Rock-Kolumne: Schobers Musik-Tipps für alle, die noch Schallplatten kennen

Parkstein. Hubert Schober ist seit Jahrzehnten erfolgreicher Konzertveranstalter. Der studierte Sozialpädagoge aus Parkstein holte nicht nur Rio Reiser oder Manfred Man nach Weiden. Er veranstaltete auch international erfolgreiche Shows wie die Circus-Produktion Mother Africa. Für OberpfalzECHO rezensiert er musikalische Neuerscheinungen und Evergreens.

Für unsere jüngeren Leser: Was Hubert Schober in der Hand hält, ist eine Schallplatte, genauer: das Cover eines Albums der irischen Band Villagers. Bild: Schober

Wir sind uns einig, oder? Have You Ever Seen the Jane Fonda Aerobic VHS? ist definitiv der schrägste Bandname seit langem. Ähnlich gut war einst Cliff Barnes And The Fear Of Winning aus Quakenbrück – und die spielten sogar mal im JUZ Weiden. Sie verbreiteten nicht nur wegen ihres Namens und der ausgeflippten Bühnenschau massenweise gute Laune. Unsere schrägen Vögel (Männchen und Weibchen) stammen nicht aus dem niederen Sachsen, sondern kommen aus Finnland.

Die haben unter anderem mit den Leningrad Cowboys eine ganze Reihe komischer Musik-Kapellen im Angebot, in die sich unsere Lautmaler mit der Platte „Maine Coon“ (Pop-Up Rec) bestens einreihen. Düstere Texte kontrastieren dabei mit einem durchaus fröhlich-überdrehtem Mix aus Grunge, Garagen-Beat, 60er Jahre Girlgroups-Sounds, Post-Punk und Indie-Rock. Und aufgemerkt! Genre-untypisch kommen keinerlei Gitarren zum Einsatz (was wiederum fast nicht auffällt)!

Kräftige Soulstimme aus Norwegen

Nach diesem schrill-bunten Kladderadatsch bleiben wir zwar geographisch im Norden, entspannen aber jetzt zu den locker-relaxten Klängen des norwegischen Soul-Shootingstars Christian Beharie. Inspiriert von Künstlern wie Michael Kiwanuka, Moses Sumney, aber auch den Fleet Foxes und Leon Bridges, erschafft der Norweger auf „Beharie, The Third“ (V2) eine musikalische Welt, die gleichermaßen von der charmanten Rohheit der alten Soul-Größen als auch der modernen Indie-Folk-Songwriter zehrt.

Gospel-informierte Chöre, eine von fern hallende Trompete, warme Orgel-Sounds, auch mal ein paar Streicher, dezente Gitarren und dazwischen eine warme, verträumte, aber kräftige Soul-Stimme machen diesen Künstler zu einem, den man sich unbedingt merken sollte.

So viel Musik, wie in einen Truck passt

Unvergessen wird auch das folgende Projekt bleiben, denn meines Wissens ist es bis dato einzigartig. Dazu muss man leider etwas ausholen. Die Tedeschi Trucks Band, ein 12-köpfiges Musiker-Kollektiv um das Ehepaar Derek Trucks und Susan Tedeschi, startet mit „I Am The Moon“ (Universal), ein episches Unterfangen in vier Alben (I. Crescent, II. Ascension, III. The Fall, und IV. Farewell) mit 24 Originalsongs. Inspiriert von einer mythischen persischen Geschichte über ein unglücklich verliebtes Paar (übrigens auch der Ausgangspunkt für das furiose „Derek & The Dominos“-Album, „Layla and Other Assorted Love Songs“) und emotional getrieben von der Isolation und Abgeschiedenheit der Pandemie-Ära, umfasst das thematische Opus mehr als zwei Stunden Musik. Die entfaltet sich in einem robusten Wandteppich aus genreübergreifenden Erkundungen, die das geschätzte amerikanische Ensemble in neues und aufregendes kreatives Territorium führen. So frei und Genre-übergreifend hat das Ensemble bis dato noch nie agiert.

Zu allen vier Platten die jeweils monatlich erscheinen, wird es jeweils im Vorfeld einen Film geben. Beides kann man in seiner Gesamtheit als gemeinsames Hör- und Seherlebnis über den YouTube-Kanal der Band genießen. Unter der Regie von Alix Lambert kombinieren die Filme Studio- und Performance-Aufnahmen mit atmosphärischen Fotografien und Bildern, die die kaleidoskopischen Strukturen der Musik wunderbar einfangen. Hört sich kompliziert an, ist aber wahrlich ein MUSS nicht nur für Fans der Band, denn diese allumfassende Musik sollte jeden Rock-Fan bis in die Zehenspitzen glücklich machen.

Kanadischer Troubadour und Dub-Reggae zum Tanzen

Deutlich bescheidener, nämlich nur als EP, kommt „New Waves (Live Recordings ’19-’21)“ des kanadischen Troubadours Leif Vollebekk daher. Warum der für seinen intensiven wie intimen Vortrag bekannte und durch viele Millionen Streams erfolgreiche Musiker nur eine Handvoll Songs auf diese leise Platte gepackt hat, weiß der Kuckuck. Fans von Nick Drake, Jeff Buckley, William Fitzsimmons, Patrick Watson, Joanna Newsom oder Devandra Banhardt hätten da auch mehr davon vertragen.

Genug Musik für den Kopf, jetzt gibt es was für die Beine. Liam Bailey veröffentlichte Ende 2020 sein Debütalbum „Ekundayo“. Dann traf er auf den Produzenten Leon Michels aka El Michels Affair. Der entfernte den Gesang und bastelte mit seinem Signatur-Sound ein cool groovendes Dub-Reggae-Album, das wiederum hervorragend als Grundlage für diverse Mixe anderer Kollegen taugen dürfte. „Ekundayo Inversions Instrumentals“ (Big Crown Rec) heißt das Teil.

Laute Supergroup beschwört Kakerlake in Geisterstadt

Zum Abschluss kehren wir zum Anfang zurück. Ganz so lustig wie bei der Aerobic VHS geht es bei Slang aus Portland zwar nicht zu, dafür kann diese Supergroup auch ganz gut laut. Janet Weiss, ansonsten Schlagzeugerin bei Sleater-Kinney und Songwriter, Sänger und Gitarrist Drew Grow, sonst bei den nicht so bekannten Combos Modern Kin und The Pastors´ Grow gründeten die Kapelle. Vervollständig wird sie von Kathy Foster (Roseblood, The Thermals) am Bass und Anita Lee Elliot (Viva Voce) an der Gitarre und Gesang.

Schobers-Rezension-Slang

Auf dem Debüt, „Cockroach In A Ghost Town“ (Bertus) dürfen sich zudem Sam Coomes (Quasi), Stephen Malkmus (Pavement), Mary Timony (Helium, Ex Hex, Wild Flag) und ein paar mehr austoben. Das machen sie mit Hingabe, Genuss und ein wenig überdrehter Theatralik im weiten Feld zwischen Indie- und Sleaze-Rock, Grunge und Garagen-Psychedelic, Glam-Rock und Proto-Punk. Bohei meets Beach Boys meets Sonic Youth meets Pixies, u.s.w.u.s.f.

Schobers unglaubliches Lexikon hochtrabender Rock-Pop-Punk-Begriffe

Art-Pop: Hat seine Ursprünge nicht etwa im dritten Studioalbum von Lady Gaga. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Kunst und Popmusik verschwimmen, und John Lennon, Syd Barrett, Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry beginnen, sich von ihrem früheren Kunstschulstudium inspirieren zu lassen, ist eine Ausprägung des Art-Pop geboren. In den USA wird er von Bob Dylan und der Beat Generation beeinflusst und durch die Singer-Songwriter-Bewegung auch literarisch überformt. Die psychedelische Bewegung der 1960er Jahre bringt Kunst und Kommerz zusammen und stellt die Frage, was es bedeutet, Künstler in einem Massenmedium zu sein. In den frühen 1970er Jahre wird Progressive/Art Rock der kommerziell erfolgreichste Sound Großbritanniens.

Dub-Reggae: Ursprüngliche Reggae-Songs werden als Rohmaterial verwendet und mit Effekten versehen neu abgemischt. Eine Machart, die bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auf Jamaika entstand. Erlebt eine Wiedergeburt im Bereich elektronischer Tanzmusik.

Elektro-Boogie: Auch Electric Boogaloo, nicht zu verwechseln mit Onkel Martins Boogie-Woogie auf der Hammond-Orgel, ist eine um 1975 in Fresno (Kalifornien) entwickelte Tanzrichtung, die unabhängig in New York Blüten treibt und ein Element des Funk und des Streetdance ist. Die Old School des Hip-Hop-Tanzes, wird auf Robot reduziert, weil das Imitieren eines Roboters Teil der Performance ist. Eng verwandt ist der Electric Boogie mit Popping, weist aber auch signifikante eigene Bewegungen auf, wie etwa die Illusion von Wellen, die durch den Körper fließen (was häufig mit Popping gemischt wurde, um den „Electric Boogaloo“-Effekt zu verstärken).

Garagen-Psychedelic: Unterabteilung des Garage-Rock, Garage Punk oder Sixties Punk. Mit den letzteren wird ein nachträglicher Bezug zum Punkrock der 1970er Jahre hergestellt. Weitere alternative Bezeichnungen sind Freakbeat für überwiegend britische Bands sowie Acid Rock für die psychedelische Phase.

Garagen-Trash: Sind keineswegs die alten, verrosteten Benzinkanister, die im Zeitalter der E-Mobilität überflüssig sind, und die vergessenen Reste von Entfroster fürs Kühlwasser, also das Sammelsurium, das so in der Garage rumliegt, sondern ein Musikstil abgefuckter Punks, die keinen besseren Übungsraum als die Garage des Redneck-Dads am Stadtrand von Sydney finden, wo sich beispielsweise die Hard-Ons gründeten. The Trashwomen aus San Francisco beweisen, dass auch Frauen zu infernalischen Punk-Kakophonien in der Lage sind.

Glam-Rock: Ein weiteres Subgenre der Rockmusik, bei der sowohl die Musik als auch der Bühnenauftritt sehr opulent ausfallen. Glam Rock ist Anfang der 1970er Jahre besonders in Great Britain sehr populär – als Kontrapunkt zum Artrock von Pink Floyd, King Crimson, Yes oder Genesis. Erlebt in den 1980ern als Glam Metal eine Renaissance.

Grunge: Rockmusik-Genre und Subkultur, die klingt, wie sie heißt – zu deutsch „Schmuddel“, „Dreck“. Hervorgebracht durch die US-Undergroundbewegung in den 1990er-Jahren. Grunge, auch als Seattle-Sound, wird als Vermischung von Punkrock, Underground-Garagenrock und Hardrock beschrieben. Die frühe Grunge-Bewegung drehte sich um Seattles unabhängiges Plattenlabel Sub Pop und die Underground-Musikszene der Region.

Post-Punk: Taucht erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin Sounds auf, um die schrägen Töne von Siouxsie and the Banshees zu beschreiben. 1980 beschreibt der Kritiker Greil Marcus in einem Rolling-Stone-Artikel Bands wie Gang of Four, The Raincoats oder Essential Logic als „britische Postpunk Pop-Avantgarde“. Post-Punk gilt als experimentierfreudig und bunte Mischung aus Krautrock, des Dub, Disco und elektronischer Musik.

Proto-Punk: Adelstitel für die Wegbereiter des Punk und Erfinder minimalistischer Gitarren-Riffs wie The Velvet Underground, MC5, The Dictators, The Stooges, die New York Dolls, The Monks, Mott the Hoople oder The Sonics – bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.

Sleaze-Rock: „Sleazy“ heißt so viel wie „schäbig“ assoziiert auch mit Abschaum. Sleaze Rock leitet sich vom Image der Sleaze-Rock-Bands ab, die eine rebellische Underdog-Mentalität pflegen und sich mit Tätowierungen, abgerissenen Lederjacken, zerrissenen Jeans und Netzhemdenvom Glam Metal abgrenzen. Dem Sleazerock wird vorgeworfen, altes Bier in neuen Fässern zu sein. Bands wie Guns N’ Roses, L.A. Guns oder Faster Pussycat vermischen Hardrock mit Elementen des Bluesrock, Metal, Garage Rock und Punkrock.

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1 Kommentare

Ewald Zenger - 02.08.2022

Was für ein Vergnügen, den Artikel zu lesen! Es gibt wohl kaum jemanden mit dermaßen viel Wissen über die aktuelle Musikszene. Hubert Schobers Tipps sind es immer wert, angehört zu werden. Die ersten drei Alben von „Tedeschi Trucks Band – I am the Moon“ habe ich bereits mit großer Freude gehört. Zu gerne wäre ich auch nach Berlin oder Hamburg zu den Konzerten. Mal sehen… Hoffentlich gibt es noch oft von Hubert Schober auf die Ohren! 🙂