Kultur

Hutzagehen: Ein besonderer Brauch mit Geschichte

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Leuchtenberg-Döllnitz. Das außergewöhnliche Ritual "Hutzagehen" ist selbst heute noch allgegenwärtig. Damals als seelischer Balsam und zur Sicherung des eigenen Wohlstands nötig, heute ein gemeinschaftliches Treffen das nicht mehr wegzudenken ist.

Sich austauschen beim Kaffeeklatsch ist beim Hutzagehen nichts unübliches. Foto: Sieglinde Schärtl (Archivbild)

Hutzagehen heute und einst ist und war sehr unterschiedlich. Heute laden Vereine zu diesen gemütlichen Abenden ein, so wie bei der Frauengruppe in Döllnitz das Treffen zum Hutzabend.

Auch heute noch ist Hutzagehen präsent

Das heutige Hutzagehen wird wie früher nachgemacht und man trifft sich dazu bei den Vereinen im Vereinsheim oder in der Gastwirtschaft. Heute ist Hutzagehen - zur Zeit zwar nicht wegen der Pandemie - das Kaffeekränzchen der Landfrauen, der Valentinstreff der Jagdgenossenschaft oder das Ausbuttern.

Was ist steht hinter diesem Brauch?

Das Hutzagehen gehörte einst in den Wintermonaten mit zum täglichen Ritual auf dem Land. Die landwirtschaftliche Arbeit beschränkte sich in der Zeit auf Haus und Hof und das Treffen untereinander gehörte mit dazu. Besser gesagt, man konnte sich austauschen und erfuhr Neuigkeiten, denn die Tageszeitung gab es früher auch nicht täglich und was im Dorf passiert, stand meist sowieso nicht drin. Jeder hatte auch nicht das nötige Kleingeld für den Bezug der Tageszeitung.

Sobald die Tiere abgefüttert waren gingen die Männer hutza. So trafen sich in den Dörfern vor mehr als 60 Jahren der ehemalige Kriegervereinsvorstand und weitere Kameraden in privaten Häusern. Hier wurde vieles ausgetauscht, Vereinsgeschichte gemacht, beschlossen und ab und an waren die Herren auch mal nicht der gleichen Meinung.

Zuvor wurden sie mit Bier und Zigaretten versorgt. Das Bier wurde in Flaschen vom nahegelegen Wirt geholt und auch aus den Flaschen getrunken. Gläser wurden dazu nicht gereicht, denn schließlich musste alles noch von Hand in Waschschüsseln im Spülstisch gereinigt werden.

Die Zigaretten holten sie sich nicht vom Automaten sondern bei  der Gemischtwarenhandlung neben an. Da es noch keine Ladenschlusszeiten gab war dies fast zu jeder Uhrzeit möglich. Jeder bezahlte selber und so waren alle zufrieden. Geraucht wurde, HB, Ernte, Stuyvesant und die Salem ohne Filter.

Eine Methode zur Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen

Der Bau der damaligen Ostmarkstraße (B22) und wie die Gefangenen dann auf dieser Straße nach Flossenbürg geführt (getrieben) wurden. Das Ausharren im Schützengraben war oft ein abendfüllendes Thema und die vielen Verwundungen die auszuhalten waren. Mit Lazarettaufenthalten und Heimaturlauben konnte einiges wieder auskuriert werden.

ab ins Bett, du musst morgen wieder in die Schule

Das Fliehen aus den Gefangenschaften, um nach Hause zu kommen hörte sich wie ein schlechter Film an.  Die Kinder, des jeweiligen Hutzahauses, hatten hier somit Geschichtsunterricht live, wenn es dann spätestens um 20 Uhr hieß, „ab ins Bett, du musst morgen wieder in die Schule.“

Der Lärm, durch das Schafkopfspielen in der Stube und die angeregte Austausch der Kriegserlebnisse, dröhnte durchs ganze Haus, aber hier wurde keine Rücksicht auf den Kinderschlaf  genommen. Die Kinder beschwerten sich aber auch nicht. 

Was ist Federnschleißen?

Auch die Frauen gingen Hutza und das tagsüber zum Federnschleißen. Zwei Mal im Jahr  wurden auf jeden Hof die Gänse gerupft und das bei lebendigem Leib. Jede Bäuerin fütterte  soviel Gänse das ganze über, wie sie Federn für die Aussteuer ihrer Kinder brauchte.

An Weihnachten wurden sie geschlachtet, verkauft und selbst als Weihnachtsbraten verzehrt.    Um schöne Betten für die Aussteuer zubekommen mussten sie geschlissen, das heißt vom Kiel befreit werden. Somit konnte die Mutter sicher sein, dass sie ihren Kindern beste Federbetten mitgeben konnte. Schließlich gehörte zu einer Aussteuer, zwei Zudecken und vier Kopfkissen im Inlett.

Die Federn durften in der Oberpfalz nur von Gänsen sein, denn Entenfedern „stinken“, so die damalige Meinung. Damit diese eintönige und staubige Arbeit auch Spaß machte, trafen sich die Frauen abwechslungsreich immer in einem anderem Haus, um diese Arbeiten zu verrichten.

Wie ging man vor?

Diese Arbeit fand nicht in einem Keller oder Nebenraum statt, sondern in der guten Stube. Schließlich waren nicht alle Räume beheizbar und warm sollte es trotz der aktiven Arbeit schon sein. Es  wurde der große Esstisch hergenommen und darauf die gerupften Federn verteilt und so konnte sich jede immer wieder ihren Anteil zum Schleißen holen.

Die Kiele landeten meist auf den Fußboden, der hinterher eh gekehrt wurde. Die Frauen trugen dazu Kopftücher, die sie nach hinten banden, damit die Haare komplett zugedeckt waren. Schließlich legte sich der Flaum überall fest. Die Kleidung war mit einer Wickelschürze aus Baumwolle geschützt. So wurden bei der stundenlangen flaumigen Arbeit Kochrezepte, Anleitungen und viele eigenen Erfahrungen ausgetauscht.  

Die neuesten Nachrichten gab es hier auch zu erfahren und so manchen Dorftratsch - oft noch aufgewertet oder auch richtig gestellt. Es war eine Zeit, noch fast ohne Radio und Fernseher, so hatte man sich miteinander, untereinander und übereinander einiges zu sagen. Ob es die gute alte Zeit war bleibt dahin gestellt, dass muss jeder selbst feststellen. Schließlich hat jede Zeit seine zwei Seiten.

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