Schobers Rock Kolumne: Starke Frauen geben dieses Mal den Ton an

Nordoberpfalz. In dieser Kolumne des Konzertveranstalters Hubert Schober geben starke Frauen den Ton an, da kann nur Connor O`Brian mithalten.

Schobers Rock Kolumne:
Collage: Hubert Schober

Es war einmal, im Alten Bahnhof zu Schwarzenbach …

Es ist schon komisch. Da hört man sich das neue Album von Jane Weaver an und trifft auf einen alten „Bekannten“. John Parish, ihr Produzent, gastierte Anfang der 90er im Alten Bahnhof in Schwarzenbach, damals betrieben von der Familie Lepiors, die jetzt in der „Kleinen Freiheit“ ihre leckeren Pizzas anbieten. Die Band hieß Automatic Dlamini, ihre Sängerin PJ Harvey. Kannte damals natürlich noch kein Schwein, dementsprechend schwach war der Besuch des ansonsten grandiosen Konzerts. Die Harvey machte große Karriere als Solistin, Parish als Produzent auch für andere Acts wie Tracy Chapman, die Eels, Sparklehorse oder Aldous Harding. Aber zurück zu Weavers Album, „Love In Constant Spectacle” (Cargo).

Das flott-poppige “Perfect Storm” führt zunächst einmal auf die falsche Fährte, denn insgesamt geht es doch eher folkig und betulich zu. In „The Axis And The Seeds“ trifft ein zwingender Bass-Beat auf eine noch glockenklarere Stimme als gewöhnlich, massiver Hall tun sein Übriges. „Is Metal“ geht eher als Indie-Rocker, denn als Folk-Pretiose durch, das Jazz-Schlagzeug in „Happiness in Promximity“ sorgt für ordentlich Drive und am Ende wird es in „Family Of The Sun“ mit Wummer-Orgel und stoischem Maureen Tucker-Schlagzeug noch richtig psychedelisch. Hoffentlich wird diesem Album mehr Aufmerksamkeit zuteil als einst dem Konzert in der Oberpfalz.

Die Sechziger, sie leben hoch!

Über diese können sich die Gebrüder Brian und Michael D’Addario, besser bekannt als die Lemon Twigs, seit ihrem Debüt nicht beschweren. Deren Melodien sind so von den Sixties beseelt, dass das Duo glatt als Best Of-Tribute-Band durchgehen könnte. Ob es nun die Zombies oder die Monkees sind, meist eifert man den Beatles und Beach Boys nach und schwelgt im nostalgischen Melodien-Rausch, als gebe keinerlei Modernismen. Vintage as vintage can, nur dass diese Aufnahmen natürlich glasklar auf Vinyl gebannt wurden. Und wie Nachlassverwalter klingen diese Burschen auch nicht, sie lassen sich einfach zu 100 Prozent vom Sound der damaligen Zeit leiten und inspirieren und bauen auf „A Dream Is All We Know“ (Cargo) daraus neue, alte, große Lieder.

Bitte dieses Album nur auf der Couch hören

Die Lieder des Iren Connor O`Brian aka Villagers sind da nicht ganz so groß. Es sind eher filigrane Andeutungen, Pretiosen, Lieder, wie sie vielleicht die Feen und Glasmänner in Cornelia Funkes wundersamen Wunderwelten schreiben würden. Zuletzt, auf seinem bis dato bestem Album, „Fever Dreams“ (man kann, ja muss es sich schon alleine wegen des tollen Artworks kaufen!) wurde der Mann konkreter und komponierte wundervolle, üppige Pop-Songs.

Jetzt auf dem Nachfolger, „That Golden Time“ Domino) igelt er sich wieder ein Stückweit ein, wird minimalistischer, dunkler, melancholischer, baut auf seine zarte, leicht brüchige Stimme, die Akustikgitarre oder das Klavier. Klar kommen auch Streicher und Bläser vor, nur nehmen diese eine Nebenrolle ein. Zum Auftakt gibt sogar ein Computer den Takt vor, später wird das Schlagwerk mit dem Besen gestreichelt, das Tempo bleibt durchgängig verhalten und sprengt nie den Balladenrahmen, nicht einmal die spärlichen Elektronikfetzen und Field Recordings stören das Gesamtbild. Ein Art-Folk-Album nahe am Stillstand, so schön wie unaufregend.

Alles Schweizer Käse oder was?

Der Schweizer Singer/Songwriter Tobias Jensen reißt einen zwar mit seinem Debüt, „What Needs to Be Said“ (PIAS) auch nicht gerade aus dieser gemütlich eingerichteten Lethargie, er geht aber doch deutlich flotter zu Werk, wir wagen gar den Begriff „Pop“ in den Mund zu nehmen. Das wird untermauert, wurde der Mann doch zum “Best Talent by Swiss National Radio SRF3” gewählt.

Wir merken, da handelt es sich anscheinend um radiotaugliche Lieder und nachdem ja auch Jack Bugg oder Ed Sheeran mit dieser „ehrlichen“ Mischung aus Folk, Pop und zeitgemäßer Elektronik massive Erfolge feiern, könnte es dem Eidgenossen auch gelingen. Es wildern halt nur inzwischen verdammt viele in diesem Everybody’s Pop-Darling-Wäldchen und ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal mag ich hier nicht erkennen. Sicherlich können sich aber alle Schwiegermütter auf den Jungspund verständigen und das eine oder andere Mädchenherz wird er auch verzaubern.

Ein Hörerlebnis der besonderen Art

So, jetzt muss was Handfestes her. Da trifft es sich gut, dass Annie Clark, besser bekannt als St. Vincent, mal wieder eine Platte veröffentlicht hat. „All Born Screaming“ (Virgin) heißt das „Monster“, denn was hier geboten wird, ist richtig gewaltig, ja gewalttätig. „Wenn man mit einem Schrei zur Welt kommt, ist das doch ein gutes Zeichen, schließlich bedeutet es, dass man atmet. Dass man lebt. Mein Gott! Pure Freude… aber eben auch ein Protest. Wir alle kommen gewissermaßen protestierend auf die Welt. Es ist grausam, am Leben zu sein. Und es ist eine unfassbare Freude, am Leben zu sein. Es ist alles zugleich.“, sagt die Künstlerin zum Albumtitel und fügt noch an, “Mit meiner neuen Platte, will ich die Leute richtig fertigmachen.”

Das kann gelingen, wenn dieses „Fertigmachen“ auch wunderbar masochistische Gelüste auslösen kann. Man höre sich nur den brachialen Funk-Bass in „Big Time Nothing an“ oder das gefährlich süßliche, Bläser-gestärkte Gesäusel in „Violent Times“, das perfekt zu einem neuen James Bond Streifen passen würde. Andernorts peitschen Industrial-Gitarren durch diese ansonsten so fragilen Art-Pop-Songs. Produziert hat sie diesen köstlichen Wahnsinn selbst, mit im Studio saßen u.a. Dave Grohl, Stella Mozgawa von Warpaint und Cate Le Bon.

From Hamburg with love

Nach so viel verstörendem Kunstgenuss muss diese Ausgabe einfach mit etwas Herzschmerz und ruhigeren Tönen ausklingen. Fee-Pauline Van Deelen spielt Fußball in Hamburg, lässt man die Pauline Weg, landet man ebenfalls in der Hansestadt, aber eben bei Fee Van Deelen und die schreibt Lieder, spielt dazu ein wenig Gitarre und Synthesizer. Auf dem Titelsong von „Feels“ (Backseat) klingt ihr Synthy-Pop ein wenig nach einer abgespeckten Version von Florence & The Machines, Mazzy Star oder der Bedroom-Pop von Beach House kommen einem auch in den Sinn, „Else“ könnte dafür fast schon eine Variation eines Ed Sheeran-Songs sein. Eine reife Leistung für ein im Heimstudio zusammengebasteltes Album. Chapeau!

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