Kolumne Eric Frenzel: Gepäcklos in Kuusamo

Flossenbürg. Zum Start in die neue Weltcupsaison musste Eric Frenzel im finnischen Kuusamo ran. Sein Pech: Sein persönliches Gepäck war nicht mitgereist.

Ohne persönliches Gepäck war Eric Frenzel in Finnland angekommen. Foto: Eric Frenzel

„Ich klopfe an die Tür von Zimmer 14 und damit an die Tür meines Vereinskameraden Terence Weber. Was mich in meinen gedanklichen Vorbereitungen noch etwas Überwindung kostete, ist im Moment des Türöffnens wie weggeblasen. Nach einem betont neutral klingenden „Hi“, setze ich als älterer und erfahrenerer Athlet eine ernste Miene auf: „Hast Du eine Unterhose für mich?“, und drehe den Kopf zum Flur, um nicht sofort in einem Blick des jüngeren Mannschaftskameraden zu stehen, der sich auf einer Mischung von Unverständnis und Mitleid gründet. „Ne frische?“, fragt er. „Eine frische wäre nicht schlecht“, antworte ich knapp, erleichtert über das Antizipationsvermögen der jüngeren Generation.

Gepäck nicht im Flieger verstaut

Diskussionen, Vermutungen, Vorwürfe sind das letzte, was ich brauche, sondern nur Verständnis und im Zweifel sofortige Abhilfe hinsichtlich meiner problematischen Lebenssituation. „Habe ich nicht“ lautet der nächste lakonische Kommentar von Terence, um dann nachzuschieben, dass sein Reisegepäck in München beim Abflug offensichtlich nicht mit in die Maschine gekommen sei und dass er relativ textillos das Hotel nun bezogen habe.

Wieder einmal Schicksalsgenossen

Minuten später sitzen wir kopfschüttelnd auf Terence Bett und ich lege ihm dar, dass wir beide mal wieder echte Schicksalsgenossen sind. Wie in Peking bei den Olympischen Spielen, als wir zusammen und trotzdem jeder für sich in die Quarantäne mussten, tragen wir gemeinsam an der Erkenntnis, dass unsere persönlichen Taschen mit Zahnbürsten, Rasierern, Shampoo, T-Shirts, Pullover und Jacken über die Ostsee nicht nach Finnland mitgekommen sind, schwer.

Laura bringt die Klamotten mit

„Warum immer wir?“ – bevor der jüngere Kollege an dieser Sinnfrage zu zerbrechen droht, nehme ich die Führungsrolle als Älterer sofort an und entwickele Plan B. „Wie ist es denn mit anderen Nationen?“ versucht Terence sich einzubringen. Den Gedanken hatte ich selbstverständlich innerlich für mich auch schon aufgeworfen, aber sofort ad acta gelegt – schweizerische Boxershorts oder italienische Leopardenunterhosen hätten garantiert mehr Luftwiderstand als man beim Sprung von der Schanze vertragen könnte. „Laura“, sagte ich knapp zu Terence. „Laura kommt morgen früh mit einer Maschine nach“. In der Tat hatte unsere Familie beschlossen, dass Laura und Emma zum ersten Weltcup in Finnland mitreisen, nur einen Tag später. Ich erwische die beiden noch kurz vor dem Boarding und gebe eine Noteinkaufsliste durch.

Es gibt für alles eine Lösung

18 Stunden ohne Wechselwäsche liegen hinter uns – und vor uns, unterbrochen von Intervallen in Wettkampfkleidung, die dankenswerterweise von der Fluggesellschaft mittransportiert wurde. „Wir sind in Peking auch wieder aus der Quarantäne rausgekommen“ muntere ich meinen Mannschaftskameraden auf, schließe die Tür und schlendere fröhlich pfeifend in der Erkenntnis, dass es immer eine Lösung gibt, zu meinem Zimmer zurück. 

Herzlichst Eric Frenzel“

Foto: Bioteaque

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.