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Podiumsdiskussion: Booster für bayerisch-böhmische Städtepartnerschaften

Bärnau/Tachov/Floß/Tlučná. Die Gemeinsamkeiten zwischen Böhmen und Bayern sind schmackhaft: Bier und Schweinebraten, dazu der hinterkünftige Humor, der die Komikerlegenden Karl Valentin und Jaroslav Hašeks „Schwejk“ verbindet. Erst trennte der Eiserne Vorhang die beiden Geistesverwandten, dann kam Corona – jetzt soll die Partnerschaft neu belebt werden.

Eine Keimzelle bayerisch-böhmischer Nachbarschaft: der Geschichtspark Bärnau-Tachov mit Projektleiter Václav Vrbík (vorne sitzend) und dem Leiter des Archäozentrums Stefan Wolters. Bild: Jürgen Herda

Als 1989 der Eiserne Vorhang nach Jahrzehnten des Kalten Krieges endlich fiel, war die Euphorie groß. Dramatiker Václav Havel und seine kreativen Mitstreiter hatten mit der Samtenen Revolution das realkommunistische Regime gestürzt. Mit neuem Esprit zog der Dichterpräsident in die Prager Burg ein.

Auf beiden Seiten der Grenze entstanden Initiativen, die zum Abbau von Vorurteilen beitragen wollten. 33 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs steht den deutsch-tschechischen Beziehungen weniger die belastete Geschichte im Weg. Vielmehr macht sich Gleichgültigkeit breit.

Eine Podiumsdiskussion im Geschichtspark Bärnau-Tachov mit den Bürgermeistern aus Bärnau (Alfred Stier), Tachov (Ladislav Macák), Floß (Robert Lindner) und Tlučná (Jan Opl) will neue Impulse setzen.

Bärnau als bayerisch-böhmische Keimzelle

Rückblende: Auch rund 170 Kilometer westlich der damals noch tschechoslowakischen Hauptstadt ist die Aufbruchsstimmung zu spüren. In Bärnau (Landkreis Tirschenreuth) macht sich die pensionierte Lehrerin Ingrid Leser auf die Suche nach einer tschechischen Partnerschule: „Die Kinder und Jugendlichen gehen vorurteilsfrei aufeinander zu, so können wir die Klischees am Schnellsten abbauen“, ist sie überzeugt.

„Ich bin an der Grenze aufgewachsen“, erzählt Leser in einem Zeitzeugeninterview anlässlich des 30. Jahrestages der Grenzöffnung 2019, „wenn wir Pilze suchen gegangen sind, sagten die Eltern immer, ,passt auf, die schießen‘. So hat man als Kind ein bisschen ein Feindbild von den Tschechen bekommen.“

Jan Hus und der Geschichtspark

Auch in der grenznahen Kulturszene suchte man nachbarschaftliche Kontakte: „Zwischen den Städten Bärnau und Tachov entwickelte sich schnell ein reger Austausch“, erzählt der Volkskundler Robert Dvořák, der zusammen mit dem ruhelosen Projektentwickler Alfred Wolf die Idee eines zweisprachigen Theaterfestivals entwickelte. Basis dafür ist die Lage beider Städte an der historischen „Goldenen Straße“, einer von Kaiser Karl IV. begründeten Handelsstraße zwischen Nürnberg und Prag.

„In beiden Städten gab es ein Ensemble von Schauspielern, aber zweisprachig haben wir nie gespielt“, sagt Dvořák. „Dann haben wir uns gesagt, warum sollten wir nicht versuchen, einfach Themen aus der Geschichte zu suchen, die ein wenig die Stereotypen abbauen könnten – aus Perioden, in denen die zwei Nationen in freundschaftlichen Beziehungen standen?“ Aus der Idee erwuchsen Projekte wie das zweisprachige Theaterfestival „Jan Hus – ein Weg ins Feuer“, der Geschichtspark Bärnau-Tachov und das ArchaeoCentrum Bayern-Böhmen.

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Bürger- und Fischereimeister Alfred Stier erklärt, wie man an das leckere Krebsfleisch kommt. Bild: OberpfalzECHO

Gedankenaustausch bei Salzwassergarnelen

Was zivilgesellschaftlich längst Realität war, besiegelten schließlich die beiden Bürgermeister mit einiger Verzögerung: Am 18. April 2019 unterzeichneten die Stadtoberhäupter von Bärnau und Tachov, Alfred Stier (CSU) und Ladislav Macák (Sozialdemokrat, ČSSD) eine Deklaration über Partnerschaft und Zusammenarbeit. „Ich sehe den heutigen Akt nicht nur als reine Formalität“, sagte Macák damals, „sondern als Bestätigung einer langfristigen, guten Zusammenarbeit, die bereits seit 1989 besteht.“ Er glaube daran, dass sich der Deklaration noch weitere Akteure und Vereine anschließen würden – „als Grundlage für eine weitere Verbesserung des Lebens an der bayerisch-tschechischen Grenze“.

Rückblickend auf die damalige Aufbruchsstimmung gibt sich Bürgermeister Stier selbstkritisch: „Ich denke mir immer, da kann man noch mehr daraus machen“, hofft er nach der Corona-Zwangspause auf neue Impulse. Der selbstständige Fischereimeister will seinen Kollegen so bald wie möglich zu einem produktiven Gedankenaustausch bei Oberpfälzer Salzwassergarnelen einladen: „Meine Erfahrung ist, am meisten kommt bei persönlichen, inoffiziellen Begegnungen heraus.“

Die Flosser Landwehr beim Gemeindefest in in Tlučná. Bild: Markt Floß

Geburtshelfer der Partnerschaft Floß und Tlučná

Noch sehr frisch sind dagegen die Beziehungen zwischen dem Markt Floß und der Pilsener Stadtrandgemeinde Tlučná. Geburtshelfer der Städtepartnerschaft war Václav Vrbík, Geschäftsführer des Vereins „Via Carolina – Goldene Straße“, der in Tlučná lebt und in Bärnau arbeitet. „Als wir vor vier Jahren die Anfrage Vašeks (Anmerkung der Redaktion: gebräuchliche Form von Václav) bekamen, haben wir das mit meinem Vorgänger Günter Stich besprochen“, erzählt Bürgermeister Robert Lindner (SPD).

Der Marktgemeinderat habe Tlučná mehrfach besucht und festgestellt: „Von der Größe her passt es.“ Der ehemalige Bergbauort sei zwar nicht ganz so historisch, boome aber wegen seiner Nähe zu Pilsen. „Wir haben dann schnell die Partnerschaft zwischen den Feuerwehren, den Sportvereinen und Schulen eingetütet“, sagt Lindner. „Dann kam Corona … .“ Da eine Partnerschaftsförderung über die Euregio Egrensis auf zwei Jahre ausgelegt gewesen sei, habe er eine Verlängerung beantragt. „Für die Schule wird sie leider nicht verlängert.“

Friedliche Flosser Landwehr beim Gemeindefest

So vielversprechend die ersten Schritte gewesen seien, so frustrierend der Stillstand während der Pandemie. Umso mehr gelte es jetzt, Versäumtes nachzuholen. „Gemeinsame Übungen unserer Feuerwehren sind geplant, und zum 100-jährigen Vereinsjubiläum mit Gemeindefest am 25. Juni soll ein Freundschaftsspiel der Fußballvereine in Tlučná stattfinden.“

Erinnerungen werden wach an den unvergessenen Besuch des Vor-Corona-Festes in Westböhmen. „Wir waren damals mit der Flosser Landwehr – 18 Mann unserer historischen Gruppe mit ihren Vorderladern und Marketenderinnen – drüben und haben natürlich auch ein Fass Flosser Bier mitgebracht.“ Solche Begegnungen müsse es künftig regelmäßig auf beiden Seiten geben. „Und natürlich sind unsere tschechischen Freunde zu unserem Bürgerfest am letzten Samstag im Juli eingeladen“, sagt Lindner.

Wo g’redt wird, kumma d’Leit zam. Das gilt auch für den Besuch der Flosser Delegation beim Gemeindefest in Tlučná. Bild: Markt Floß

Tlučnás Bürgermeister neuer Prägung

Die Einladung nimmt der junge Bürgermeister von Tlučná gerne an. Der 37 Jahre alte Jan Opl ist seit 2018 mit Feuereifer im Amt. Der studierte Politikwissenschaftler (Westböhmische Universität Pilsen) startete seine Laufbahn als Assistent des Bezirkshauptmanns bei der Region Pilsen mit dem Schwerpunkt Regionalentwicklung und grenzüberschreitende Beziehungen.

Für seine Gemeinde hat der Kommunalpolitiker bereits prestigeträchtige Auszeichnungen errungen: Beim Wettbewerbs „Dorf des Jahres 2019“ gewann Tlučná das Blaue Band für den zweiten Platz – hervorgehoben wurde der bedeutende Beitrag zur Umsetzung des Programms zur Erneuerung des ländlichen Raums in der Region Pilsen. Und dass Opl auch in den neuen Medien heimisch ist, zeigt ein weiterer Preis: Das Goldene Wappen in der Kategorie beste Website geht ebenfalls nach Tlučná.

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Der Flosser Bürgermeister Robert Lindner. Bild: Gabi Eichl

Podiumsdiskussion zur Wiederbelebung der Städtepartnerschaften

„Gemeinsam sind wir stark – Potenziale grenzüberschreitender kommunaler Partnerschaften“

mit den Bürgermeistern der Partnergemeinden

  • Alfred Stier, Bärnau
  • Ladislav Macák, Tachov
  • Robert Lindner, Floß
  • Jan Opl, Tlučná.

Die Podiumsdiskussion findet am Mittwoch, 4. Mai, 18 Uhr, im Geschichtspark Bärnau-Tachov, Naaber Straße 5b, in Bärnau statt. Das Gespräch wird simultan gedolmetscht und durch das Programm der EU Ziel ETZ Freistaat Bayern-Tschechische Republik 2014-2020 (Euregio Egrensis, Kleinprojekte) gefördert.

Um Teilnahmebestätigung wird aus organisatorischen Gründen gebeten.

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