HSV rettet beim Jahn mit Mordsdusel Rest-Aufstiegschance

Es ist eine der besten Saisonleistungen der Regensburger. Und doch steht der SSV Jahn gegen den HSV am Schluss mit leeren Händen da. Zwei Sonntagsschüsse, ein Elfer, ein passiv-aktives Abseitstor führt zur extrem unglücklichen 2:4-Niederlage in den letzten Minuten des Spiels.

Was für ein Hamburger Dusel-Tag: Mit zwei Sonntagsschüssen, einen Elfer und einem aktiv-passiven Abseitstor gewinnen die Hanseaten äußerst glücklich mit 4:2 in Regensburg. Hier im Glück Traumtorschütze Miro Muheim. Bild: jrh

Was für ein Wahnsinnspiel, das die Zuschauer da zu sehen bekommen! Leider kann Regensburg nichts Zählbares aus dieser Partie mitnehmen. Das 2:4 Endergebnis spiegelt das Spielgeschehen in keinster Weise wider. Zu keiner Zeit ist die Jahn-Elf das unterlegene Team. Im Gegenteil: Die ersten 10 Minuten ist der SSV das klar spielbestimmende Team, kann jedoch keine der Chancen in ein Tor ummünzen.

So ist es ein absolutes Traumtor, das den HSV die Führung in Halbzeit eins beschert. Kurz nach Wiederanpfiff kann diese verdientermaßen von Carlo Boukhalfa egalisiert werden.

Ein weiterer Fernschuss der Kategorie Traumtor bringt den HSV in der 66. Minute wieder in Front. In der Schlussphase überschlagen sich die Ereignisse. Den Ausgleich nach Strafstoß von Andreas Albers in der 89. Minute kontern die Hamburger zweimal. Am Ende steht ein 2:4 auf der Anzeigetafel. Bester Mann auf Gäste-Seite ist sicherlich Torwart Daniel Heuer Fernandes. Ein Fakt, der symptomatisch für den überragenden Auftritt der Jahn-Elf ist.

Jahn startet mit Vollgas-Fußball

Was für ein Auftakt, die Drangphase des SSV beginnt nach 20 Sekunden. Nicklas Shipnoski steil, HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes faustet zur Ecke. Nächste Gelegenheit, Max Besuschkow vom 16er, wieder Heuer Fernandes mit Flugeinlage (2.). Und noch einmal macht Shipnoski über rechts alles richtig, Rückgabe per Hacke, Auflage für Besuschkow, der rutscht weg, drüber (4.).

Zum ersten Mal befreit sich der HSV, weiter Ball auf Robert Glatzel, beide fallen im Strafraum, Stürmerfoul. Auf der anderen Seite blüht Shipnoski weiter auf, Drehschuss aus zehn Metern halb rechts, Ecke (6.). Der Jahn wie die Feuerwehr, Powerplay ohne Ende, Andreas Albers erkämpft die Kugel, Besuschkow grätscht am Elfer, Jan Niklas Beste um ein Mückenbein im Abseits (8.).

Der Ball schrammt die Torlinie entlang

Nächste Wahnsinnschance, der Jahn kontert, Endstation Bene Saller. Heuer Fernandes lässt die Kugel an der Torlinie entlang schrammen, Mordsglück für Hamburg (11.). Auf der anderen Seite klärt Scott Kennedy zur ersten Hamburger Ecke – natürlich kurz, eigentlich schon rum ums Eck, aber der Ballverlust im Aufbau macht sie nochmal gefährlich. Alex Meyer beim Kopfball zur Stelle (12.).

Bakery Jatta arbeitet sich hinten raus, Fehlpass, rasanter Konter auf Beste, der verzieht im Strafraum (14.). Jetzt spielt mal der Jahn Harakiri, die halbe Mannschaft bleibt vorne, die HSV-Kombis wie durch Butter, Glatzel schiebt die Kugel aus acht Metern neben den linken Pfosten (15.). Fehler Heuer Fernandes, der den Rücken seines Abwehrspielers anschießt, die Kugel liegt einen Moment vor den Füßen von Besuschkow und Albers, aber der Keeper kommt gerade noch rechtzeitig.

Schlechter Witz: Traumtor für HSV

Der HSV ist nicht vorhanden, dann fällt Miro Muheim die Kugel vor die Füße, der zieht aus 20 Metern ab, ins Kreuzeck, 0:1 (23.), ein Traumtor für Hamburg, aus Regensburger Sicht ein schlechter Witz. Danach fängt sich der HSV, bekommt das Spiel zunehmend in den Griff, kann immer wieder Nadelstiche setzen, ohne große Dominanz auszustrahlen – es reicht aber, um die Jahn-Angriffe auf fast Null runterzufahren. Regensburg verschleißt sich zunehmend im Nahkampf.

Ein Spiel, das beweist, wieviel Glückspiel im Fußball steckt: In Hamburg vor vier Jahren hat ein Torwartfehler zum schnellen 1:0 für den Jahn geführt. Heute hatte der Jahn in den ersten 15 Minuten die Chancen für zwei, drei Treffer – immer fehlten einige Zentimeter. Umgekehrt reicht Hamburg ein Sonntagsschuss zur Führung. Das kann keine Taktik der Welt verhindern.

Apropos Glück

Nach der Pause nutzt der SSV dann endlich den Hamburger Fehler, Ballverlust im Strafraum. Shipnoski scheitert noch an Heuer Fernandes, aber den Abpraller verwandelt mit großer Übersicht Carlo Boukhalfa von der Strafraumkante (46.). Danach wird die Partie zunehmend hitziger, auch die beiden Trainer geraten aneinander – Tim Walter gockelt zu Mersad Selimbegovic und gibt den Macho, der Schiri löst auf.

Danach Kampf auf beiden Seiten, Karten aller Farben liegen in der Luft. Stattdessen die Wiederholung der ersten Hälfte. Aus dem Nichts lässt der Finne Anssi Suhonen einen fahren, Alex Meyer überrascht, ist mit den Fingerspitzen dran, aber es reicht nicht mehr, 1:2 (66.). Zwei Sonntagsschüsse, zwei Tore, so kann’s gehen. Der Jahn versucht anschließend Druck aufzubauen, spielt einige Chancen raus, keine zwingende.

Jahn-Coach Mersad Selimbecovic nach dem Ausgleich außer Rand und Band. Bild: jrh

Hamburg mit Bayern-Dusel

Kurz vor Schluss Chaos im Strafraum, der eingewechselte Ayguen Yildirim schießt einen Hamburger an, Hand, aber angelegt, Yildirim im Rückwärtsgang fällt über einen Fuß – Elfmeter nach drei Minuten Videokeller in Schiris Ohr. Albers verwandelt sicher, 2:2 (88.). Der 40. Punkt zum Greifen nah. Aber wo ist die Jahn-Abwehr? Ein läppischer Angriff der Hamburger, Muheims Pass von  links in den Strafraum, kaum ein Regensburger im Verteidigungsmodus, Faride Alidou mit Luftloch, Josha Vagnoman im Nachfassen, Meyer klar von David Kinsombi zugedeckt, die Kugel ist drin, der Schiri lässt das passiv-aktive Abseits durchgehen, 2:3 (90.).

Mersad Selimbegovic schickt nochmal zwei frische Kräfte aufs Feld, beim Einwurf vertrödeln die Regensburger zu viel Zeit, damit Kennedy nochmal seinen langen Wurf anbringen kann. Kein Effekt, stattdessen noch ein Konter, Kittel und Leon Guwara im Zweikampf, Guwara trifft Kittels Knöchel, auch hier entscheidet Schiri Tim Gerach auf Strafstoß – wie zum Nachweis des Hamburger Dusels prallt Kinsombis Kugel von der Unterlatte hinter die Linie, 2:4 (95.), Aus – mit unwahrscheinlichem Glück rettet sich Hamburg eine Restaufstiegschance.

Rund 13.200 Zuschauer sehen im Jahn-Stadion ein Spektakel mit besserem Ausgang für den HSV. Bild: Stefan Schmid

Mission: 40 Punkte

Schon vor dem Spiel ist klar: Es muss mit dem Teufel zugehen, würde der Jahn noch auf den Abstiegsrelegationsplatz rutschen. Dresden konnte am Vortag trotz Aufholjagd nur ein 2:2 holen und verbleibt nach dem Abschluss des 31. Spieltages mindestens 9 Punkte hinter dem SSV, bei dann drei verbleibenden Spielen. Trotzdem ist der Auftrag für diesen Nachmittag klar. Es muss mindestens ein Punkt her, um die magische 40-Punkte-Marke zu erreichen.

Ganz anders sieht es bei den Gästen aus der Hansestadt aus. Trotz Tabellenplatz 6 und fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz Richtung 1. Liga haben sie den Aufstieg noch nicht abgehakt. Hoffnungen, die beim Blick auf das Restprogramm der Aufstiegsanwärter durchaus Sinn ergeben. Dafür müssen die Hamburger allerdings in jedem Spiel als Sieger vom Platz gehen. Folgerichtig schickt Gästetrainer Tim Walter eine Doppelspitze mit Robert Glatzel und Mikkel Kaufmann aufs Feld. Eine Herausforderung, an der die SSV-Abwehr um Steve Breitkreuz nur wachsen kann.

Regensburger Sturmlauf

Die Domstädter legen los wie die Feuerwehr. Die HSV-Abwehr ist sichtlich erschrocken vom selbstbewussten Auftreten des SSV und spielt mehrfach Fehlpässe in die Füße der Jahn-Offensive. Nach 6 Minuten hat der Jahn bereits sechs Abschlüsse zu verzeichnen, vier davon aufs Tor. Der erste gleich nach 23 Sekunden, als Shipnoski Gästekeeper Daniel Heuer Fernandes zur ersten Parade zwingt. Deutlich spektakulärer muss dieser eine Minute später eingreifen. Wieder ein Fehlpass in die Füße eines Jahn-Spielers. Der Ball kommt zu Max Besuschkow, der mit einem Dropkick aufs lange Kreuzeck zielt. Heuer Fernandes verhindert den Einschlag mit einer Glanzparade. Eine Führung, die jetzt schon hochverdient wäre. Fazit nach zehn gespielten Minuten: der Hamburger Dino macht eher den Eindruck einer Blindschleiche.

Und weiter geht der wilde Ritt. Minute 11: Flanke Jan-Niklas Beste. Direktabnahme vom komplett freistehenden Benedikt Saller. Heuer Fernandes kann den Ball nicht festhalten, verhindert jedoch abermals die Jahn-Führung. Auf der Gegenseite nun der erste Abschluss des HSV (12.). Nach einer Flanke kann Robert Glatzel keinen Druck hinter einen Kopfball bringen. Alexander Meyer hält sicher. Der HSV jetzt öfter in der Offensive. Moritz Heyer wird gut im Strafraum des SSV angespielt und schiebt freistehend vor dem Tor links vorbei (15.). Heyer ist von Beruf, wenig überraschend, Rechtsverteidiger. Bis dahin ein Schlagabtausch mit offenem Visier. Die Regensburger aber weiterhin sehr gut im Spiel und mit einigen Offensiv-Akzenten. Es könnte auch schon 3:1 stehen. In der Realität steht immer noch ein 0:0 auf der Anzeigetafel.

Muheims sehenswerte Torpremiere

Nach einer – sehr kurzen – Verschnaufpause geht es weiter im Programm. Der Jahn zwingt den HSV weiterhin zu Fehlern und wird beinahe von Heuer Fernandes beschenkt. Im eigenen Sechzehner schießt der Gästetorwart mit Sebastian Schonlau aus kurzer Distanz den eigenen Mann an. Carlo Boukhalfa springt der freigewordene Ball vor die Füße, kommt aber am mit vollem Risiko dazwischen springenden Heuer Fernandes nicht vorbei (22.). Der Einschlag folgt auf der anderen Seite. Miro Muheim wird 18 Meter halblinks vor dem Tor nicht angegriffen. Dieser fasst sich ein Herz und hämmert mit seiner linken Klebe den Ball in den rechten Giebel (23.). Keine Chance für Meyer. Muheims erstes Tor im Profibereich, gemalt wie ein brutalistisches Gemälde.

Nach dem Gästetreffer wird es zusehend hitziger. Nach einem Allerwelts-Foul von Boukhalfa an Glatzel an der Mittellinie kommt es zur Rudelbildung. Es wird sich geschupst und an Hälse gegriffen. Einzige Konsequenz ist eine gelbe Karte auf beiden Seiten. In der 29. Minute hat Gäste-Abwehrhüne Mario Vušković Glück, dass ein Nachtreten gegen Shipnoski vor der Trainerbank des HSV nicht genauer unter die Lupe genommen wird. Eine halbe Stunde ist gespielt und die Intensität weiter hoch. Besonders Jan-Niklas Beste, von Werder Bremen ausgeliehen, trägt hier ein kleines Privat-Derby aus, allerdings ohne unsportlich zu werden.

Kein Spiel für schwache Nerven: Immer wieder geraten die Spieler beider Mannschaften aneinander. Bild: Stefan Schmid

Erst Besuschkow, dann Suhonen  

Der Jahn beginnt die zweite Halbzeit wie zu Spielbeginn mit hohem und aggressivem Pressing. Diesmal sofort von Erfolg gekrönt. Andreas Albers setzt Moritz Heyer unter Druck. Dieser will zum eigenen Keeper zurückspielen. Albers ahnt das und nehmt den Rückpass als perfekte Vorlage. Allerdings eilt Heuer Fernandes heraus und kann parieren. Der abgeprallte Ball landet vor den Füßen von Carlo Boukhalfa. Aus 16 Metern nimmt dieser Maß und vollendet überlegt ins linke untere Eck. 1:1. Das Jahnstadion tobt. Wie nach dem ersten Tor scheint es bei den Akteuren den großen Wunsch zum Austausch von Nettigkeiten zu geben. Diesmal stehen die beiden Trainer im Mittelpunkt. Schiedsrichter Timo Gerach muss vermittelnd eingreifen.

Was folgt ist weiterhin ein attraktives Fußballspiel, für den neutralen Zuschauer. Offensivfeuerwerk und Abwehrschwächen auf beiden Seiten mit Übergewicht zugunsten des HSVs. So kommt Mikkel Kaufman viel zu leicht in den Jahn-Strafraum und verfehlt nur knapp das Tor von Meyer (51.). Durch die Hereinnahme von Sonny Kittel geht Gästetrainer Tim Walter dann noch mehr Risiko (55.). In der 66. Minute sollte sich dieses dann auch bezahlt machen. Auch wenn Kittel selbst nicht wirklich daran beteiligt war. Nach einem Zuspiel von Glatzel bekommt Anssi Tapio Suhonen 20 Meter vor dem Tor an den Ball und hält einfach Mal drauf. Unhaltbar für Meyer schlägt der Ball halbhoch im linken Eck ein. Wieder: Gemälde.

Brutales Ende für den Jahn

Aber auch nach dem erneuten Nackenschlag steckt die Mannschaft von Mersad Selimbegovic nicht auf. So ist es der eingewechselt Aygün Yildirim, der zwei Chancen auf den Ausgleich nicht verwerten kann. Erst scheitert er an den abermals herausragend agierenden Heuer Fernandes (72.), dann köpft er bei einer Ecke knapp drüber (74.). In der Folge ist es nicht so, dass nichts mehr geschieht, aber der nachfolgende Platz soll für die Geschehnisse ab der 86. Minute und der sich dort überschlagenden Ereignisse genutzt werden.

Den Auftakt übernimmt der umtriebige Yildirim. Sein Abschluss aus kurzer Distanz wird erst geblockt, beim Nachsetzen wird er dann aber von Jonas David zu Fall gebracht. Da sich die Situation im Strafraum abspielt, entscheidet der Unparteiische umgehend auf Strafstoß. Die Entscheidung hält auch der Überprüfung des Kölner Kellers und den vehementen Protesten der HSVler stand. Albers nimmt sich der Sache an und versenkt den Ball souverän rechts unten (89.). Das Jahnstadion steht Kopf und die 40 Punkt scheinen in greifbarer Nähe. Leider nur kurz.

Die Reaktion der Hamburger folgt umgehend und wütend. Nach einer Flanke trifft zuerst Faride Alidou freistehend den Ball nicht richtig. Im allgemein Chaos landet der Ball über Abwehrrecke Steve Breitkreuz dann bei Josha Vagnoman, der zum 2:3 einschieben kann (90.). Als ob das nicht bitter genug wäre, gibt es dann noch in der letzten Minute der Nachspielzeit einen Strafstoß für die Gäste, den David Kinsombi unter Zuhilfenahme der Latte im Tor unterbringt (90.6). 2:4. Schlusspfiff. Ganz bitter für gut auftretende Domstädter.

Kein Grund, Bange zu werden

Trotz der Niederlage zeigt der SSV sein stärkstes Gesicht der letzten Wochen, wenn nicht gar seit der Winterpause. Mersad Selimbegovic hat sein Team mit einem hervorragendem Matchplan eingestellt. Das variable Spiel zwischen aggressivem und hohem Pressing einerseits und spielerischen Lösungen andererseits lässt positiv in die Zukunft blicken.

Allerdings muss weiterhin an der Defensivarbeit gefeilt werden, da hier oftmals zu blauäugig agiert wird. Obwohl kein Punkt in der Domstadt behalten werden konnte, sollte realistisch gesehen keine Gefahr mehr für den Klassenverbleib bestehen. Vor allem bei einer solchen Leistung. Chapeau, Herr Selimbegovic!

Die Jahn-Fans auf der Hans-Jakob-Tribüne feiern die Mannschaft für ihren aufopferungsvollen Kampf. Stefan Schmid

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