Musik, die zur Meinungsbildung anregt

Neustadt/WN. Reine Unterhaltungsmusik ist es sicher nicht, die Andrea Pancur mit Alpenklezmer und am Donnerstagabend mit den Teilnehmern des Workshops „Landler und Freylekhs“ auf die Bühne bringt. Das wird bei dem gut 90-minütigem Konzert spätestens bei dem „Mittelmeergalopp“ deutlich, der sich um Flüchtlingskatastrophe auf dem Mittelmeer dreht – auf besondere Weise.

Von Benedikt Grimm

Das Stück sei in den vergangenen Monaten entstanden, als sehr viele Flüchtlinge die Landeshauptstadt erreichten und ohne Decken im Freien übernachten mussten, erklärte die Münchnerin und gebürtige Slowenin Pancur. Sie nahm die fröhliche Melodie des Birkenau-Marsches, für die es im Jiddischen ein fast gleichklingendes Pendant gibt und setzte darauf einen zynischen Text, der von einer Kreuzfahrt entlang der nordafrikanischen Küste erzählt.

Wohl überm Mittelmeer, da wehen die Winde schwer, da tanzt das Gummiboot, die Menschen in den Tod

Darf man das? Im Workshop hätten sie lange darüber diskutiert. „So wie es sein soll, wenn man Musik macht“, erklärte Pancur. Musik solle zur Meinungsbildung anregen. Am Ende hätten Stimmen überwogen wie „Es ist makaber, aber damit kann man aufwecken“, oder „Manchmal muss man mit dem Vorschlaghammer auf Dinge aufmerksam machen“.

Bayerisch und Jiddisch

Zusammen mit Ilya Shneyveys präsentierte Pancur ein Stück aus der Anfangszeit von Alpenklezmer. „Drunt in da grüna Au“ ist gleich das erste Stück des Abends und auch das erste Stück, bei dem das Publikum zum Mitsingen gebeten wird. „Das Publikum hat schön mitgemacht. Das hätte ich gar nicht erwartet“, sagte Workshop-Teilnehmer Johannes Pflaum nach dem Konzert. Pancur wechselt dann plötzlich ins Jiddische. „Ich war überrascht, als ich feststellte, da gibt es eine Jiddische Variante auch davon“, sagte Pancur. So sei das Ganze mit Alpenklezmer eigentlich entstanden. Später brillierte sie mit einem Solo. Bei „Das Herbstlied“ von Beyle Schaechter-Gottesmann, das sie auf bairisch umgetextet hat, begleitet zunächst nur Shneyveys dezent auf dem Klavier. Erst ganz zum Schluss kommen Bass und Akkordeon dazu und alle Sänger stimmen in den Refrain ein. Dafür gibt es langanhaltenden, rhythmischen Applaus.

Bevor alle 38 Workshop-Teilnehmer zusammen mit Pancur, Shneyeys sowie Guy Schalom (Percussions), Szilvia Csaranko (Akkordeon, Klavier) und Andreas Kraus (Gitarre) auf der Bühne stehen, tritt Carl-s-son, die seit 2010 bestehende Klezmer-Band des Gymnasiums auf. Es ist das letzte Schuljahr, in dem die Gruppe in dieser Besetzung zu hören sein wird. Neben Schülern vom Neustädter Gymnasium, schulten Musiktalente des Elly-Heuss-, des Kepler- und des Ortenburg-Gymnasiums Oberviechtach bei „Landler und Freylekhs“ ihre Fähigkeiten. „Anders als beim normalen Unterricht“, sei es gewesen, sagte Veronika Bräuer. Jeder Dozent sei anders. „Ich war eigentlich voll aufgeregt“, gestand Leon Kindl, für den es der erste Auftritt bei einem Klezmer-Konzert war. Für das Sommerkonzert habe man rund ein halbes Jahr Zeit zur Vorbereitung. So ein Konzert in nur zwei Tagen erfolgreich vorbereitet zu haben, freut ihn besonders.

Bilder: B. Grimm

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