Klimaschutz mit Holzhäusern: Wie ökologisch ist Zieglers Bauwende wirklich?

Plößberg. Ist die Ziegler Group, das am schnellsten wachsende Unternehmen der nördlichen Oberpfalz, Vorreiter des Klimaschutzes? Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert eine Wende zum Holzbau. OberpfalzECHO geht zusammen mit Zieglers neuem Forstwirtschaftsexperten Henrik Ratzow der Frage auf den Waldgrund, wo das ganze Holz dafür herkommen soll.

In seinem Element Wald: Henrik Ratzow, der Holzexperte der Ziegler Group. Bild: Jürgen Herda

Holzhäuser sind klimafreundlich. Diese Auffassung vertreten außer Konzernlenker Stefan Ziegler und Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber auch Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, und die Grüne Co-Vorsitzende Annalena Baerbock.

Die These klingt logisch. Schließich speichert der nachwachsende Rohstoff auch noch als Bauholz CO2 und ist allemal klimafreundlicher als Beton und Stahl. Gleichzeitig müssen dafür kontinuierlich neue Wälder aufgeforstet werden, die ihrerseits CO2 speichern. „Mit regenerativer Architektur könnten wir uns quasi aus der Klimakrise herausbauen“, postuliert Schellnhuber. Hat Stefan Ziegler damit das klimapositive perpetuum mobile der Bauwirtschaft erfunden?

Ganz so einfach ist es leider nicht. Widerspruch kommt von Waldpapst Peter Wohlleben, der wie Zieglers Holzexperte Henrik Ratzow Forstwirtschaft studierte – und inzwischen zum schärfsten Kritiker der Forstwirte avancierte. Der heikelsten Frage, die der Baumflüsterer aufwirft, „woher soll das Holz für die Bauwende kommen“, gehen wir zusammen mit Ratzow im Forst an der Betzenmühle nach: Auftakt der OberpfalzECHO-Serie „Vom Wald zum Fertighaus – die klimapositive Vision einer Stadt aus Holz“.

Herr Ratzow, das hier sieht wie ein recht gewöhnlicher Forst aus. Können Sie uns schildern, wo wir uns befinden und was wir hier vorfinden?

Ratzow: Wir stehen direkt am Gelände der Betzenmühle im Wald. Das hier ist eigentlich schon ein ganz gutes Beispiel dafür, wie Waldumbau funktionieren kann – und die Betzenmühle selbst dafür, was man aus dem Holz machen kann. Ich denke auf jeden Fall, dass die Holznutzung und der Holzbau einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Stimmt es eigentlich, dass, wie Wohlleben sagt, Bäume miteinander kommunizieren, wenn sie unter Stress stehen?

Ratzow: Ja, es gibt schon eine Art von Kommunikation über Botenstoffe, die dann beispielsweise die Produktion von Harz oder Abwehrstoffen anregen – auch bei den Bäumen drumherum. Das sind Stresszeiger, die Bäume aufnehmen und weitergeben können. Das ist aber auch eine Sache, die ein bisschen überbetont wird.

Die Frage ist, nützt es ihnen etwas – kann der Baum beispielsweise Fressfeinde des Borkenkäfers anlocken? Was der Baum allerdings kann, das weiß man: das Klima beeinflussen, herunterkühlen. Ist das aber auch ein Akt, den man einer Handlung gleichsetzen kann?

Bäume untereinander sind tatsächlich sehr brutal, die verdrängen sich und profitieren davon, dass andere Bäume sterben.

Forstexperte Henrik Ratzow
Der Wald schafft sich sein eigenes Klima: Der Reschbach schlingt sich durch moosbewachsene Steinformationen. Bild: Ulrike Eberl-Walter

Ratzow: Bei einer Handlung müsste man ein Bewusstsein voraussetzen und ich glaube, dass ein Baum als Individuum kein Bewusstsein hat. Bäume untereinander sind tatsächlich sehr brutal, die verdrängen sich und profitieren davon, dass andere Bäume sterben. Es gibt natürlich eine Kommunikation, aber die ist letzten Endes durch einen Prozess der Evolution entstanden, und das nützt eher dem Wald als Superorganismus als dem Baum als Individuum. Deshalb halte ich es auch ethisch für total vertretbar, einzelne Bäume zu entnehmen.

Stimmt es, dass ein gesunder Baum mit dem Borkenkäfer fertig wird und ein kranker eben nicht?

Ratzow: Das hängt davon ab, wie viele Ressourcen zur Verfügung stehen. Hier in dieser Region gibt es eine erfreuliche Menge an Niederschlägen und einen relativ hohen Grundwasserspiegel – da gibt es sehr gute Waldbestände, die die dürren Jahre gut überstanden haben. Auch in Regionen, die mit der Dürre sehr stark zu kämpfen haben, gibt es immer noch einzelne Bäume, die sich durchgesetzt konnten, weil sie einfach besonders Standort-angepasst sind.

Waldpapst Wohlleben fordert, den Wald einfach sich selbst zu überlassen. Das habe dieser über Jahrmillionen ganz gut auch ohne Menschen hinbekommen. Dem gegenüber steht die Vorstellung, die Forstwirte sollten einen widerstandsfähigeren Mischwald konstruieren.

Ratzow: Das hier ist es ein ganz guter Kompromiss, weil das Baumarten sind, die gut nutzbar sind. Nadelholz ist nach wie vor das am besten nutzbare Holz für konstruktive Zwecke, also für den Holzbau. Laubholz muss stark veredelt werden, bis man es baulich gut nutzen kann. Und das ist ein Prozess, bei dem viele chemische Mittel und ein hoher Energieeinsatz nötig sind.

Für den Holzbau mögen Nadelhölzer besser sein, Laubbäume aber widerstandsfähiger gegen Hitze?

Ratzow: Auf Standorten, die funktionieren, lohnt es sich, Nadelholzwälder zu erhalten. Aber die Bäume sollten nicht komplett gleichartig, nicht alle zur gleichen Zeit gepflanzt worden, gleich gewachsen sein, sondern es sollte auch dort eine gewisse Mischung stattfinden – nicht nur Fichten, sondern wie man’s hier sieht: Da sind zwischendrin auch ein paar Birken, die ein oder andere Buche.

Aber die Bäume sollten nicht komplett gleichartig, nicht alle zur gleichen Zeit gepflanzt worden, gleich gewachsen sein, sondern es sollte auch dort eine gewisse Mischung stattfinden.

Forstexperte Henrik Ratzow
Der Oberpfälzer Wald ist noch verhältnismäßig intakt. Symbolbild: Tourismuszentrum Oberpfälzer Wald (Archiv)

Tannen sind hier zugepflanzt worden, um einfach noch ein bisschen mehr Variabilität zu bekommen. Tannen sind meistens etwas robuster, was Trockenheit angeht, werden dafür bevorzugt verbissen – müssen also geschützt werden. Aber man sieht halt auch, dass der nachgewachsene Wald über verschiedene Altersklassen verfügt.

Als Laie denke ich: Bäume wachsen langsam – kann so ein Forst auch eine wachsende Nachfrage stillen, ohne ihn bis zur Unkenntlichkeit auszudünnen?

Ratzow: Jedes Jahr kommt eine neue Generation dazu und füllt die Lücken. Dadurch hat man schon eine gewisse Staffelung. Das führt auch dazu, dass nicht alle Bäume gleichzeitig hiebsreif werden, sondern die können Stück für Stück, genauso schnell wie sie jetzt nachwachsen, entnommen werden. Dadurch schafft man es, einen Wald zu etablieren, der nicht flächig verschwindet, sondern wo immer einzelne Bäume herausgenommen werden – wo auch einzelne Bäume sterben, durch Dürre, durch Borkenkäfer. Aber es ist ein Prozess, der bleibt begrenzt auf einzelne Bäume, ohne dass der komplette Wald flächig ausstirbt. Das ist der große Vorteil von Mischwäldern.

Mit einer Bauwende wäre aber ein zusätzlicher großer Bedarf an Holz verbunden. Wo soll man den hernehmen – würde das mit diesem Modell, wie wir es hier sehen, noch funktionieren?

Ratzow: Derzeit funktioniert’s noch sehr gut, weil eine große Menge an Holz durch den Klimawandel anfällt. Es gibt viele Waldgebiete, die jetzt absterben. Und das Holz komplett nicht zu nutzen, wäre tatsächlich eine vergebene Chance.

Ist das so eine große Menge?

Ratzow: Ja, das sind leider riesige Flächen. Das sind Wälder, die meistens nach dem Krieg angepflanzt wurden – mit einer Baumart. Pflanzungen sind grundsätzlich nie so stabil, und die sind wirklich flächig abgegangen, wo ein Bestand komplett aufgerollt wurde vom Borkenkäfer. Ich wohne im Harz, da sieht man das sehr deutlich, da sind ganz große Landstriche komplett abgestorben.

Wenn man dieses Holz liegen lässt, wird der gebundene Kohlenstoff wieder frei.

Forstexperte Henrik Ratzow
Henrik Ratzow bringt an ein junges Tannenbäumchen einen Verbissschutz an. Bild: Jürgen Herda

Wenn man dieses Holz liegen lässt, dann wird der gebundene Kohlenstoff wieder frei. Wenn man es dauerhaft verbaut, bleibt der Kohlenstoff gebunden und wird der Atmosphäre entzogen, wirkt also dem Klimawandel entgegen. Das ist eine Chance, die wir nur einmal haben, und die wir nutzen sollten.

Wenn, wie Sie beschreiben, Wälder im großen Stil absterben, bedeutet das trotzdem, dass deren Funktion des Kühlens und des Feuchthaltens verloren geht. Da müsste man ja Ersatz schaffen. Wie macht man das?

Ratzow: Genau. Da gibt es verschiedene Ansätze. Manchmal wird eine Fläche komplett bis zum mineralischen Boden, also bis zum Erdboden geräumt und wieder aufgepflanzt. Bei der Aufpflanzung wird dann schon darauf geachtet, dass eine gewisse Mischung von Baumarten entsteht. Aber trotzdem sind die alle gleich alt. Die Pflanzung schafft meistens Wälder, die ein bisschen instabiler, etwas empfindlicher sind, als Wälder, die natürlich gewachsen sind. Es gibt aber auch den Ansatz möglichst minimalinvasiv Bäume zu nutzen, und erst einmal zu schauen, was die Natur selber mit der Fläche macht. Das funktioniert manchmal beides.

Es gibt Flächen, die muss man einfach aufgeben.

Forstexperte Henrik Ratzow

Auf guten Standorten kann man auch gut pflanzen, auf schlechten hat man das Problem, dass sich erst eine Vegetation breit macht aus krautigen Pflanzen und später vielleicht aus robusteren Büschen. Da dauert’s dann einfach länger, bis wieder Wald etabliert ist. Aber trotzdem ist dieser Wald dann stabiler, als alles, was man schaffen würde, wenn man auf Teufel komm raus versuchen würde, sie wieder zu bestocken mit Nutzbaumarten. Es gibt Flächen, die muss man einfach aufgeben.

In Deutschland gibt es ja kaum noch Urwälder. Des Deutschen nach dem Auto liebstes Kind, der Wald, in Wahrheit eine sturmbedrohte, kränkliche, für Borkenkäfer anfällige Nadelholz-Plantage?

Ratzow: Im Mittelalter wurde jede Landschaftsfläche wirtschaftlich genutzt, vieles auch übernutzt. Der Wald entstand nur auf Flächen, die anders nicht nutzbar waren. Wo Boden von steilen, felsigen oder nassen Standorten weggeschwemmt wurde, ließ man Bäume wachsen. Diese Böden sind auch für Wälder nicht ideal. Wir aber behandeln diese Forste, als seien sie Hochleistungsstandorte. Der Klimawandel verstärkt dieses Dilemma. Die moderne Forstwirtschaft will Zuwachs optimieren, das ist kein Zukunftsmodell mehr.

Die Oberpfalz hat einen noch relativ guten Fichtenbestand.

Forstexperte Henrik Ratzow

Die Oberpfalz hat einen noch relativ guten Fichtenbestand. Wenn eine Fichte ausreichend mit Flüssigkeit versorgt wird, haben Borkenkäfer keine Chance – selbst im Harz, wo es großen Ausfall gab, haben die Bäume in Feuchtgebieten überlebt. Der Standort ist entscheidend.

Wohlleben rät dazu, nicht in das Ökosystem Wald einzugreifen, selbst wenn es sich nur um einen Forst handelt. Wälder hätten sich schließlich auch ohne Menschen immer wieder selbst regeniert. Und natürlich gewachsene Bäume seien viel widerstandsfähiger als gepflanzte …

Ratzow: Es stimmt, dass bei Pflanzen aus Baumschulen oft die Wurzeln beschädigt sind. Mit Containerpflanzen kann man das zum Teil vermeiden. Am besten wäre die Aussaat, die aber schwierig umzusetzen ist. Wohlleben hat recht, dass auf einigen Flächen für die Überlebenschancen des Baumes nicht nur die Baumart, sondern auch die Wuchsform entscheidend ist.

Je schöner ein Baum gewachsen ist, desto mehr Wasser braucht er.

Forstexperte Henrik Ratzow

Bäume, die forstwirtschaftlich nicht so gut gewachsen sind, weil sie zu dünn, ausladend und anfällig für Kronenbruch sind, gehen anders mit dem Klimawandel um als gerade hochwachsende Bäume. Die Blattmasse entscheidet über die Zuwachsrate. Je mehr Blätter, desto mehr Zuwachs. Die Zuwachsrate definiert den Wasserbedarf: Je schöner ein Baum gewachsen ist, desto mehr Wasser braucht er.

Was ziehen Sie daraus für Konsequenzen?

Ratzow: In solchen Fällen muss man sich Alternativen überlegen. Man kann nicht aus jedem Standort das Maximum herausholen. Bäume brauchen 100 Jahre, bis sie nutzbar sind. Aber es gibt auch noch viele ungenutzte Flächen – und im Gegensatz zur klimaschädlichen Bodenversiegelung ist eine Flächennutzung zur Aufforstung praktizierter Klimaschutz, weil Wälder Feuchtigkeit speichern und im Sommer die Temperatur herunterkühlen. Bäume erzeugen ein Makroklima, das uns und dem Wald nutzt.

Über die Hälfte der Nadelhölzer enden im Sturm oder durch Borkenkäfer. Immer dann breche der Holzmarkt zusammen, der wertvolle CO2-Speicher Holz werde verramscht und für minderwertige Produkte verwendet. Das beträfe insgesamt 50 Prozent der Fichtenproduktion. Ist das ein nachhaltiges Geschäftsmodell?

Die Borkenkäfer-Invasion ist nichts Neues: Der Forstwissenschaftler und Naturschützer Wilhelm Bode berichtet von einem Insektenkahlfraß um 1840.

Forstexperte Henrik Ratzow
Kein Borkenkäfer, aber auch ein Fressfeind: Der Große braune Rüsselkäfer oder Fichtenrüsselkäfer frisst die Rinde junger Nadelbäume und kann bei starkem Aufkommen große Schäden an jungen Bäumen anrichten. Besonders, wenn – wie bei Pflanzungen üblich – alle Bäume gleich alt sind. Bild: Jürgen Herda

Ratzow: Die Borkenkäfer-Invasion ist nichts Neues: Der Forstwissenschaftler und Naturschützer Wilhelm Bode berichtet von einem Insektenkahlfraß um 1840. Solche Ereignisse sind normal bei Monokulturen. Fichte ist eine instabile Baumart, die immer wieder von Insekten und Stürmen bedroht wird. Weil sie aber dennoch mehr Vorteile als Nachteile bietet, wird sie trotzdem weiter angebaut.

Ein Team um Professor Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung haben herausgefunden, dass sich Wälder im Vergleich zur freien Landschaft um bis zu zehn Grad runterkühlen im Sommer – alte Laubwälder um bis zu acht Grad mehr als Kieferplantagen.

Ratzow: Kiefern können dafür aber auch an Standorten wachsen, die für die meisten Laubbäume nicht geeignet sind – auf sehr sandigen und trockenen Plätzen stellen Kiefern eine gute, erste Waldgeneration. Sie verbessern dann den Boden, so dass in der zweiten Generation auch beispielsweise Eichen eingemischt werden können.

Jeder Wald, auch ein Nadelholzforst, hat einen positiven Einfluss auf den Wasserkreislauf, die Bodenstruktur, die Fähigkeit, Luftfeuchtigkeit zu erzeugen. Auf dem Waldboden versickert Wasser schneller ins Grundwasser. Das sind neben deren Funktion für Artenvielfalt und Bodenqualität wichtige Faktoren, die für den Erhalt bestehender Wälder sprechen – aber nicht gegen eine nachhaltige Forstwirtschaft, bei der in planvoller Weise Holz entnommen wird, ohne einen Kahlschlag zu betreiben.

Zur Person: Henrik Ratzow, Zieglers Forstexperte

  • Geboren 1981 in Kiel: Trotz der Nähe zum Meer ist Förster Henrik Ratzows erster Berufswunsch. Der große Blonde mit dem Hang zum Wald bleibt bis 2002 an der Waterkant, leistet seinen Zivildienst am städtischen Forstamt.
  • Bis 2007: Anschließend Studium der Forstwissenschaften an der Georg-August Universität Göttingen und in der Folge selbständige Arbeiten im Wald.
  • Bis 2011: An sein Studium hängt Ratzow aus Neigung und auch etwas verletzungsbedingt eine zweite Ausbildung zum Tischler dran.
  • Ehrenamt: Ratzow engagiert sich bei Greenpeace und in verschiedenen Gremien zur Forstpolitik und Holzbau auf Landes- und Bundesebene – etwa bei der Deutschen Umwelthilfe.
  • Berufliche Laufbahn seit 2015: Tätigkeit in der holzverarbeitenden Industrie, vor allem in den Bereichen Massivholz und Holzfaserdämmung.
  • Seit 2022: Forst- und Holzexperte der Ziegler Group spezialisiert auf Bauproduktrecht und Holzbau.

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