Peter Stadlers Oberpfälzer Lastenrad heißt Walhalla-Bockerl

Amberg. Die Älteren unter uns bekommen feuchte Augen, wenn sie an der Dampflok im Regensburger Stadtamhof vorbeiflanieren. Das Denkmal des Walhalla-Bockerls erinnert an eine ferne Zeit unbeschwerter Ausflüge – das brachte Fahrradhändler Peter Stadler (77) auf eine zündende Idee.

Peter Stadlers Lastenrad-light mit einem Waggon des Walhalla-Bockerls. Bild: Jürgen Herda

Sie war eine der populärsten Bockerl-Bahnen: Über ein halbes Jahrhundert – von 1889 bis 1968 – beförderte das Regensburger Walhalla-Bockerl Touristen aus ganz Deutschland zu König Ludwigs I. Ruhmestempel an der Donau.

Kurios: Ein sogenannter „Fahnerlbua“ musste das fürs damalige Geschwindigkeitsempfinden rasante Gefährt durch die Regensburger Vororte zu Fuß begleiten – tagsüber mit roter Fahne, bei Dunkelheit mit roter Laterne. Immerhin erreichte die dampfende Lok auf freier Strecke eine Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h.

Zu Fuß auf der Prüfeninger Straße

Peter Stadler kommt beim Erzählen von der Ära der Schmalspur-Bahn ins Schwärmen. „Als ich Ende der 50er Jahre noch in Regensburg lebte, konnte man zu Fuß mitten auf der Prüfeninger Straße zum Jahn-Stadion pilgern, so wenig Autos fuhren damals.“ Die Straßenbahn und schnaubende Bockerl waren neben Schusters Rappen und einigen Drahteseln das bevorzugte Fortbewegungsmittel. In Zeiten von Feinstaub, Dauerstaus und Klimawandel denkt Stadler gerne daran zurück.

Auf die Idee, dieses Prinzip in die Moderne zu retten, brachte den Amberger Fahrradhändler ein alter Klassenkamerad der Von-der-Tann-Schule. Günther Schieferl, der letzte Straßenbahnschaffner Regensburgs, lud Stadler ein, sich in dessen Keller eine Überraschung anzuschauen: „Ich war ganz platt“, erzählt der 77-jährige Geschäftsmann. „Dort stand ein selbstgebautes Walhalla-Bockerl, das er in fünfjähriger Handarbeit aus Metall und Holz gefertigt hat.“ 32 Kilogramm Kreativität bis ins Detail mit Lokführer, Mobiliar und Milchkannen.

Mobilitätsgarantie in der Stadt

Mit Kinderaugen bewundert der Schulfreund sein Geschenk, das er in seinem Regenstaufer Geschäft ausgestellt hat. Was aber hat eine historische Bahn mit einem Fahrradgeschäft gemein? „Ich dachte mir“, erklärt Stadler, „was verbindet man mit dem Begriff Walhalla-Bockerl?“ Das sei ein zuverlässiges, günstiges Transportmittel gewesen, das täglich Menschen von Stadtamhof über Reinhausen und die Walhalla bis nach Wörth brachte. Was wäre heutzutage dazu ein zeitgemäßes Pendant? „Ein Lastenfahrrad, das die Mobilität in der Stadt garantiert.“

Aber kann man ein solches Gefährt einfach Walhalla-Bockerl nennen, nur weil man den historischen Vorläufer sympathisch findet? „Ich habe also recherchiert, ob der Name geschützt ist, was nicht der Fall war.“ Also lässt sich der findige Radentwickler den Markennamen am Patentamt schützen. Jetzt musste nur noch das dazu passende Fahrzeug entwickelt werden. Er nimmt Kontakt zum Nürnberger Elektromotorbauer Metz auf, beschreibt seine Idee: „Ich brauche ein Fahrzeug, das nicht so schwer und unhandlich ist wie die gängigen Modelle.“ Stadler stößt mit seiner Lastrad-light-Initiative auf offene Ohren.

Eierlegendes Wollmilchrad

Schon der Prototyp aus der mittelfränkischen E-Schmiede erfüllt seine Vorstellungen, die er penibel ins Lastenheft diktierte: „Ein umweltfreundliches Transport-E-Bike zum Einkaufen und Spazierenfahren mit Kind, Kegel und Hund“, beschreibt der Seniorchef seine Vision, „ein Stadtradl als Zweitrad, höchstens 28 Kilo schwer mit einem Aktionsradius von 80 Kilometern, belastbar bis 180 Kilogramm trotz überschaubarer Größe, das problemlos in den Keller passt – mit anderen Worten ein eierlegendes Wollmilchrad.“

Nach mehrfachem Austausch mit dem Metz-Techniker steht das Walhalla-Bockerl-Endprodukt in den Stadler-Niederlassungen. „Es ist deutlich kompakter als bisherige Lastenräder, die in den Großstädten für viel Ärger sorgten, weil auf den Radwegen keine zwei aneinander vorbeikommen, sie parkenden Autos ins Gehege kommen und vor einem Mietshaus nirgends abgestellt werden können, ohne sämtliche Mitbewohner zu behindern.“

Belastbarer, bequemer und sicherer

Belastbarer, bequemer und sicherer sei das E-Bockerl obendrein, weil es leichter und niedriger ist. „Breite Reifen, eine variable Sitz- und Lenkerhöhe, leichter Auf- und Abstieg machen das Unisex-Rad auch für Schüler zu einer Alternative.“ Stadler selbst verwendet fast nur noch sein selbst ausgedachtes Bockerl: „Ich bringe darauf alles unter und kann’s überall hinstellen.“

Preislich liegt das Walhalla-Bockerl reloaded im unteren Lasten-E-Bike Bereich: „Ich kann damit natürlich nicht in die Massenproduktion gehen“, erklärt der Erfinder die 2.999 Euro pro Stück für die überschaubare Produktionszahl von 250 auf eigenes Risiko. „Verdient ist daran wirklich nichts, weil wir auch nur die hochwertigsten Komponenten verwenden“, sagt er und verweist auf die vielfältigen Fördermöglichkeiten: „Viele Kommunen fördern die Anschaffung, Amberg etwa mit bis zu 15 Prozent des Nettokaufpreises und maximal 700 Euro, wenn man das E-Bike bei einem Amberger Händler kauft.“

E-Bockerl: Gesund und macht glücklich

Beim Walhalla-Bockerl gehe es dem Geschäftsmann wirklich nicht ums Geschäft: „Alle reden so viel von Nachhaltigkeit“, ärgert sich der passionierte Zweiradfahrer über zu viele leere Worte, „mit so einem Gefährt entlastet man die Umwelt, es ist gesund und es macht glücklich.“

Wer das Wahhalla-Bockerl erst einmal nur besichtigen möchte, bekommt dazu im Museum „Amberger Kaolinbahn“ (Galgenbergweg 3, 92224 Amberg), ein Industriemuseum für Technik und Züge, demnächst Gelegenheit: „Die bekommen ein Ausstellungsstück von mir.“

Peter Stadler und sein PS-Motor-Center in Amberg, Neumarkt, Regenstauf

  • 1936: Josef Stadler eröffnet 1936 ein Fahrradgeschäft in der Schäffnerstraße in der Altstadt von Regensburg.
     
  • 1958 bis 60: Peter Stadler wird ab seinem 16. Lebensjahr mehrfach bayerischer Meister im Querfeldeinfahren mit umgebauten Rennrädern. „Reich wurde man selbst als Radprofi damals nicht“, erzählt er, „als ersten Preis bekam man einen Kranz mit Schleife umgehängt.“ Mit dem Rad fährt er von Regensburg nach Dingolfing, um bei der Hans-Glas-Rundfahrt, benannt nach dem Gogomobil-Hersteller, unter 60 jungen Fahrern den dritten Platz zu ergattern. „Ich hatte da zwar schon 60 Kilometer in den Beinen, aber das war mehr zum Aufwärmen.“
     
  • 1962: Um dem Seniorchef zu beweisen, das er selbst etwas auf die Beine stellen kann, eröffnet Junior Peter Stadler mit 18 Jahren sein erstes Geschäft am Amberger Vilstor: „Den Standort habe ich auch wegen der Nähe zum Städtedreieck gewählt – und ich war vom ersten Tag an glücklich.“
     
  • 1964: Zusammen mit drei Freunden cruist Peter Stadler drei Wochen auf seiner BMW 750 fast 6.000 Kilometer quer durch die USA – durch Arizona vorbei am Grand Canyon. „Wir wurden vom US-Fernsehen interviewt, weil wir den Mule-Pfad beim Grand Canyon runtergefahren sind“, erzählt er, „in dem Alter hat man gefragt, was kann der Maschine passieren? Heute würde ich fragen, was kann mir passieren?“
     
  • 1976: Sein Bruder Helmut übernimmt das Regensburger Geschäft des Vaters, entwickelt die neuartige Idee einer ständigen Fahrradmesse mit großer Auswahl an Zweirädern und Beratung eines Fachgeschäftes. 1976 entsteht eine Niederlassung in Straubing, 1981 das erste große Zweirad-Center in der Kirchmeierstraße. Heute verfügt der Firmensitz über eine Fläche von 12.000 Quadratmetern und deutschlandweit über 21 Filialen und einen Standort in Österreich mit rund 1.400 Mitarbeitern.
     
  • 1988: Peter Stadler zieht an den heutigen Standort an der Bayreuther Straße in Amberg. „Ich habe nur einen Bruchteil des Umsatzes meines Bruders“, erklärt er den Kontrapunkt zum nahverwandten größten Fahrradhändler Deutschlands. „Aber ich bin glücklich, wir sind ein Familienbetrieb geblieben, und wenn jemand auf einer Radtour dringend was braucht, komme ich auch am Sonntag rein.“ Sein Konzept: ein breites Spektrum von Rad bis Vespa mit persönlichem Service.
     
  • 2021: „Das komplette Jahr war überragend“, schildert Stadler das Ergebnis der vergangenen Corona-Monate. „Im Gegensatz zur landläufigen Meinung gibt es Fahrräder am Markt, man muss nur zur richtigen Zeit die richtige Menge bestellen und pünktlich beim Lieferanten bezahlt haben.“ Während der Pandemie wurde das Fahrrad zu einem noch wichtigeren Freizeitgestalter. „Ich freue mich, dass wir den Kunden mit unseren Rädern Freizeit schenken können.“ Mit 110 Mitarbeitern verkauft er rund 10.000 Fahrräder und 500 motorisierte Fahrzeuge im Jahr. Damit er permanent eine Auswahl von 5.000 Rädern im Laden zeigen kann, hat er heuer bereits die Modelle für 2024 bestellt.
     
  • 2022: Die Familie feiert 60 Jahre Stadler in Amberg. „Ich bin für das Jubiläumsjahr sehr optimistisch“, freut sich Peter Stadler. „Radfahren ist der gesündeste Freizeitsport, und man kann ihn auch alleine ausüben.“ Dem 77-Jährigen gehe es nach seinem schweren Unfall wieder gut. „Ich habe so viele schöne Sachen erlebt, bin mit meinem Leben und der Familie sehr glücklich.“ Seine beiden Söhne würden zwar ab und zu meckern: „Jetzt mischt er sich schon wieder ein“, erzählt er schmunzelnd, „aber die Liebe überwiegt.“ In Regenstauf managt Ulrich, in Neumarkt Peter die Stadler-Geschäfte. Und die Seele mitten drin: „Ohne meine Frau, die zum Glück auch noch gern jeden Tag mit mir im Laden steht, wäre alles nicht möglich gewesen“, verneigt er sich vor seiner besseren Hälfte. „Unsere ganze Familie, wir sind alles Jungfrauen.“ Bruder Helmut dagegen, der extrovertierte Wassermann, wird am 2. Februar 80 Jahre alt: „Er hat mich nach Kapstadt eingeladen“, sagt Peter schaudernd, „der schiere Gedanke an den langen Flug – nein, danke!“ Froh ist er aber, dass eine alte Bruderfehde endlich ausgeräumt ist: „Nach meinem Unfall haben wir beide kapiert, wie schnell alles vorbei sein kann“, sagt Stadler. „Und was wirklich zählt im Leben.“

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