Krankenhäuser vor dem Kollaps: Was tun gegen den gravierenden Personalmangel?

Weiden. Corona scheint fast vorbei, die Lage an den Krankenhäusern entspannt sich spürbar. Und doch haben nicht nur die Kliniken Nordoberpfalz ein großes Problem.

Klinikum Weiden
Das Klinikum Weiden hat ebenso wie viele andere Krankenhäuser in der Republik seit Jahren Personalprobleme. Foto: Kliniken Nordoberpfalz AG

Zwei Jahre mit Vollschutz

Inge K. (Name der Redaktion bekannt) ist wütend. Obwohl die Dialyseschwester am Klinikum jetzt seit zwei Jahren wegen Corona die meiste Zeit mit Vollschutz arbeiten muss, ist sie bei den versprochenen Zulagen leer ausgegangen. So wie Inge K. ging es auch allen anderen Pflegekräften auf der Station. „Wir müssen nach wie vor mit der kompletten Schutzausrüstung herumlaufen. Das ist wirklich kein Spaß. Und dann bekommen wir keinen Cent der zugesagten Sonderzahlungen.“

„Streng geregelt“

Kliniken-Pressesprecher Michael Reindl geht auf Nachfrage nicht auf diesen konkreten Fall ein, erklärt vielmehr die Rechtslage: „Bei den Corona-Prämienzahlungen muss zwischen drei verschiedenen Zuschüssen unterschieden werden. Durch den Bund wird die ‚Pflege am Bett‘ bedacht, Intensivpflegekräfte mit einer Fachweiterbildung erhalten hier den 1,5-fachen Satz. Bei der Corona-Prämie des Freistaats war die Anzahl und Aufenthaltsdauer der behandelten Patienten ausschlaggebend. Beschäftigte, die den Stationen fest zugeordnet waren, auf denen Covid-Patienten behandelt wurden, werden hiervon profitieren.“ Der Intensivpflege-Bonus Bayern habe sich ausschließlich an Intensivpflegekräfte gerichtet. „Die Verteilung der Zuschüsse erfolgte streng nach den vorgegebenen Richtlinien und soweit erforderlich in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat“, betont Reindl.

Beschimpft und bedroht

Diese Erklärung ist für Inge K. kein Trost. Im Gegenteil. Mittlerweile hat die 35-Jährige resigniert, überlegt, sich einen anderen Job zu suchen. „Es macht keinen Spaß mehr. Nicht nur wegen der gebrochenen Versprechen. Wir kommen personell auf dem Zahnfleisch daher, arbeiten teilweise bis zur Erschöpfung.“ Ein weiterer Grund für ihren und den vieler Kolleginnen und Kollegen angestauten Frust sind bestimmte Patienten. „Das wird immer schlimmer. Viele Leute haben keinen Respekt mehr, beschimpfen und bedrohen uns“, bedauert die Pflegefachkraft.

26 Stellen unbesetzt

Die Personalsorgen betreffen nicht nur die Kliniken Nordoberpfalz AG (KNO), sondern sind seit Jahren im gesamten Pflegebereich ein großes Problem. In den Häusern der Kliniken AG können derzeit 17 Stellen im Bereich der Pflege/Funktionsdienste und neun Arztplanstellen nicht besetzt werden, sagt Reindl. „Dieser Fachkräftemangel betrifft alle Kliniken in Deutschland.“ Ein großer Vorteil der KNO sei, dass man über „NEW LIFE“ die Pflegekräfte von morgen selbst ausbilden könne. „Im Herbst haben mehr als 110 junge Frauen und Männer ihre Ausbildung bei uns begonnen.“

Eine besondere Herausforderung seien in den vergangenen Wochen die krankheitsbedingten Personalausfälle gewesen. „In Verbindung mit der hohen Belegung durch Covid-Patienten sowie dem allgemeinen Personalmangel standen uns teilweise bis zu 160 Betten nicht zur Verfügung“, berichtet der KNO-Sprecher. Reindl bestreitet aber, dass die Impfpflicht für Pflegekräfte bei den KNO eine Rolle gespielt habe. „Uns sind keine Kündigungen deshalb bekannt.“

23 junge Frauen und Männer haben die Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung bei der Kliniken Nordoberpfalz erfolgreich absolviert. Nachwuchs, den die Krankenhäuser dringend nötig haben. Erfreulich: Im Herbst haben 110 junge Leute eine Ausbildung in den Häusern der Kliniken AG begonnen. Foto/Archiv: Kliniken Nordoberpfalz

Mehr als 500 Überstunden

Natürlich kennt auch die Arbeitnehmervertretung der KNO die gravierenden Personalprobleme, mit denen man seit Jahren zu kämpfen habe. „Das ist schon teilweise frustrierend“, sagt Gunar Prauschke, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender beim für das Krankenhaus Tirschenreuth zuständigen Bereich Nord. So mussten die Häuser ihre Bettenkapazität teilweise exorbitant reduzieren, um das fehlende Personal auszugleichen. Er kenne zum Beispiel Teilzeitkräfte, die mehr als 500 Überstunden angehäuft hätten.

„Irgendwann geht das nicht mehr. Wenn du zweifelst, ob du dem eigenen Anspruch noch gerecht werden kannst und dich am Feierabend fragst, ob du wirklich alles getan hast, damit keiner stirbt, ist eine Grenze überschritten“, lässt der Krankenpfleger einen tiefen Blick in sein Seelenleben und das vieler Kolleginnen und Kollegen zu.

„Geld allein ist nicht alles“

Der Gewerkschafter macht deutlich, dass höhere Löhne allein nicht die Lösung aller Personalprobleme im Pflegebereich seien. Prauschkes Vorschläge: Flexiblere Arbeitszeitmodelle, Mütterschichten, um Berufsrückkehrerinnen zu erreichen, flexibler Ausstieg, Senkung der wöchentlichen Arbeitszeit. „Wir kämpfen ja auch gegen die demografische Entwicklung. Viele sogenannte Babyboomer gehen in Rente und die jungen Leute scheuen den Pflegeberuf. Solange man denen nichts bietet, wird sich an der Situation nichts ändern.“

Prauschke liebt seinen Beruf trotz aller Widrigkeiten und geht deshalb hier mit gutem Beispiel voran: Zusammen mit einer jungen Kollegin wirbt er in den Schulen für den Pflegeberuf, „weil die direkte Ansprache viel wirkungsvoller ist als auf Messen ein paar Flyer verteilen“.

RSV greift um sich

Während sich die „Corona-Lage“ immer mehr entspannt, gibt es eine andere besorgniserregende Entwicklung: Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) greift bei Kindern immer mehr um sich. Dieser weltweit verbreitete Erreger von Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege kann vor allem für Säuglinge und Kleinkinder gefährlich werden. Deshalb müssen betroffene Kinder häufig stationär behandelt werden.

In der Kinderklinik Weiden werden derzeit circa zehn Kinder mit RSV-Infektion und 15 mit Influenza behandelt. Zwar habe man noch freie Intensivbetten, aber die Situation allgemein verschärfe der hohe Krankenstand beim Personal.

Entspannte Coronasituation

Entspannt hat sich die Corona-Situation bei den KNO. Pressesprecher Reindl: „Erfreulicherweise ist die Zahl der Covid-19-Patienten in unseren Häusern zurückgegangen.“ Aktuell würden insgesamt 19 Covid-19-Patienten auf der Normalpflegestation (Weiden: 14, Tirschenreuth: fünf) sowie vier Covid-Patienten am Klinikum Weiden intensivmedizinisch behandelt.

Die deutschlandweit fallende Inzidenz zeige sich auch in der Bettenbelegung. Vor circa einem Monat seien noch mehr als 150 Patienten mit einer Covid-19-Infektion auf den Normalpflegestationen behandelt worden. Derzeit betreffe das nur noch je eine Station in Weiden und Tirschenreuth. Man halte aber weiter Kapazitäten für einen möglichen Anstieg von Covid-19-Patienten frei.

Operationen werden nachgeholt

Die Besuchsregeln in den KNO gelten weiterhin unverändert. Das Tragen einer FFP2-Maske ist in allen Bereichen Pflicht. Zudem muss ein negatives Testergebnis vorgelegt werden. Eine positive Meldung kommt auch aus dem Bereich der Chirurgie: Zuletzt habe man verstärkt verschobene Eingriffe nachholen können.

Krankenhausreform überfällig

Der Direktionsbeirat der AOK Nordoberpfalz informierte sich in seiner jüngsten Sitzung über die Situation in der Krankenhausversorgung. AOK-Direktor Jürgen Spickenreuther betonte, dass in der Krankenhauslandschaft der nördlichen Oberpfalz bereits viel Zukunftsfähiges passiert sei. Der Tirschenreuther Beiratsvorsitzende Franz Häring betonte, dass „die Qualität der Versorgung höchste Priorität für die AOK Bayern hat“.

„Die Herausforderungen im Bereich der stationären Versorgung sind
vielschichtig“, so Ekkehard Ellmann, Leiter des Geschäftsbereichs stationäre
Versorgung bei der AOK. Die Krankenhauslandschaft in Bayern
gestaltet sich sehr heterogen und kleinteilig. Mehr als die Hälfte der über
400 Häuser verfügt über weniger als 150 Betten.

„Um den unterschiedlichen Bedarfen in städtischen und ländlichen Regionen gerecht zu werden, braucht es eine regionale Versorgungsplanung“, so Ellmann. In diesem Zusammenhang müsse analysiert werden, welcher Bedarf an stationärer, ambulanter und rehabilitativer Versorgung vor Ort notwendig sei und festgelegt werden, wie dieser Bedarf unter qualitativen Aspekten erbracht
werden kann. Wichtig sei die Verbindung von wohnortnaher Versorgung und
durchgehender Spezialisierung.

Der anhaltende Fachkräftemangel stellt laut Ellmann ein weiteres
wesentliches Problem in der stationären Versorgung dar. Chancen auf eine
bessere Versorgung der Menschen ergäben sich durch die Digitalisierung
und verpflichtende technische Standards, die ein nahtloses
Ineinandergreifen der Arbeit aller Gesundheitspartner ermöglichen.

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