Klima-Experte bei Freundeskreis Tutzing: Wie sind wir noch zu retten?

Weiden/Teublitz. Ohne massive Einschränkungen ist das Klima nicht zu retten. Seit mehr als fünfzig Jahren warnen Wissenschaftler vor den Umweltschäden, die von der modernen Zivilisation verursacht werden. Doch bis heute reden sie weitgehend gegen Wände.

Uwe Seidel aus Teublitz bei seinem Vortrag in Weiden. Foto: Siegfried Bühner

In einem Expertenvortrag beim Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing und dem Evangelischen Bildungswerk Oberpfalz wurden radikale Konsequenzen gefordert. Die Antwort auf die Frage im Vortragsthema „Sind wir noch zu retten …?“ gab Diplom-Ingenieur Uwe Seidel aus Teublitz erst am Ende seiner Ausführungen.

Sehr drastisch und umfassend zeigte er vorher eine fast endlos lange Liste von Umweltsünden als Folge unserer modernen Zivilisation auf. Und weil nach wie vor keine ausreichenden Konsequenzen gezogen werden, stellte Seidel fest: „Meine Zweifel, ob wir noch zu retten sind, werden immer größer.“ Es ist wohl die ungebremst weiter wachsende Umweltverschmutzung und ihre Folgen, die den Pessimismus des Experten forcieren.

Sehr kritisch: Tourismus und Flugverkehr

Im Vortrag zählte er alle Faktoren dazu lückenlos auf. Genannt wurden unter anderem der Einsatz fossiler Energien, die Entstehung der Treibhausgase und die Erwärmung von Land, Erde und Meere. Es ging um Stickstoffeinleitung und Turbolandwirtschaft, um Mikroplastik in Boden und Wasser, das Artensterben, den Anstieg der Weltbevölkerung und um die wachsende Primärenergie und den Wasserverbrauch.

Sehr kritisch sei auch der Tourismus, das Transportwesen einschließlich Flugverkehr und die Bodenversiegelung zu bewerten. „Jedes Produkt das gekauft wird, verbraucht vorher Energie es zu produzieren“, bemerkt Seidel. Den sogenannten Klimaleugnern entgegnet er: „Es handelt sich alles um längst abgesicherte Erkenntnisse.“

Grundsätzlich stellt Seidel fest: „Der Massenzuwachs an Energiebedarf ist nicht durch regenerative Energien leistbar“. Der grüne Wasserstoff sei auch keine Lösung. Das vom Wirtschaftssystem geforderte permanente Wachstum mache in der Vergangenheit und der Zukunft alle erreichten Effizienzgewinne in der Produktion zunichte.

Falsch: Deutschland sei nur für 2 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich

Für falsch hält der Experte auch die Feststellung, dass Deutschland nur für nur knapp zwei Prozent des weltweiten CO₂-Ausstoßes verantwortlich sei. Schließlich müsse der CO₂-Abdruck bei jedem importierten Produkt dazugerechnet werden. Der Industrie wird entgegengehalten, dass sie erst für Übergewicht und Adipositas sorge und dann dagegen eine Abnahmespritze verkaufen wolle.

Wenig kritisch sieht Seidel die Aktivisten der letzten Generation und fragt sogar: „Warum gibt es keine Präventivhaft für toxische Konzerne und Politiker?“ Und Seidel sieht auch Resignationstendenzen bei der jüngeren Generation, die zum Teil die Frage stelle: „Warum sollen wir noch studieren, wenn wir die negative Entwicklung ohnehin nicht verhindern können?“ Auch ziviler Ungehorsam könne eine Folge sein.

Was können wir tun?

„Was können wir tun?“, lautete dann die Ausgangsfrage des letzten Teils des Vortrags. Und die allgemeine Antwort dazu hieß zunächst: „Von allem einfach weniger verbrauchen.“ Auch dazu gab es wieder eine lange Aufzählung, beginnend bei der Abschaffung des Dienstwagenprivilegs und dem „Zurückfahren toxischer Industrien“ bis hin zur Abschaffung „unsinniger“ Landwirtschaftssubventionen. Fossile Energien dürften nicht weiter gefördert werden.

Den Verbrauchern empfiehlt Seidel, „weniger konsumieren und haltbare Qualität kaufen und das Reiseverhalten verändern“. Im Vordergrund stünde die Verbesserung der eigenen Lebensqualität und nicht deren „Verplempern mit Konsumzeiten“. Seidel stellte dazu die vom Wirtschaftswissenschaftler Nico Paech entwickelte sogenannte Postwachstumsökonomie vor. Es handelt sich um eine Wirtschaftsverfassung, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auskommt und über stabile Versorgungsstrukturen bei niedrigerem Konsumniveau verfügt. „Global, regional und lokal runter reduzieren“: So fasste Seidel dies zusammen.

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