina Hack, die die Landesgartenschau mit geplant hatte. Volker Röhrs enthüllt sein eigenhändiges Gemälde, das Alexander Fried inmitten wichtiger Stationen und wichtiger Personen seines Lebens zeigt: Dessen Frau Doro oben rechts, den Dichter Heinrich Heine darunter, den tschechoslowakischen Philosophenpräsidenten der Ersten Republik, Tomáš Garrigue Masaryk und Frieds Fahrt auf einer Pferdekutsche nach der Befreiung.

Während die Erwachsenen in Gespräche über Gott und die Welt vertieft sind, feiert der Nachwuchs seine eigene Seifenblasen-Party ohne Berührungsängste und religiöse, weltanschauliche oder gar ethnische Vorbehalte. „Kinder sind für uns immer schon wichtig“, freut sich Doro, „und nach der Shoah sind sie noch wertvoller, weil sie die Hoffnung auf Zukunft des jüdischen Volkes repräsentieren.“

Kommentar: Die Frieds sind meine liebsten Mutbürger

Man begegnet als Redakteur vielen Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Was Dorothea Woiczechowski-Fried und Alexander Fried zu erzählen haben, lässt sich auch in einer vielteiligen Serie nicht lückenlos ausbreiten. Ich habe selten eine ergreifendere Geschichte gehört. Sie erinnert an die unglaubliche Erzählung von Jonas Jonassons „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Alexander Fried ist nicht verschwunden, obwohl die Nazis alles dafür taten, dass er wie sechs Millionen Leidensgenossen und eine ganze Kultur einfach verschwindet. Alexander blieb. Er legte Zeugnis ab und ließ sich sein Leben nicht nehmen.

Alexander ist nicht nur Opfer eines verbrecherischen Regimes. Darauf legt er Wert. Er nahm sein Leben nach der Befreiung in die eigenen Hände. Der Mann, der zehn Sprachen spricht, hat seine Talente entwickelt, wurde Wissenschaftler, Professor an Universitäten in der ganzen Welt. Dorothea ist der Familientradition treu geblieben und wurde Kinderärztin. Sie half bei Entwicklungshilfeprojekten und ist Teil der Oberpfälzer Willkommenskultur im Verein „Demokratie leben“.

Die beiden hätten allen Grund, sich wichtig zu nehmen. Aber dieses liebenswürdige Paar redet nicht nur über sich selbst: Wie Philemon und Baucis kümmern sie sich um andere. Sie klagen nicht, sie helfen. Sie sind meine liebsten Mutbürger.

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