Ukraine: Wie hilft die Nordoberpfalz?

Landkreise, Städte und Hilfsorganisationen lassen sich viel einfallen

Neustadt/WN/Tirschenreuth/Weiden. Während gut 1500 Kilometer östlich von uns ein unmenschlicher Krieg tobt, breitet sich in Deutschland eine Welle der Hilfsbereitschaft und des Mitgefühls aus. Auch in der nördlichen Oberpfalz, wo schon viele Aktionen angelaufen sind.

Viele Städte in der Ukraine wie Charkiw im Osten des Landes ähneln nach dem Angriff der Russen einem Trümmerfeld. Foto: Charkiw-Prawda/Volodymyr Kudinov

Die Nachrichten aus der Ukraine werden immer schlimmer. Angriffe auf zivile Ziele, auf Wohnhäuser. Die Großstädte sind zum Teil eingenommen beziehungsweise von russischen Truppen umzingelt. Ein langer Konvoi russischer Truppen bewegt sich zudem auf die Hauptstadt Kiew zu. Es gibt kaum noch Brot, die Menschen stehen in langen Schlangen vor den Supermärkten, an den Bahnhöfen quetschen sich Menschenmassen in die letzten Züge. Familien können einander nicht mehr erreichen; die Nachrichten aus dem Land in Richtung der Verwandten, die im Westen leben, werden spärlicher, bleiben oft ganz aus.

Mehr als eine Million Ukrainer – vor allem Frauen und Kinder – sind mittlerweile in Richtung Westen geflohen. Nach Polen, in die Slowakei, nach Rumänien. Allein in Polen sind inzwischen 500.000 Flüchtende angekommen, in Deutschland waren es Stand Donnerstag knapp 6.000 Ukrainer, hauptsächlich Frauen und Kinder. Eine genaue Angabe ist aber derzeit nicht möglich, weil ukrainische Staatsbürger ohne Visum in die Europäische Union einreisen und sich hier frei bewegen dürfen.

Landkreise und Stadt Weiden helfen

In den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth sowie in der Stadt Weiden wird fieberhaft an Hilfsmaßnahmen gearbeitet. Aktuell ist man gerade dabei, in Neustadt/WN eine zentrale Erstunterkunft mit rund 100 Plätzen zu schaffen. Und der Landkreis Neustadt hat die Aktion „NEW. Wir helfen“ gegründet. Dadurch sollen die vielfältigen Hilfsangebote in der Region gesammelt und weitervermittelt werden.

„Die Ukraine scheint weit entfernt. Aber der Krieg ist in Europa, vor unserer Haustür angekommen. Man darf sich da nicht täuschen lassen. Die Distanzen sind kurz. Und der Angriff auf die Ukraine ist eigentlich auch ein Angriff auf das freie Denken, auf die Demokratie. Und das sind Werte, die wir alle gemeinsam hochhalten sollten“, sagt Landrat Andreas Meier. Die Bürgerinnen und Bürger können ihre Angebote via Mail an ukraine-hilfe@neustadt.de einreichen. Laut Meier werden außerdem eine Anlaufstelle für Geflüchtete eingerichtet sowie Wohnräume organisiert.

Krisenstab in Tirschenreuth

Im Landratsamt Tirschenreuth wurde ein Krisenstab eingerichtet. „Wir sind dabei auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen. Gesucht werden Unterkünfte und Wohnraum für ankommende Bürgerkriegsflüchtlinge. Man könne auch materiell helfen oder eine persönliche ehrenamtliche Hilfe, zum Beispiel Dolmetschen, zur Verfügung stellen“, heißt es vom Landkreis. Unterstützungsangebote aus der Bevölkerung werden unter der Mail-Adresse Ukraine-hilfe@tirschenreuth.de gesammelt. 

Sammelstelle beim Bauhof

Die Stadt Weiden hat beim Bauhof eine Sammelstelle eingerichtet, an der dringend benötigte Hilfsgüter für die Ukraine-Flüchtlinge abgegeben werden können. Ab sofort können hier von Montag bis Freitag, 10 bis 12 Uhr, Sachspenden abgegeben werden. Benötigt werden in erster Linie Hygieneartikel, haltbare Lebensmittel, Waschmittel und nicht verschreibungspflichtige Medikamente, Verbände, Pflaster, Handschuhe, Desinfektionsmittel und FFP2 Masken. Ausdrücklich nicht benötigt werden Möbel und Kleidung.

Altoberbürgermeister Kurt Seggewiß fungiert ehrenamtlich als „Schnittstelle“ zwischen Verwaltung und Hilfsorganisationen. Die Landratsämter freuen sich über eine Welle der Hilfsbereitschaft. Neben Unterkunftsmöglichkeiten für Geflüchtete würden sich die Menschen vor allem mit Sach- und Geldspenden an die Ämter wenden.

ARV bietet Treffen an

Nicht nur auf rein materielle Unterstützung hat der ARV Oberpfalz sein Hilfsangebot abgestimmt, das er dem Landratsamt Neustadt gemacht hat. „Wir können uns vorstellen, dass ukrainische Familien, die bald vorübergehend bei uns in Sicherheit leben und wohnen werden, sich gerne auch mit Ihren Landsleuten treffen möchten, um das Erlebte von der Seele zu reden und sich auszutauschen“, schreibt ARV-Geschäftsführer Christian Henkens.

Der ARV würde hierfür an Wochenenden die Räume seiner Tagespflege Waldnaabtal in Windischeschenbach für Begegnungen und Treffen zur Verfügung stellen. Henkens: „Wir würden für Speisen und Getränke sorgen und ehrenamtlich die Menschen in der Tagespflege betreuen und bewirten.“ Zwei in Windischeschenbach lebende Ukrainerinnen hätten sich als Dolmetscherinnen angeboten, um diese Treffen zu begleiten.

Vielfältige Hilfen

Neben vielen kleinen, privaten Organisationen helfen auch die Großen: Das Bayerische Rote Kreuz, die Diakonie Katastrophenhilfe, Ärzte ohne Grenzen und der Deutsche Caritasverband unterstützen ukrainische Flüchtlinge mithilfe von Geld- und Sachspenden. Darüber hinaus sammeln Action Medeor, Humedica und der Malteser Hilfsdienst Geldspenden, um die medizinische Versorgung in der Ukraine gewährleisten zu können.

Abgesehen von Geld- und Sachspenden kann man ehrenamtlich helfen: beim Sortieren und Transportieren der Hilfsgüter beispielsweise. Auch die kleinen Dinge können wertvoll sein – nur auf seriöse Informationen zu vertrauen und sie teilen, auf Demonstrationen gehen, Abgeordneten schreiben oder Links zu Hilfsangeboten und Notunterkünften teilen, sodass sie schnell bei Helfern und Betroffenen ankommen.

Noch Unklarheiten

Unterdessen treffen auch in der Nordoberpfalz immer mehr Flüchtling aus der Ukraine ein. Zwar seien laut Landratsamt Neustadt/WN die „rechtlichen Regelungen und Vorgehensweisen noch nicht abschließend auf Bundes- und Landesebene geklärt“, aber bei den Flüchtlingen handelt es sich zum Großteil um Ukrainer mit Bezugspersonen in der Region. So sind laut Walter Brucker, Pressesprecher vom Landratsamt Tirschenreuth, circa 50 Flüchtlinge im Landkreis eingetroffen. Sie sind derzeit ausnahmslos bei ihren Verwandten und/oder Bekannten in der Region privat untergebracht.

Zahlreiche private Hilfsangebote

Laut Brucker sind beim Landratsamt folgende Hilfsangebote eingegangen: 78 Wohnungsangebote beziehungsweise Unterbringungsmöglichkeiten, 21 allgemeine Hilfsangebote, zehn Dolmetscherangebote, 20 Sachspenden. „Das Landratsamt koordiniert diese Angebote und Anfragen, um ein bestmögliches Hilfsangebot zu schaffen.“ In Tirschenreuth werden außerdem Spenden und Hilfsgüter für die Ukraine gesammelt: Diese können bis einschließlich Freitag immer zwischen 9 und 21 Uhr in der Kanonikus-Mehler-Straße 4 in Tirschenreuth abgegeben werden.

Außerdem können noch bis 10. März in einer Lagerhalle in Tirschenreuth (Kornbühlstraße 22) Sachspenden abgegeben werden. Die Öffnungszeiten der Sammelstelle sind am Freitag von 18 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr sowie Montag bis Donnerstag von 18 bis 21 Uhr. Unter dem Stichwort „Ukraine“ kann auf folgendes Konto mit der Nummer DE62 7539 0000 0000 0770 11 Geld gespendet werden.

Noch keine offiziellen Kontingente

Auch Norbert Schmieglitz von der Pressestelle der Stadt Weiden weiß von „einigen Flüchtlingen, die privat untergekommen sind“. Offizielle Kontingente gebe es aber noch nicht, weil wegen der visafreien Einreise und des 90-tägigen Aufenthaltsrechts für ukrainische Bürger noch keine konkreten Vorgaben bekannt seien.

Tipps:

1. Nur seriöse Informationen lesen und verbreiten

In den sozialen Netzwerken werden zahlreiche nicht vertrauenswürdige Nachrichten und Spendenaufrufe geteilt. Es ist menschlich, aus der Hilfslosigkeit heraus schnell etwas tun zu wollen. Aber den Menschen in der Ukraine ist am meisten geholfen, wenn du dir erst einen gründlichen Überblick mithilfe seriöser Quellen verschafft. Der Thinktank Zentrum Liberale Moderne, der von Steuergeldern gefördert wird, ist eine renommierte erste Adresse und hat die Seite Ukraine verstehen eingerichtet. Hier geben Osteuropa-Experten einen Überblick über die aktuelle Lage und klären auf dieser Seite umfassend über vertrauenswürdige Organisationen auf, die man mit Spenden unterstützen kann.

2. Notunterkünfte organisieren

In Deutschland werden gerade zahlreiche Notunterkünfte organisiert. Bei der Initiative Gastfreundschaft für die Ukraine des Elinor Netzwerks und der GLS Bank kann man sich online registrieren, wenn man in Deutschland eine Unterkunft anbieten möchte. Auf der Seite host4ukraine können Menschen jeder Nation Unterkünfte anbieten.

3. Sich freiwillig engagieren

Unzählige Initiativen organisieren derzeit Sachspenden, Rechtsberatung, Fahrdienste, Notunterkünfte und Übersetzungsangebote, für die Freiwillige benötigt werden. #leavenoonebehind hat diese Seite erstellt, auf der du dich registrieren kannst, wenn du helfen möchtest. Ebenso können sich dort lokale Hilfsangebote für die Ukraine registrieren um Freiwillige und Organisationen lokal miteinander zu verknüpfen. Du kannst dich darüber hinaus direkt bei deiner Kommune und lokalen NGOs informieren, wie und wo du unterstützen kannst. Für Menschen in der Schweiz gibt es diese Seite, die einen ersten Überblick gibt, wie man von der Schweiz aus helfen kann.

4. Angebote für psychische Seelsorge teilen und selbst wahrnehmen

Insbesondere Ukrainer und Menschen, die im Land Familie und Freunde haben, sind gerade einer unglaublichen psychischen Belastung ausgesetzt. Für sie gibt es kostenlose Angebote, um telefonisch oder via Chat mit Psychologen und Freiwilligen zu reden.

5. Menschen mit Angstzuständen oder Panikattacken angesichts der Situation in der Ukraine können sich an folgende kostenlose telefonische Hotlines wenden:

Deutsche Telefonseelsorge:

0800 / 111 0 111
0800 / 111 0 222

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