Neue Coworking-Arbeitswelt in Kemnath: Gründen und loslegen!

Kemnath. Wenn die Pandemie etwas Positives gebracht hat, dann das: Was lange verschlafen wurde, musste jetzt in kürzester Zeit angepasst werden. Digitalisierung, Homeoffice, Coworking – ein rasanter Wandel der Arbeitswelt. Und plötzlich stellen wir fest: Es geht auch anders als 9 bis 17 Uhr im Büro. Freier, kreativer, flexibler.

Thomas Völkl, Erfinder des Coworking Space in Kemnath vor der grünen Solo-Box für ungestörte Telefonate. Bild: Jürgen Herda

In New York heißt es New Work: Die digitale und global vernetzte Arbeitsweise ist in vielen Metropolen bereits Bestandteil einer neuen Arbeitskultur. Startups und etablierte Unternehmen suchen neue Formen der Zusammenarbeit.

Aber auch immer mehr Arbeitnehmer und Selbstständige wollen raus aus dem engen Korsett des Büroalltags. Bis zu 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Europa und den USA sind schon heute freiberuflich unterwegs. Das Modell von der Lehre bis zur Rente im selben Unternehmen hat ausgedient.

Tagesticket für 15 Euro

Eine Folge: Die Suchbegriffe Coworking und Coworking Spaces – englisch für „zusammen arbeiten“ – haben bei Google Hochkonjunktur. Seit September vergangenen Jahres wird man auch mit „Coworking in Kemnath“ fündig. Der Diplom-Kaufmann, Sprecherzieher und Kommunikationstrainer Thomas Völkl hat das Modell von seinen beruflichen Stationen in Regensburg, Zürich und Stuttgart sowie von Besichtigungen in München, Würzburg und Hamburg mit nach Hause gebracht.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Idee gerade im ländlichen Raum bestens funktioniert,

sagt Völkl, der das beste Beispiel für die neue Flexibilität ist: „Ich arbeite noch immer Teilzeit für Siemens Healthineers, betreibe den Coworking Space hier in meinen Räumen in Kemnath und halte hier auch Seminare ab.“

Auf 300 Quadratmetern bietet der Oberpfälzer 13 Arbeitsplätze in unterschiedlichsten Konfigurationen: „Wenn Sie jetzt sagen, heute Abend bräuchte ich einen Schreibtisch, dann buchen Sie ein Tagesticket für 15 Euro inklusive Internetanschluss.“ Für 200 Euro kann man sich für einen Monat einmieten. Wer einen festen Arbeitsplatz buchen will, bezahlt 260 Euro im Monat. „Kaffee, Wasser und Anschluss an andere Selbstständige inklusive.“ Auch Einzelbüros oder eine Art Raumkaspel für vertrauliche Gespräche oder höchste Konzentration ist vorhanden.

Angestellter und Startup-Gründer

Ein Überzeugungsmieter auf Zeit ist Stefan Kopp: „Ich bin zum einen Angestellter bei einem großen Maschinenbauunternehmen der Region und zum anderen Gründer und Inhaber von clarity+, einem Coaching- und Beratungsunternehmen mit Sitz in Kemnath.“ Der gelernte Software-Entwickler bietet Business-Coachings für Einzelpersonen und Teams, Beratung und Trainings zu Projektmanagement, agilen Vorgehensmodellen wie Scrum oder KANBAN und moderiert Workshops mit Hilfe von LEGO Serious Play, ein moderierter Prozess, der die Vorzüge des haptischen Spiels mit Legosteinen mit kombinatorisch-unternehmerischem Denken verbindet.

„Der Vorteil des Coworking-Space für mich ist“, erläutert Kopp, „dass ich neben meinem Arbeitsplatz im Homeoffice und den Büroräumen des Arbeitgebers eine weitere kreative Arbeitsumgebung nutzen kann.“ So kann er für seine Belange den Besprechungsraum für Trainingsseminare buchen – egal ob in Präsenz oder für Video-Schulungen. Ein weiteres Benefit: „Topmoderne Hardware-Ausstattung wie Videokonferenz-Tools, gute Webcams, große Monitore und digitale Whiteboards sind vorhanden.“ Da er diese Ausstattung nur sporadisch benötige, spart er sich die Anschaffungskosten für sein Startup. „Bei Bedarf miete ich mir die benötigten Geräte dazu.“

Gemeinschaftsprojekt nach wenigen Wochen

Wichtiger als die Technik ist freilich der menschliche Faktor: „Für mich als Gründer ist der Netzwerk-Vorteil entscheidend“, sagt der Kemnather. „So bekommt man viele Impulse und Ideen mit, wie andere Gründer, aber auch Mitarbeiter aus etablierten mittelständischen Unternehmen oder großen Konzernen mit ihren Herausforderungen umgehen.“ In der kurzen Coworking-Ära Kemnaths ist so bereits eine Joint Venture entstanden: „Ich habe mich gleich beim ersten virtuellen Coworking mit Tanja Franz auf eine Tasse Kaffee verabredet und schnell festgestellt, dass es viel Potenzial für gemeinsame Projekte gibt.“

Beide seien Coaches und Ernährungsberater, die sich dem systemischen und gesamtheitlichen Ansatz verschrieben hätten. „So ist schnell die Idee entstanden, ein gemeinsames, ganzheitliches Coaching-Programm zu entwickeln, das sich neben dem emotionalen Zustand auch mit den Themen Ernährung, Fitness und deren körperlichen Auswirkungen befasst.“ Innerhalb weniger Wochen sei so im Coworking das gemeinsame Projekt „beBALANCED“ entstanden. „Ein Coaching-Programm, das als Retreat im Grünen oder auch als Online-Programm absolviert werden kann.“

Bevor die Decke auf den Kopf fällt

Tanja Franz, Kopps neue Geschäftspartnerin, ist seit sieben Jahren selbstständig als Trainerin für Pilates, und Rückengymnastik, als Ernährungscoach sowie Schmerz- und Aromatherapeutin unterwegs: „Jeder Unternehmer ist Spezialist auf bestimmten Gebieten“, sagt Franz, „beim Coworking kann man auf das Wissen und die Expertise vieler zugreifen und sich auch selbst einbringen.“ Ein besonderes Plus: „Dass dies branchenübergreifend geschieht, ist ein noch größerer Gewinn.“

Außerdem sei sie froh, als „Dauer-Homeworkerin“ sich auch einmal in einer anderen Kulisse zu entfalten, bevor ihr die Decke auf den Kopf fällt: „Das ist eine schöne Abwechslung und es lässt sich hier auch ungestörter arbeiten.“ Und vor allem: Das große, gemeinsame Projekt mit Stefan Kopp wäre ohne diesen Kreativrahmen niemals zustandegekommen. „Wir freuen uns darauf, dies jetzt verstärkt regional und auch überregional anbieten zu können.“

Auch Biotech tüftelt in Kemnath

Auch die Gründer der Apollon Biotech GmbH, Benjamin Eibisch und Timo Györi, nutzen den Coworking-Space in Kemnath seit dem Tag 1. „Als Startup aus der Region sind wir zurzeit in einem der Privat Offices eingemietet – die sind professionell eingerichtet und erlauben uns daher, unsere Produktivität zu steigern und noch zielgerichteter zu arbeiten“, erklärt Györi. Zusammen mit dem Weidener Forschungsteam von OTH-Präsident Prof. Dr. Clemens Bulitta hatte die Firma zum Beispiel an einem Verfahren zur Desinfektion von Räumen durch Trockennebel getüftelt.

„Die Flexibilität hier ist eines der größten Vorteile für uns“, sagt der Geschäftsführer. „Die Plätze sind nur für die Dauer gemietet, in denen wir sie auch wirklich benötigen – auch wenn wir mal einen extra Arbeitsplatz oder einen Besprechungsraum brauchen.“ Und auch die Chance, neue Geschäftsbeziehungen aufzunehmen, sei hier wesentlich einfacher.

Heute denken, morgen anfangen

Der ländliche Coworking-Space in Kemnath habe bereits über die Landkreisgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt, freut sich sein Erfinder Thomas Völkl: „Wir hatten schon Interessenten aus Schwarzenfeld und Tirschenreuth hier.“ Das Einzugsgebiet betrage 15 bis 20 Kilometer: „Ein Weidener oder Mitterteicher kommt nicht nach Kemnath“, sagt Völkl, „da ist Potenzial für neue Standorte.“

Sein Fokus liege auf Startups: „Sobald jemand eine gute Idee hat, soll er oder sie so schnell wie möglich gründen können, ohne viel Geld zu investieren“, beschreibt er die Funktion des Coworking-Space als Wirtschaftsturbo. „Wenn es dann funktioniert, kann er immer noch bauen – heute denken, morgen anfangen, das ist eine Flexibilität, die Kemnath gut tut.

Erfolgsgeschichte des Coworking

  • Vorläufer: Mitte der 1990er Jahre eröffnete in Berlin das c-base „Hackerspace“.
  • 1999 bietet das 42 West 24 in New York flexible Arbeitsplätze an. Drei Jahre später öffnet mit der Schraubenfabrik ein Gründer-Community-Zentrum in Wien.
  • Als eigentlicher Erfinder des Coworking gilt Brad Neuberg, der 2005 das San Francisco Coworking Space in der „Spiral Muse“, ein ursprüngliches Heilzentrum, eröffnete.
  • In Europa eröffneten die ersten dedizierten Coworking Spaces – das Citizen Space in Zürich.
  • Ende 2008 gab es weltweit ungefähr 160 solche Spaces.
  • In Deutschland wurde 2009 mit dem betahaus in Berlin der erste Coworking Space eröffnet. Das zweite (beta)Haus folgte ein Jahr später in Hamburg.
  • Mit WeWork tritt 2010 in den USA ein Anbieter auf den Plan, der die Coworking-Landschaft weltweit beeinflusst.
  • In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 600 Standorte – die meisten in den Metropolen, aber zunehmend auch in kleineren Städten und ländlichen Regionen.

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