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Schobers Rock-Kolumne: Von bösen Engeln und psychedelischen Träumern

Parkstein. Er hat sie alle geholt: Konzertveranstalter Hubert Schober brachte Rio Reiser oder Manfred Man nach Weiden. Der gelernte Sozialpädagoge veranstaltete international erfolgreiche Shows wie die Circus-Produktion Mother Africa. Für OberpfalzECHO rezensiert er musikalische Neuerscheinungen und Evergreens.

Schobers Welt: Verträumtes Dream Syndicate meets Jon Spencer. Bilder: Schober

Der böse Engel Jon Spencer war einst mit seiner Blues Explosion, Boss Hog, Pussy Galore oder Heavy Trash unterwegs und dabei keineswegs freundlich gestimmt. Jetzt heißt die Kapelle The HITmakers und die legt mit „Spencer Gets It Lit“ (Rough Trade) einen diabolischen Mix auf.

Spencer rhapsodiert seine seltsamen Geschichten über Elektro-Boogie, konstruktivistischem Art-Pop, Industrial-Sleaze, fetten Beats, Brutalo-Blues, Fuzz-Gitarren, Psycho-Punk, Weltraum-Endzeit-Country-Funk, Garagen-Trash und schrägem Rock’n’Roll. Das tut irgendwie richtig wohlig weh, bei all dem Wohlklang, der einem sonst im Fahrstuhl begegnet.

Velvet Horse im Crazy Underground

Deutlich versöhnlicher kommt da schon das The Dream Syndicate daher, aber die führen das Somnambule ja bereits im Namen. Eine Indie-Rock-Institution in den 80ern, haben die Gründungsmitglieder Steve Wynn und Dennis Duck Chris Cacavas von Green On Red auch noch ein paar andere Recken in die Band geholt.

So frönen sie weiterhin im Spannungsfeld von Velvet Underground und Crazy Horse ihrer ganz eigenen Version eines psychedelischen Americana. „Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions“ (Cargo) heißt die neue Platte, die sich nahtlos an die großen Werke dieser alten Haudegen anschließt.

Pinkfarbene Delphine

Was ein Anteloper genau ist, bleiben uns Jaimie Branch und Jason Nazary schuldig. Ein „Pink Dolphin“ (International Anthem), so der Titel des aktuellen Albums, indes ist eines jener seltsamen Wesen aus Südamerika, das sich sowohl im Salz- als auch im Süßwasser tummelt – und ein wenig an den Stil-Mix des Duos heranführen möchte. Der vereint die Kraft des Punks mit der experimentellen Spielfreude des Jazz.

Anteloper legen dazu noch eine Schippe Psychedelika oder auch Blues mit drauf. Jugendzentrumskonzertgänger aus den späten 90ern mag der Verweis auf das grandiose Konzert von Universal Congress Of aus New York als Richtschnur dienen. Wer damals vielleicht verhindert war, dem könnten Namen wie Sun Ra, Miles Davis, Mouse on Mars, J Dilla und spätere Einflüsse wie Moor Mother, Harriet Tubman und Sam Newsome eine Annäherung erleichtern. Hier ist einfach alles Klang

Swingender Reggae-Pop

Und auch dieser Plattentitel verweist auf den Inhalt: Nichts ist leichter, als eine „Happy Hour“ (Cargo) mit der Sängerin Holly Cook und ihrer Band zu genießen. Die Dame war – man glaubt es kaum – in ihrer Jugend mit den Slits-Mädels unterwegs und das waren ja bekanntlich richtige Rabauken.

Jetzt hält sie sich jedenfalls lieber an einen locker swingenden Reggae-Pop, erinnert gesanglich dabei ein wenig an die Morcheeba-Frontfrau Skye Edwards.

Meister akustischer Klänge

Apropos Reggae: „Reggae Film Star“ (Bertus) hat unser liebster Singer/Songwriter aus Seattle, der herzallerliebste Damien Jurado sein 18. Album betitelt. Warum, das bleibt indes nebulös, denn der Leisetreter spielt auch weiterhin auf der breiten Klaviatur des Americana, wobei er ganz kess auch mal Bossa-Nova- und Rumba-Sequenzen wie etwa in „Meeting Eddie Smith“ mit einbaut.

Die zwölf neuen Songs sind wunderschön mystische, auditiv cineastisch und zeichnen sich durch reichhaltige und vielfältige Klangtexturen aus. Jurado zelebriert die leisen Töne auf ganz hohem Niveau, zeigt sich als Meister der akustischen Klänge und schafft damit ein weiteres kleines Meisterwerk.

Ein(e) Mister Lady aus Norwegen

Mystisch oder besser ätherisch bis elegisch zelebriert auch ein Mr. Little Jeans seine Songs. Dabei handelt es sich hier nicht um einen Mann, die Norwegerin Monica Birkenes hat diesen Gender-technisch offenen Moniker für sich gewählt und hofft auf „Better Days“ (Nettwerk). Wann die jedoch kommen werden ist offen, denn zunächst kappte ja die Pandemie das musikalische Geschäft. Und der Irre aus Moskau verbunden mit einer hohen Inflation macht das (erfolgreiche) Musizieren aktuell auch nicht gerade einfach.

Drum-Computer, fette Synthi-Bässe, ein breites, digitales Tasteninstrumentarium fabrizieren leicht unterkühlte Melodien, die durch die warme, sanfte Stimme der Protagonistin etwas gewärmt werden. Gitarren – glaube ich – kommen bei diesem Electro-Pop nicht vor. Dystopie mit Kuscheldecke. Mehr von Schobers Rock-Kolumne: Klick mich an!

Schobers unglaubliches Lexikon hochtrabender Rock-Pop-Punk-Begriffe

Americana: Während sich die Country-Musik zunehmend dem Pop und dem Rock zuwendet, finden traditionelle Künstler im noch jungen Genre Americana ihre musikalische Heimat. Die rustikale Stilrichtung stößt auch in Deutschland auf wachsenden Zuspruch – – ein musikalisches Auffangbecken, nicht nur für traditionelle Country-Musiker. „Folk-, Rock’n’Roll-, Blues- und Rhythm&Blues-Musiker finden im Americana ihre Heimat“, sagt Jed Hilly, Chef der 1999 gegründeten Americana Music Association (AMA).

Art-Pop: Hat seine Ursprünge nicht etwa im dritten Studioalbum von Lady Gaga. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grenzen zwischen Kunst und Popmusik verschwimmen, und John Lennon, Syd Barrett, Pete Townshend, Brian Eno und Bryan Ferry beginnen, sich von ihrem früheren Kunstschulstudium inspirieren zu lassen, ist eine Ausprägung des Art-Pop geboren. In den USA wird er von Bob Dylan und der Beat Generation beeinflusst und durch die Singer-Songwriter-Bewegung auch literarisch überformt. Die psychedelische Bewegung der 1960er Jahre bringt Kunst und Kommerz zusammen und stellt die Frage, was es bedeutet, Künstler in einem Massenmedium zu sein. In den frühen 1970er Jahre wird Progressive/Art Rock der kommerziell erfolgreichste Sound Großbritanniens.

Brutalo-Blues: Stilprägend könnte man das dritte Studioalbum des finnischen Duos Black Magic Six anführen, „Brutal Blues“. Bereits nach dem ersten Durchlauf wird klar, warum die Finnen ihre Musik selbst als „Trash-Blues-Punk“ bezeichnen: in den elf Songs dominieren rotzige Gitarrenriffs, scherbelnde Drums und viel Gegröle, garniert wird das ganz noch mit einer dezenten Oldschool-Attitüde.

Dub-Reggae: Ursprüngliche Reggae-Songs werden als Rohmaterial verwendet und mit Effekten versehen neu abgemischt. Eine Machart, die bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren auf Jamaika entstand. Erlebt eine Wiedergeburt im Bereich elektronischer Tanzmusik.

Dystopie: Anti-Utopie und Mätopie, wird in der Literatur das Gegenstück der positiven Utopie (vgl. Eutopie) bezeichnet.

Elektro-Boogie: Auch Electric Boogaloo, nicht zu verwechseln mit Onkel Martins Boogie-Woogie auf der Hammond-Orgel, ist eine um 1975 in Fresno (Kalifornien) entwickelte Tanzrichtung, die unabhängig in New York Blüten treibt und ein Element des Funk und des Streetdance ist. Die Old School des Hip-Hop-Tanzes, wird auf Robot reduziert, weil das Imitieren eines Roboters Teil der Performance ist. Eng verwandt ist der Electric Boogie mit Popping, weist aber auch signifikante eigene Bewegungen auf, wie etwa die Illusion von Wellen, die durch den Körper fließen (was häufig mit Popping gemischt wurde, um den „Electric Boogaloo“-Effekt zu verstärken).

Fuzz-Gitarren: Eine Fuzzbox ist ein in der Musikproduktion verwendetes Effektgerät, meist zur Veränderung des Klanges einer E-Gitarre benutzt.

Garagen-Psychedelic: Unterabteilung des Garage-Rock, Garage Punk oder Sixties Punk. Mit den letzteren wird ein nachträglicher Bezug zum Punkrock der 1970er Jahre hergestellt. Weitere alternative Bezeichnungen sind Freakbeat für überwiegend britische Bands sowie Acid Rock für die psychedelische Phase.

Garagen-Trash: Sind keineswegs die alten, verrosteten Benzinkanister, die im Zeitalter der E-Mobilität überflüssig sind, und die vergessenen Reste von Entfroster fürs Kühlwasser, also das Sammelsurium, das so in der Garage rumliegt, sondern ein Musikstil abgefuckter Punks, die keinen besseren Übungsraum als die Garage des Redneck-Dads am Stadtrand von Sydney finden, wo sich beispielsweise die Hard-Ons gründeten. The Trashwomen aus San Francisco beweisen, dass auch Frauen zu infernalischen Punk-Kakophonien in der Lage sind.

Glam-Rock: Ein weiteres Subgenre der Rockmusik, bei der sowohl die Musik als auch der Bühnenauftritt sehr opulent ausfallen. Glam Rock ist Anfang der 1970er Jahre besonders in Great Britain sehr populär – als Kontrapunkt zum Artrock von Pink Floyd, King Crimson, Yes oder Genesis. Erlebt in den 1980ern als Glam Metal eine Renaissance.

Grunge: Rockmusik-Genre und Subkultur, die klingt, wie sie heißt – zu deutsch „Schmuddel“, „Dreck“. Hervorgebracht durch die US-Undergroundbewegung in den 1990er-Jahren. Grunge, auch als Seattle-Sound, wird als Vermischung von Punkrock, Underground-Garagenrock und Hardrock beschrieben. Die frühe Grunge-Bewegung drehte sich um Seattles unabhängiges Plattenlabel Sub Pop und die Underground-Musikszene der Region.

Post-Punk: Taucht erstmals 1977 in dem britischen Musikmagazin Sounds auf, um die schrägen Töne von Siouxsie and the Banshees zu beschreiben. 1980 beschreibt der Kritiker Greil Marcus in einem Rolling-Stone-Artikel Bands wie Gang of FourThe Raincoats oder Essential Logic als „britische Postpunk Pop-Avantgarde“. Post-Punk gilt als experimentierfreudig und bunte Mischung aus Krautrock, des Dub, Disco und elektronischer Musik.

Proto-Punk: Adelstitel für die Wegbereiter des Punk und Erfinder minimalistischer Gitarren-Riffs wie The Velvet UndergroundMC5The DictatorsThe Stooges, die New York DollsThe MonksMott the Hoople oder The Sonics – bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre.

Psycho-Punk: Psychobilly ist eine Musikrichtung, die zu Beginn der 1980er Jahre in England als Reaktion auf die Rockabilly-Welle entstand. Psychobilly vermischt dabei Rhythmik und Melodik des Rockabilly mit der Aggressivität und Energie der Punkmusik.

Sleaze-Rock: „Sleazy“ heißt so viel wie „schäbig“ assoziiert auch mit Abschaum. Sleaze Rock leitet sich vom Image der Sleaze-Rock-Bands ab, die eine rebellische Underdog-Mentalität pflegen und sich mit Tätowierungen, abgerissenen Lederjacken, zerrissenen Jeans und Netzhemdenvom Glam Metal abgrenzen. Dem Sleazerock, auch Industrial-Sleaze, wird vorgeworfen, altes Bier in neuen Fässern zu sein. Bands wie Guns N’ Roses, L.A. Guns oder Faster Pussycat vermischen Hardrock mit Elementen des Bluesrock, Metal, Garage Rock und Punkrock.

Weltraum-Endzeit-Country-Funk: Country Funk 1969–1975 hieß ein Sampler-Album, das am 24. Juli 2012 von Light in the Attic Records veröffentlicht wurde. Die Zusammenstellung repräsentiert eine Auswahl aus einem obskuren Ableger der Country- und Funk-Musik, die als „Country Funk“ bezeichnet wird. Das ganze stelle man sich dann noch in Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum vor und schon hat man die dazu passende Weltraum-Endzeitstimmung.

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