Lost Places: Jürgen Lauterbach kämpft mit seiner Kamera gegen das Vergessen

Mitterteich. Ein maroder Konzertflügel in einer ehemaligen Heilstätte oder Gleise, die ins Nirgendwo führen. Der Mitterteicher Fotokünstler hält mit seinen eindrucksvollen Bildern die morbiden Relikte vergangener Zeiten für die Nachwelt fest.

Fotokünstler Jürgen Lauterbach macht seit zehn Jahren mit seiner Kamera „Jagd“ auf Lost Places. Foto: Theo Kurtz

Ein Hahn-Tonrohling steht noch im Regal und scheint darauf zu warten, endlich in den Brennofen geschoben zu werden. Auf dem Schreibtisch liegt eine leere „Ernte 23“-Zigarettenschachtel. An der Wand hängt ein Pin-up-Kalender mit barbusigen Schönheiten; eine Tageszeitung liegt rum. Es sieht aus, als müssten die 400 Beschäftigten des Tonwerks Wiesau gleich wieder zur Tür reinkommen. Tun sie natürlich nicht. In der Fabrik gingen in den 80er Jahren die Lichter aus. Doch die verlassene Produktionsstätte übt eine magische Anziehungskraft auf den Mitterteicher Jürgen Lauterbach aus. Der 39-jährige Fotokünstler hat sich auf Lost Places, verlassene Orte, spezialisiert.

Seit mehr als zehn Jahren macht er mit seiner Kamera Jagd auf diese mal mehr, mal weniger verfallenen Überreste aus der Vergangenheit. Dass diese nicht ganz aus dem Bewusstsein verschwinden, genau das treibt ihn an. „Ich will sie für die Nachwelt festhalten“, erzählt er. Wenn schon nicht schriftlich, dann zumindest in eindrucksvollen Bildern.

Granate steckte noch im Baum

Ob die Maschinen im alten Tonwerk in Wiesau noch funktionieren würden?. Foto: Jürgen Lauterbach

Der Foto-Dokumentator ist schon viel rumgekommen. Besonders die östlichen Bundesländer bergen wahre Lost-Places-Schätze. Aber auch das grenznahe Tschechien ist für manche Überraschung gut. Hier hatte Lauterbach seine beiden bislang einschneidensten Erlebnisse. Einmal verirrte er sich auf einem alten Militärgelände der tschechischen Armee. Das wurde ihm allerdings erst bewusst, als er eine Mörsergranate entdeckte, die in einem Baum steckengeblieben war. „Das war natürlich lebensgefährlich. Wer weiß, wie viele Blindgänger und Munition noch auf dem Gelände rumlagen“. Für den Mitterteicher hieß das nur eins: Sofort raus hier!

Leiche in einer alten Kaserne entdeckt

Zweites, fast traumatisches Erlebnis: Als er mit einem Kumpel eine verfallene Kaserne aus der österreichisch-ungarischen Kaiserzeit, in der Nähe von Eger (Cheb) erkunden wollte, entdeckte er die verwesende Leiche eines Obdachlosen. „Ich habe sofort die Polizei alarmiert“, erzählt er.

Ein anderes Mal ist er in einem ehemaligen volkseigenen Betrieb der DDR über Stasi-Akten gestolpert. Rausgefallen ist ein Ausweise eines der Beschäftigten, den wohl die Spitzel der Staatssicherheit auf dem Kieker hatten. „Den Ausweis konnte ich tatsächlich noch einer Verwandten vorbeibringen. Die hat vor Freude geweint.“ Die Dokumente schickte er der früheren Gauck-Behörde in Berlin. „Was ich alles erlebt habe, ich könnte ein Buch darüber schreiben“, erzählt er.

Die Treppe ins Nichts lautet der Titel dieser Fotografie. Foto: Jürgen Lauterbach

Kleines, feines Fotografen-Netzwerk

Wie er an die Objekte rankommt? Augen und Ohren offenhalten, oder selber recherchieren. So will er einmal die Bunkeranlagen entlang des früheren Eiseren Vorhangs auf tschechischer Seite erkunden. „Sie auf Anhieb zu finden, wird wahrscheinlich gar nicht so einfach sein“, ist er sich sicher. Und dann gibt es auch noch ein Netzwerk von wenigen Lost-Places-Fotografen, die ihre Entdeckungen und Empfehlungen nur im aller engsten Kreis weitergeben. Lauterbach gehört dazu.

Lost Places werden nicht mehr verraten

Seine Plätze, die er besucht gemacht hat, wird er jedenfalls ganz bestimmt nicht mehr an die große Glocke hängen. Aus Sorge, dass von Zerstörungswut besessene Randalierer den Resten dann noch den Rest geben. „Ich habe einmal meine Entdeckung den sozialen Medien anvertraut.“ Als er dort einmal wieder vorbeischauen wollte, war sein Lost Place plattgemacht worden.

Dennoch lässt der Mitterteicher Fotokünstler die Öffentlichkeit durchaus an seinen Entdeckungen teilhaben. Er organisiert Ausstellungen, in denen er seine auch nachdenklich stimmenden großformatigen Bilder präsentiert. Am 4. September hält er um 16 Uhr im Weidener Linkswerk in der Braunmühlstraße einen Vortrag. Darin wird er ausführlich über die Faszination Lost Places referieren und über seine Beweggründe, warum er ihnen nachspürt, erzählen. Parallel dazu läuft am 3. und 4. September eine Ausstellung mit seinen Fotografien.

An einem vergessenen Ort in der Region würde er liebend gerne seine Kamera auspacken. „Die Seltmann-Villa in Weiden, das wäre echt spannend“, findet er. Vielleicht bekommt er mal ja die Erlaubnis dazu.

Dieser Flügel steht in den früheren Beelitzer Heilstätten. Foto: Jürgen Lauterbach
Dieser Flügel steht in den früheren Beelitzer Heilstätten. Foto: Jürgen Lauterbach
Eine alte Hotelbühne irgendwo im Erzgebirge. Foto: Jürgen Lauterbach
Eine alte Hotelbühne irgendwo im Erzgebirge. Foto: Jürgen Lauterbach
Ein Gleis ins Nirgendwo. Foto: Jürgen Lauterbach
Ein Gleis ins Nirgendwo. Foto: Jürgen Lauterbach
Jürgen Lauterbach
Foto: Jürgen Lauterbach
Foto: Jürgen Lauterbach

Jürgen Lauterbach möchte Danke sagen:

Dass er seine Lost Places-Begeisterung so ausleben kann, hat er auch vielen Menschen zu verdanken. Ihm ist es wichtig, sie zu erwähnen. „Macht OberpfalzECHO das?“, fragt er vorsichtig. „Jürgen, wir machen das!“ Also: er dankt seinem Chef, dem Leiter der Stiftland-Werkstätten, Dr. Karl G. Kick, seinem Freund Philipp Höftmann, der ihn zu den vergessenen Orten kutschiert, Wolfgang Herzer vom Kunstverein Weiden, Robert Christ von der Glashütte Lamberts, Michael Hahn, Heike Simok und natürlich seiner Familie.

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