Mehr Freiräume für die Software-Tüftler

Weiden. In der Softwareschmiede up2parts galt bislang die übliche Fünf-Tage-Woche. Seit 1. Juni gehen in dem Unternehmen die Arbeitsuhren deutlich anders. Begleitet wird das Pilotprojekt von der OTH Amberg-Weiden.

Mehr Flexibilität und Eigenverantwortung sollen die Mitarbeiter bei up2parts durch das neue Arbeitszeitmodell bekommen. Foto: up2parts

Digitale Arbeitswelt und eine starre fünf-Tage-Woche. Passt das wirklich zusammen? Diese Frage hat sich auch Marco Bauer, Geschäftsführer der Softwareschmiede up2parts, gestellt und eine klare Antwort gefunden. „Nicht wirklich“. Seit 1. Juni haben die insgesamt 65 Software- und KI-Entwickler des Unternehmens am Freitag zumindest sitzungsfrei. Zwölf Monate soll das Pilotprojekt laufen, das von der OTH Amberg-Weiden wissenschaftlich begleitet wird. Ibrahim Kaçmaz wird im Rahmen seiner Promotionsarbeit dabei untersuchen, wie sich die mögliche Vier-Tage-Woche auf die Zufriedenheit und die Motivation der up2parts-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auswirkt. Danach wird Bilanz gezogen.

Besprechungsfreitag ist gestrichen

Das Modell beinhaltet ein Höchstmaß an Flexibilität. Bislang war der Freitag ein ganz normaler Besprechungstag, wie jeder andere auch. Für jeden up2parts-Mitarbeiter galt Anwesenheitspflicht. Das ist jetzt vorbei. „Am Freitag ist in der Firma niemand mehr zu erreichen“, erzählt Bauer. Das heißt natürlich nicht, dass dann ein generelles „Arbeitsverbot“ herrscht. Wer mag oder muss, weil etwa ein Projekt zu Ende gebracht werden muss, kann weiter loslegen. Aber dann eben mit voller Konzentration, ohne Störungen. „Focus Friday“ nennt up2parts das.

„Nach den ersten Wochen mit dem neuen Modell befinden sich alle Beteiligten noch in einer Art Findungsphase. Darum hat sich an den geleisteten Arbeitsstunden der Belegschaft bislang nichts Wesentliches verändert“, erzählt Bauer. Damals schon hat jeder Mitarbeiter jede Woche Überstunden angehäuft. Darum sucht der Firmenchef auch nach personeller Verstärkung. „Wir stellen Software- und KI-Entwickler sowie Fertigungsexperten ein“, erläutert Bauer. Nicht einen oder zwei, sondern am besten 15 auf einen Schlag.

Geschäftsführer Marco Bauer hatte die Idee zu der flexiblen Vier-Tage-Woche. Foto: up2parts

Anfangs skeptische Blicke

Als Bauer seiner Mannschaft dieses flexible Arbeitszeitmodell vorstellte, erntete er nicht wenige skeptische Blicke. Doch mittlerweile ist ihm schon die eine oder andere positive Verhaltensänderung aufgefallen. Ob man an einem Meeting unbedingt teilnehmen muss, wird jetzt stärker hinterfragt. Wer den Eindruck hat, seine Arbeitszeit sinnvoller und effizienter zu nutzen, als sie bloß in Gesprächsrunden abzusitzen, lehnt einfach ab. „Mehr Flexibilität und Eigenverantwortung und stärker über sich und seine Arbeit nachzudenken – das waren auch meine Intentionen“, freut sich der Geschäftsführer.

Entwicklungsauftrag von der Schaeffler AG

Dass man bei up2parts personell schon wieder deutlich zulegen muss, hat mit einem Großauftrag zu tun, den die Oberpfälzer im Herbst des vergangenen Jahres an Land gezogen haben. Der Automobilzulieferer Schaeffler will seinen Werkzeugbau weltweit digitalisieren und automatisieren. Die Weidener sollen dazu ein integriertes System zur optimalen Fertigung entwickeln, das an jedem der Konzernstandorte ausgerollt werden kann.

Basis dafür ist eine KI-basierte Arbeitsplanerstellung, eine automatisiert generierte Arbeitsvorbereitung sowie rekonfigurierbare Workflows. Ziel ist es, beispielsweise die Dauer der Arbeitsvorbereitung durch optimierte Prozesse und Systeme deutlich zu verkürzen.

Bei BAM wird in Echtzeit getestet

Dieses Know-how, das man sich bei up2parts angeeignet hat und immer weiter ausbaut, kann in der Praxis gleich auf seine Umsetzbarkeit hin abgeklopft werden. Bei der BAM GmbH nämlich, einem Schwesterunternehmen, das nur durch ein Werkstor von den Büros der Softwaretüftler getrennt ist. Dort werden mit verschiedenen Fertigungsverfahren Bauteile aus Metall und Kunststoff in höchster Qualität und mit engsten Toleranzen hergestellt.

Menschliches Wissen konservieren

Für Bauer steht fest: „Industrie 4.0 ist mehr als nur Maschinen miteinander kommunizieren zu lassen.“ Für ihn beginnt der Digitalisierungs- und Automatisierungsprozess schon vorher, etwa bei der Planung von Arbeitsabläufen oder beim Erstellen von Angeboten. Für kleine und mittelständische Unternehmen hat up2parts bereits die Softwarelösung up2parts calculation zur Automatisierung der Kalkulations- und Arbeitsplanerstellung auf den Markt gebracht. „Wir müssen und wollen gerade auch mit Blick auf den leergefegten Fachkräfte-Markt konsequent das menschliche Wissen konservieren und in künstliche Intelligenz transformieren.“

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