Schobers Rock-Kolumne: Missbrauchte Mundharmonikas, Wiener Indie-Pop und neue Songwriter-Kapitel

Parkstein. Konzertveranstalter Hubert Schober brachte Rio Reiser oder Manfred Mann nach Weiden. Der gelernte Sozialpädagoge veranstaltete international erfolgreiche Shows wie die Circus-Produktion Mother Africa. Für OberpfalzECHO rezensiert er musikalische Neuerscheinungen und Evergreens.

Der neueste Schober-Mix mit The Murlocs, Nikki Lane, Dives, Richie Setford, Bibio und Gunner & Smith. Cover-Collage: Schober/Herda

Den Einsatz der Mundharmonika assoziiert man gewöhnlich mit dem Blues-Genre, vielleicht auch noch mit dem Folk – und natürlich dem Kino-Hit, „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Australier – um eben den Mundharmonika-Spieler und Sänger Ambrose Kenny-Smith – zweckentfremden das heulende Harmonikainstrument mit Durchschlagzungen. Diese Metallstreifen sorgen für eine erstaunliche Klangvielfalt und erlauben eine ziemlich durchgedrehte Art, Indie-Metal-Punk-Blues zu spielen.

Zudem haben sich The Murlocs auf „Rapscallion“ (PIAS) eine ziemlich krude Story über einen Herumtreiber und Tunichtgut einfallen lassen, der allerlei Abenteuer zu bestehen hat. Wen das jetzt an die Kollegen von King Gizzard & The Lizard Wizard erinnert, liegt nicht ganz falsch, denn deren Mitglieder tummeln sich auch auf diesem Abenteuerspielplatz.

Innerer Road-Trip

Einen inneren Road-Trip vertont auch Nikki Lane auf ihrem fünften Album. Nicht damit zu rechnen war, dass sie sich dazu Joshua Homme und quasi seine gesamten „Queens Of The Stone Age“-Kollegen als Backing Band und Produzenten geholt hat. Außerdem sorgen die Schlagzeuger Matt Helders von den Arctic Monkeys und Carla Azar von der gefeierten Post-Punk-Band Autolux für ordentlich Druck.

Die prügeln die Country-Wurzeln zu Gunsten eines fetten Rock’n’Roll-Stils weg, Lane leistet selten wie etwa auf „Faded“ Widerstand, dann aber vehement mit Pedal-Steel-Spieler Matthew Pynn (Dwight Yoakum, Miley Cyrus) und einer Träne im Knopfloch. „Denim & Diamonds“ (New West Rec) ist die Scheibe betitelt und selbst auf dem Cover hat die „Highway Queen“ den Cowboyhut schon gegen etwas Schickeres eingetauscht.

Mädels gegen gesellschaftlichen Bullshit

Wir bleiben beim Road-Trip und fahren dafür nach Wien. Die dort ansässigen Dives, namentlich Dora de Goederen, Viktoria Kirner und Tamara Leichtfried könnten zu Österreichs Antwort auf Wet Leg werden. Leichtfüßiger, beschwingter Indie-Pop mit mehrstimmigem Gesang, schrammligen Gitarren aus der Garage, Mitsing-Hooks von Venice Beach, bitterzarter Melodien und einem Hang zur Nostalgie bestimmen das Bild auf „Wanna Take You There“ (Cargo).

Dabei singen die Mädels gegen gesellschaftlichen Bullshit, gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung und Menschlichkeit an. Klug und zugänglich, tanzbar und zeitlos.

Singer-Songwriter in zehn Kapiteln

Zeitlos kommt auch der Neuseeländer Richie Setford rüber. Tanzbarkeit steht jedoch nicht im Fokus des Singer/Songwriters, der sich gerne mit M.Ward oder Mark Oliver Everett vergleicht – obgleich man auch hier ein dezentes Bein schwingen könnte. „Curious Growth“ (Native Tongue Publishing) zeigt den Wahlberliner angespült an den Ufern einer Beziehung, einer tiefen emotionalen Spaltung ausgesetzt. Wie gelingt es in solch einer bodenlosen Situation, das Selbst neu zu identifizieren und lieben zu lernen? Was kann gerettet und gepflegt werden? Wie findet man neue Energie, um sich durch die notwendigen Gänge des täglichen Lebens zubewegen?

Dies sind einige der Fragen, die sich wie Ströme durch die Songs ziehen. Würde man dieser Sammlung von Songs eine narrative Struktur geben, eine Geschichte in 10 Kapiteln, würden die Inhaltsangabe in etwa so lauten: Eine Beziehung wird wiederbelebt; eine Beziehung zerbricht; eine Beziehung endet; Depression; Entschlackung; neues Licht; eine psychologische Bewertung; eine Rückkehr zum normalen Denken; eine Lebensbejahung; Freude an anderen oder eine Feier der Zweisamkeit. Kommt bekannt vor, ist es auch, aber das ist halt das bevorzugte Sujet des Singer/Songwriter-Tums und Mr. Setford macht seine Sache dabei wirklich vorzüglich.

Cooles Cocktailparty-Album

Zehn Alben lang hat sich Bibio mutig zwischen Electronica, Ambient, Folk, Pop, Indie, Funk & Soul bewegt. Nach Ribbons (2019) mit seinem Psych-Folk-Vibe verwendet er für sein zehntes Studioalbum, „Bib 10“ (Warp) mehr Synthesizer, Drumcomputer und E-Gitarren. Das Ergebnis ist ein Werk voller Grooves aus Hypno-Looping-Gitarren-Licks, lebhaften Funk-Beats, seidiger Disco, strukturierten Soul-Explorationen und Yacht-Pop, reichhaltig, tief, resonant und warm.

Basierend auf Vintage-Gitarren als Grundstruktur fängt BIB10 die Essenz seiner bisherigen Reise ein, während klare klangliche Merkmale und Stile den Meilenstein in vielerlei Hinsicht zu einem coolen Cocktailparty-Album voller Spaß und Verspieltheit machen.

Brunftige Gospel-Chöre

Das passende Gegenstück zum flirrenden, etwas unterkühlten Party-Sound von Bibio sind Gunner & Smith aus Sakatoon in der kanadischen Provinz Saskatchewan gelegen. Das ist zwar nicht wirklich ein Kaff, rurale Bärte trägt man aber auch dort zu grobschlächtigen Holzfällerhemden und der obligatorischen Baseball-Kappe. Geoff Smith hat aber gar nicht in der Heimat aufgenommen, sondern ist mit seinem Tross gegen Nashville gereist. Den Country hat er dabei eher links liegen, brunftige Gospel-Chöre dafür reingelassen.

Das Album basiert auf dem Grundgerüst der Rhythmusgruppe um Dave Raccine am Schlagzeug und Jack Lawerence (The Greenhornes, The Raconteurs) am Bass, kombiniert mit den Klangschichten von Gitarren, Dobro, Pedal Steel und Fiddle des Multi-Instrumentalisten John James Tourville (The Deslondes) sowie Mellotron, Orgel und Klavier von Peter Keys (Lynyrd Skynyrd). Im Zusammenspiel mit dem dunklen, warmen Bariton Smiths, der eigentlich besser zu Seemannsliedern passen würde, und seinen Geschichten zu den Themen Zweifel, Vertrauen, Glaube, Reflexion gelingen auf „Hear You In My Heart“ (Devil Duck) zehn dichte Lieder im weiten Feld des Americana.

Schobers unglaubliches Lexikon hochtrabender
Rock-Pop-Punk-Begriffe

Art-Pop: Hat seine Ursprünge nicht etwa im dritten Studioalbum von Lady Gaga. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Kunst und Popmusik verschwimmen, und John Lennon, Syd Barrett, Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry beginnen, sich von ihrem früheren Kunstschulstudium inspirieren zu lassen, ist eine Ausprägung des Art-Pop geboren. In den USA wird er von Bob Dylan und der Beat Generation beeinflusst und durch die Singer-Songwriter-Bewegung auch literarisch überformt. Die psychedelische Bewegung der 1960er Jahre bringt Kunst und Kommerz zusammen und stellt die Frage, was es bedeutet, Künstler in einem Massenmedium zu sein. In den frühen 1970er Jahre wird Progressive/Art Rock der kommerziell erfolgreichste Sound Großbritanniens.

Bossa Nova: Stilrichtung in der brasilianischen Musik und ein Tanzstil. Ursprünglich der Name einer Bewegung, die in den späten 1950er Jahren in Brasilien entstand. Als Geburtsort gilt Beco das Garrafas an der Copacabana. In einem sehr modernen gesellschaftlichen Klima wurde in der gebildeten Mittelschicht mit neuen Formen und Ausdrucksweisen in Musik und Film experimentiert. Als erster Bossa-Nova-Song gilt Chega de Saudade, geschrieben von Antônio Carlos Jobim (Musik) und Vinícius de Moraes (Text) und bekannt geworden in der Interpretation von João Gilberto (Single 1958 und anschließend gleichnamiges Album). Den weltweiten Durchbruch erzielte die Musik mit der Verfilmung Orfeu Negro von Marcel Camus (1958-59). Die Orpheus-Sage findet dort vor dem Hintergrund des brasilianischen Karnevals statt. Im Soundtrack kontrastiert eine Mischung aus schnellen Sambarhythmen neben sparsam arrangierten Gitarrenstücken von Luiz Bonfá und Antônio Carlos Jobim.

Call and Response: Ein musikalisches Muster, das auf dem Ruf (Call) eines Vorsängers und der darauf folgenden Antwort (Response) des Chors basiert. Dieses kurzphasige Responsorium gilt in weiten Teilen der musikwissenschaftlichen Literatur als ein charakteristisches musikalisches Merkmal traditioneller afrikanischer Musik und gehört zudem „als formbildendes Prinzip zu den elementaren Gestaltungsmitteln afro-amerikanischer Musik.“ Dieses Prinzip wurde in Nord- und Lateinamerika in verschiedenen afroamerikanischen Musikgenres von der vokalen auf die Instrumentalmusik übertragen, etwa auf Trommeln in der brasilianischen Musik.

DIY-Szene: Do it yourself, abgekürzt DIY, ist eine Phrase aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Mach es selbst. Im musischen Sinn versteht man darunter das Konzept eines Sets von ästhetisch-ethischen Grundsätzen alternativer Musik.

Dub-Reggae: Ursprüngliche Reggae-Songs werden als Rohmaterial verwendet und mit Effekten versehen neu abgemischt. Eine Machart, die bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auf Jamaika entstand. Erlebt eine Wiedergeburt im Bereich elektronischer Tanzmusik.

Elektro-Boogie: Auch Electric Boogaloo, nicht zu verwechseln mit Onkel Martins Boogie-Woogie auf der Hammond-Orgel, ist eine um 1975 in Fresno (Kalifornien) entwickelte Tanzrichtung, die unabhängig in New York Blüten treibt und ein Element des Funk und des Streetdance ist. Die Old School des Hip-Hop-Tanzes, wird auf Robot reduziert, weil das Imitieren eines Roboters Teil der Performance ist. Eng verwandt ist der Electric Boogie mit Popping, weist aber auch signifikante eigene Bewegungen auf, wie etwa die Illusion von Wellen, die durch den Körper fließen (was häufig mit Popping gemischt wurde, um den „Electric Boogaloo“-Effekt zu verstärken).

Garagen-Psychedelic: Unterabteilung des Garage-Rock, Garage Punk oder Sixties Punk. Mit den letzteren wird ein nachträglicher Bezug zum Punkrock der 1970er Jahre hergestellt. Weitere alternative Bezeichnungen sind Freakbeat für überwiegend britische Bands sowie Acid Rock für die psychedelische Phase.

Garagen-Trash: Sind keineswegs die alten, verrosteten Benzinkanister, die im Zeitalter der E-Mobilität überflüssig sind, und die vergessenen Reste von Entfroster fürs Kühlwasser, also das Sammelsurium, das so in der Garage rumliegt, sondern ein Musikstil abgefuckter Punks, die keinen besseren Übungsraum als die Garage des Redneck-Dads am Stadtrand von Sydney finden, wo sich beispielsweise die Hard-Ons gründeten. The Trashwomen aus San Francisco beweisen, dass auch Frauen zu infernalischen Punk-Kakophonien in der Lage sind.

Glam-Rock: Ein weiteres Subgenre der Rockmusik, bei der sowohl die Musik als auch der Bühnenauftritt sehr opulent ausfallen. Glam Rock ist Anfang der 1970er Jahre besonders in Great Britain sehr populär – als Kontrapunkt zum Artrock von Pink Floyd, King Crimson, Yes oder Genesis. Erlebt in den 1980ern als Glam Metal eine Renaissance.

Grunge: Rockmusik-Genre und Subkultur, die klingt, wie sie heißt – zu deutsch „Schmuddel“, „Dreck“. Hervorgebracht durch die US-Undergroundbewegung in den 1990er-Jahren. Grunge, auch als Seattle-Sound, wird als Vermischung von Punkrock, Underground-Garagenrock und Hardrock beschrieben. Die frühe Grunge-Bewegung drehte sich um Seattles unabhängiges Plattenlabel Sub Pop und die Underground-Musikszene der Region.

Post-Punk: Taucht erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin Sounds auf, um die schrägen Töne von Siouxsie and the Banshees zu beschreiben. 1980 beschreibt der Kritiker Greil Marcus in einem Rolling-Stone-Artikel Bands wie Gang of FourThe Raincoats oder Essential Logic als „britische Postpunk Pop-Avantgarde“. Post-Punk gilt als experimentierfreudig und bunte Mischung aus Krautrock, des Dub, Disco und elektronischer Musik.

Proto-Punk: Adelstitel für die Wegbereiter des Punk und Erfinder minimalistischer Gitarren-Riffs wie The Velvet UndergroundMC5The DictatorsThe Stooges, die New York DollsThe MonksMott the Hoople oder The Sonics – bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.

Sleaze-Rock: „Sleazy“ heißt so viel wie „schäbig“ assoziiert auch mit Abschaum. Sleaze Rock leitet sich vom Image der Sleaze-Rock-Bands ab, die eine rebellische Underdog-Mentalität pflegen und sich mit Tätowierungen, abgerissenen Lederjacken, zerrissenen Jeans und Netzhemden vom Glam Metal abgrenzen. Dem Sleazerock wird vorgeworfen, altes Bier in neuen Fässern zu sein. Bands wie Guns N’ Roses, L.A. Guns oder Faster Pussycat vermischen Hardrock mit Elementen des Bluesrock, Metal, Garage Rock und Punkrock.

Wave: Kurzwort für New Wave, eine Dachbezeichnung für mehrere, mit der New Wave zusammenhängende Teilgebiete der Musik, die bspw. als Cold Wave, Dark Wave, Doom Wave, Electro Wave, Ethereal Wave und Gothic Wave bezeichnet werden. Seit der zweiten Hälfte der 1980er wird von der Musikpresse der Ausdruck „Post-Wave“ genutzt. Dieser bezeichnet das musikalische Output und die kulturellen Neuerungen nach dem Ausklingen der Wave-Ära. Da sich die Wave-Bewegung allerdings in verschiedene Strömungen und chronologisch voneinander abweichende Etappen gliedert (z. B. New Wave, Electro Wave, Cold Wave und Neue Deutsche Welle), erweist es sich häufig als schwierig, Post-Wave zeitlich zu erfassen. Grob umrissen wird dabei jedoch die Zeit ab den späten 1980ern mit dem Aufleben von Musikrichtungen wie Madchester, Shoegazing, Acid House, Techno, Grunge oder Britpop in Europa.

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