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„True Crime“ im 18. Jahrhundert: Folter, Galgen, Köpfstätten drohten Räubern wie Franz Troglauer

Vilseck. Stürmische Ausstellungseröffnung zu den Burgfestspielen Vilseck: Troglauer-Biograph Bernhard Weigl schildert im Burgturm von Vilseck die Methoden der Justiz des 18. Und frühen 19. Jahrhunderts. Original-Exponate, Repliken und Modelle lassen erahnen, wie sich der Räuberhauptmann aus Mantel hier gefühlt haben muss.

Troglauer-Biograph Bernhard Weigl und eine in zeitgemäßer Mode gekleidete Puppe,, die als Räuberhauptmann Franz Troglauer im „Bärenloch“ kauert. Bild: Jürgen Herda

„Auch wenn es draußen stürmt“, eröffnet Vilsecks Bürgermeister Hans-Martin Schertl die Begleitausstellung zu den Burgfestspielen, „vielleicht waren die Zeiten damals auch so stürmisch.“ Eine Ausstellung über einen „Oberpfälzer Straftäter“: „Wir dürfen stolz drauf sein, dass der Troglauer ein Oberpfälzer war.“

Troglauer-Biograph Bernhard Weigl habe die Ausstellung mit Exponaten aus seinem Besitz zur Verfügung gestellt. „Es heißt im Ausstellungskatalog nicht umsonst, ,Sehn wir Galg und Räder stehen‘,“ macht Schertl deutlich. Eine Ausstellung zur furchtbaren Gerichtsbarkeit jener Zeit eben.

Zelle extra für „den gefährlichen Mann“

„Diese Tafeln der Ausstellung sind 2008 im Freilandmuseum Neusath-Perschen verwendet worden“, sagt Bernhard Weigl, „aber ganz andere Ausstellungsgegenstände.“ Hier abgestimmt auf den Fokus der Stadt Vilseck. „Franz Troglauer war 1796 sechs Monate hier in dieser Burg inhaftiert“, erklärt der Heimathistoriker, „ganz genau wo, wissen wir nicht.“ Es könnte hier im „Bärenloch“ gewesen sein, aber auch in anderen Räumen in der Burg.

„Man hat extra eine Zelle neu hergerichtet, damit dieser gefährliche Mann nicht wieder entkommen kann“, beschreibt Weigl die damalige Gefährderlage. „Man hat ihm den Prozess gemacht.“ Die Prozessakten seien aber leider verloren gegangen. „Die Degen der Ausstellungen sind alles Originale, die Pistolen sind Repliken.“ Wenn Troglauer am Prager stand, müsse man sich das so vorstellen: „Da war eine weiße Tafel mit schwarzer Schrift davor, mit der Aufschrift ,berüchtigter Dieb‘.“

Ausstellungsmodell einer aufwändigen Hinrichtungsarchitektur. Bild: Jürgen Herda

Eine „peinliche“ Justiz

Vom berüchtigten Oberpfälzer Räuberboss sind keine Originalgegenstände erhalten: „Vom Schinderhannes etwa gibt’s noch Flinte, Jagdmesser und Hut“; bedauert Weigl die Datenlage. Die 25 Tafeln beschreiben detailliert die Methoden der Gerichtsbarkeit des späten 18. Jahrhunderts, Die Ausstellung zeigt vor allem die Rahmenbedingungen, unter denen die Troglauersche Räuberbande ihr Unwesen trieb.

Dafür entsteht hier ein Eindruck davon, was es bedeutete, wenn jemand aufgehängt wurde: „Welche kulturelle Errungenschaft das war, die ,peinliche Befragung‘ abzuschaffen, abgeleitet von Pein, dem Schmerz, nach der Vorstellung irgendwann sagt er schon die Wahrheit.“ Preußen habe diese brutale Praxis 1740, Bayern sogar erst 1806 beendet.

Kopf ab oder Galgen

Es habe mehrere Hinrichtungsarten gegeben, aber Galgen und Köpfstätten waren die verbreitetsten. „Solche Kopfstätten standen meist vorm Stadttor“, erklärt Weigl, „wenn jemand geköpft wurde, wurden die nicht begraben, die wurden dann anschließend auch zum Galgen gebracht.“ In der Ausstellung ist das Modell einer solchen Köpfstätte zu sehen: „Damit man sich einmal vorstellen kann, welchen Aufwand die betrieben hatten für solche Bauten.“

Man dürfe aber nicht meinen, dass da jede Woche einer hingerichtet worden sei: „Auch in einer Stadt wie Regensburg war da mal oft jahrelang gar nichts.“ Vielmehr sei so ein Hinrichtungsgebäude als abschreckendes Fanal zu sehen: „Wenn da einer in die Stadt reinkommt, sieht er, booh, die haben das Recht der hohen Gerichtsbarkeit, und man hat sich in der Freien Reichsstadt Regensburg da auch nicht lumpen lassen und ein großes Gebäude hingestellt.“

Grandiose Turmaussicht mit Kultur- und Tourismusreferentin Adolfine Nitschke (vorne). Bild: Jürgen Herda

Weidens Galgen

Das Köpfen sei schwersten Verbrechen vorbehalten gewesen, einfache Straßenräuber habe man dagegen aufgeknüpft. Auch in Weiden habe es einen Galgen gegeben. „Heute ist das Gelände komplett überbaut.“ Investiert habe man in dessen Sanierung oft erst, wenn er schon ziemlich ruinös gewesen sei. Dann aber habe es offizielle Richtfeste gegeben: „Der Bürgermeister oder der Landrichter hat den persönlich ersten Schlag getan.“

Als wieder einmal der Galgen in Weiden saniert werden sollte, hätten sich die beauftragten Zimmerleute beschwert: „Da hängen ja noch zwei Diebe dran.“ Das habe einen riesigen Schriftverkehr ausgelöst: „Es hat drei Möglichkeiten gegeben.“ Entweder man zwinge die Handwerker zur Arbeit trotz hängender Diebe. Oder man nimmt sie herunter und hängt sie danach wieder auf. Oder man nimmt sie herunter und begräbt sie – wie in diesem Fall. „Aber man sieht, diese Strafe hat über den Tod hinaus gegolten. Ihr hängt’s jetzt da, und alle schauen euch an.“

Franz Troglauer, Rebell oder Krimineller?

Die Frage, die Troglauer-Biograph Bernhard Weigl beschäftigt: „Wie konnte ein derart berüchtigter Räuberhauptmann in seiner Heimat vergessen werden?“ Die naheliegende Antwort: „Kurze Zeit nach seiner Hinrichtung brannte Mantel fast vollständig nieder – die Leute hatten andere Probleme.“

Man kenne heutzutage historische Räuber nur aus Filmen: „Wie den Curd Jürgens als Schinderhannes.“ Das Problem bei vielen: „Alles was wir über Troglauer wissen, geht auf die Beschreibung der Strafverfolger zurück – und die haben ihn natürlich nicht besonders positiv geschildert.“ Insofern bleibt die Frage offen: „Was waren seine Kumpane für Gestalten – Rebellen oder Kriminelle?“ Das Troglauer-Theater-Stück (Premiere 24. Juni) in der Bearbeitung von Bernhard Setzwein könne diesen blinden Fleck künstlerisch ausleuchten.

Sicher dagegen ist: Franz Troglauer wurde 1754 in Mantel als ältester von acht Kindern in eine Weber-Familie hinein geboren. „Einem Artikel von 1795 ist zu entnehmen, dass sein Bruder Wolfgang im Schwäbischen unterwegs war und dort wegen Diebstahls eingesperrt wurde.“ Ein Hinweis darauf, dass nicht nur Franz mit den sozialen Missständen seiner Zeit haderte.

1796 saß Franz Troglauer erstmals im Amberger Gefängnis. Noch nicht allzu lange davor sei die Todesstrafe schon für Kleinstdelikte verhängt worden. „Das war nicht mehr zeitgemäß“, sagt Weigl, „deshalb baute man Zuchthäuser, in Amberg 1785.“ Man darf allerdings davon ausgehen, dass es in diesen nicht sehr zivilisiert zuging. Troglauer war dreimal im Amberger Zuchthaus, entkam immer wieder, und bekam deshalb eine Eisenkugel an sein Fußgelenk geheftet.

Zu sehen in der Ausstellung ist auch das Modell des Landgerichts Parkstein, das Landrichterschloss, indem heute das Vulkanmuseum untergebracht ist: „Troglauer wurde wegen Wilderei zu einem halben Haft Jahr Amberg verurteilt – um die Kosten zu decken, wurden sein Hut, seine Flinte und sein Jagdmesser verkauft.“ Den Diebstahl eines teuren Pferdes im Wert von 100 Gulden bestritt der Räuber – er habe es einem Soldaten abgekauft.

Die Wirksamkeit der Justiz stieß allerdings damals auch an die Grenzen der deutschen Kleinstaaterei. „Da Vilseck zu Bamberg gehört, sieht man dort nicht ein, quasi einen Ausländer als Gefangenen durchzufüttern – man drosch ihn über die Grenze, und dachte, man hätte dann seine Ruhe“, beschreibt Weigl die überschaubare Freude, des jeweiligen Gefängnisstandortes.

In seinem kurzen Leben hatte sich Troglauer verschiedenen Räuberbanden angeschlossen. „Die Große Fränkische Diebes- und Räuberbande mit rund 180 Mitgliedern muss man sich aber eher aufgeteilt in kleine Gruppen mit Rädelsführern vorstellen – einer davon war eben der Franz.“ Aufgeflogen sei dieses Diebeskartell durch Verrat: „Ein Mitglied namens Philipp Schreyer packte gegen Straffreiheit aus.“ Nach mehrfachen Fluchten verdiente sich ein Gerichtsdiener die Belohnung von 100 Gulden für die Ergreifung des Serientäters. Er wurde in die Amberger Feste verfrachtet und 1801 am Galgen hingerichtet.

Karten für die Burgfestspiele

Der Kartenvorverkauf läuft bereits über www.okticket.de und www.nt-ticket.de für die zehn Aufführungen zwischen der Premiere am Freitag, 24. Juni (20 Uhr, Einlass 19 Uhr) und Sonntag, 10. Juli. Weitere Termine: Samstag, 25. Juni; Sonntag, 26. Juni; Freitag, 1. Juli; Samstag, 2. Juli; Sonntag, 3. Juli; Donnerstag, 7. Juli; Freitag, 8. Juli; Samstag, 9. Juli.

Bis 10. Juli kann im Turm der Burg Dagestein außerdem die vom Troglauer Biographen Bernhard Weigl zusammengestellte Sonderausstellung besichtigt werden. Ein besonderer Leckerbissen: die kulinarische Räuber-Führung am 9. Oktober mit der Stadtbühne „Lolamannen“ Vilseck e.V. – weitere Infos: www.vilsecktheater.de – Kontakt: Tourist-Info Vilseck, Marktplatz 13, Telefon (09662) 99 16, kulturamt@vilseck.de

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