Vom Experiment zum bayernweiten Erfolgsmodell

Tirschenreuth/Neustadt/WN. Vor vier Jahren startete die Pilotinitiative Heimatunternehmen im Landkreis Tirschenreuth. Mittlerweile macht sie in ganz Bayern Schule.

Im Hofladen des frisch gebackenen Heimatentwicklers Veit Reisberger (rechts) trafen sich (von links): Alfred Wolf, Erik Bergner (Amt für Ländliche Entwicklung), Cornelia Müller, Daniela Wehner (Amt für Ländliche Entwicklung) und Hannes Gilch. Foto: Christoph Maier

Irgendwie muss sich Alfred Wolf erst noch in den Arm zwicken. „Ich hätte mir nie träumen lasssen, wie sich die Initiative Heimatunternehmen entwickeln würden“, ist der Bärnauer selbst überrascht. Vor vier Jahren ging das Projekt im Landkreis Tirschenreuth als bayenweites Pilotvorhaben an den Start. Wolf war damals als Heimatentwickler gemeinsam mit Willi Perzl der Mann der ersten Stunde.

Mittlerweile entstehen Heimatunternehmen in jedem Regierungsbezirk. Und auch in der Region selbst wird personell schwer aufgerüstet. Zukünftig werden neben Wolf noch Cornelia Müller, Hannes Gilch und Veit Reisberger als Heimatentwickler unterwegs sein – im Steinwald, im Stiftland und im Landkreis Neustadt/WN. Mittlerweile erhält das Quartett aber auch Anfragen aus dem Fichtelgebirge oder der südlichen Oberpfalz.

Als Experiment gestartet

Das Erfolgsprojekt Heimatunternehmen ist 2017 als absolutes Experiment gestartet. Der Landkreis Tirschenreuth hatte sich damals beim Bundeswettbewerb Landaufschwung beworben. Berücksichtigt werden sollten strukturschwache Regionen in ganz Deutschland, die mit der Überalterung der Bevölkerung und Abwanderung zu kämpfen haben. Die Nordoberpfälzer gingen leer aus.

Doch der damalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner versprach, nach einer Ersatzlösung zu suchen. Und die fand man auch. Gemeinsam mit dem Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz strickte der Landkreis ein Netzwerk mit engagierten Persönlichkeiten, die in der Region anpacken und ihre Ideen umsetzen wollten.

Alfred Wolf vom Fleck weg engagiert

Im Rahmen des Forums Heimatunternehmen traf man sich zum Meinungs- und Gedankenaustausch im Waldsassener Kloster. Dabei war auch Alfred Wolf. Der Bärnauer hatte in seiner Heimatstadt, trotz aller anfänglichen Widerstände, den grenzüberschreitenden Geschichtspark ins Leben gerufen. „Ich stellte damals das Projekt vor“, erinnert er sich. So überzeugend, dass er vom Fleck weg als Kümmerer für das Projekt Heimatunternehmen engagiert werden sollte.

Doch da gab es ein kleines Problem. Wolf war noch im aktiven Polizeidienst. Landwirtschafts- und Innenministerium einigten sich: Der Polizeihauptkommissar ist freigestellt worden, um sich ganz den Heimatunternehmen widmen zu können. Mittlerweile ist Wolf zwar Pensionär, doch er macht als Freiberufler weiter, auch auf Drängen der Projektbeteiligten, die auf seine Erfahrung nicht verzichten wollen.

Leben kommt in den ländlichen Raum

Viele Projekte haben Wolf und Perzl in den vergangenen Jahr begleitet. Neben Einzelvorhaben wie dem Zauberkabinett von Marco Knott oder der Weiterentwicklung des Mitterhofs der Familie Frank, sorgten auch gemeinschaftsbildende Vorhaben wie der Mühlenhof Mähring, das Ackerbürgerhaus in Bärnau oder das Kunsthaus Maiersreuth dafür, dass der ländliche Raum belebt wird.

Im Kreis der Macher sind mehrere Rückkehrer in die Region. Der frischgebackene Heimatentwickler Veit Reisberger ist einer von ihnen. Vor zwei Jahren kehrte der Gastronom in seine Oberpfälzer Heimat zurück und eröffnete in Vohenstrauß das „Friedrichs“ und einen Hofladen. Das einstige Experiment hat mittlerweile dafür gesorgt, dass mit innovativen Ideen Leerständen neues Leben eingehaucht worden ist. „Vom regionalen Lebensmittelerzeuger, über einen Spitzenkoch, vielen Kräuterleuten bis hin zu Kulturschaffenden – wir haben die unterschiedlichsten Macher begleitet“, erzählt Wolf.

Heimatunternehmer beschreiten außergewöhnliche Wege

Was aber ist ein Heimatunternehmer? „Das ist sicher nicht derjenige, der auf der grünen Wiese eine Produktionshalle hinstellt“, erläutert Wolf. Es sind vielmehr Leute mit durchaus verrückten Ideen, die außergewönliche Wege beschreiten wollen. „Der Mensch, nicht Umsatz und Gewinn stehen im Vordergrund“, sagt der Heimatentwickler. Sie wollen mit ihren Aktivitäten einen Heimatwert schaffen, für ihren Ort in dem sie wohnen und arbeiten, aber auch für die Region, in der sie leben.

Trotz des fast schon philosphischen Ansatzes, muss jede Geschäftsidee im wirklichen Leben bestehen können. „Wir sagen auch nein zu einem Vorhaben, wenn das Konzept nicht auf vernünftigen Beinen steht“, erläutert Wolf.

40 Projekte

Beraten, begleiten und vernetzen, das sind die Aufgaben der Heimatentwickler. „Wir geben den Heimatunternehmern auch den entsprechenden Rückhalt, wenn sie Kontakt zu Behörden oder Ämtern aufnehmen“, sagt Wolf. Rund 40 Projekte sind bereits umgesetzt worden, oder stehen noch in den Startlöchern. Der Bärnauer ist gefragt, er rückt auch schon man als Berater nach Schwaben oder in die Rhön aus. Und angesichts der bayernweiten Dynamik, die das Experiment von einst mittlerweile entwickelt hat, kommt der Bärnauer schwer ins Grübeln: „Eigentlich habe ich schon wahnsinnig viel erreicht“.

Das sind die vier Oberpfälzer Heimatentwickler:

Alfred Wolf, der mit dem Geschichtspark Bärnau-Tachov, grenzüberschreitenden Aktivitäten und seinem Netzwerk als Treiber und Motor in der Region aktiv ist, wird auch zukünftig als Heimatentwickler der Oberpfalz tätig sein.

Cornelia Müller aus Pullenreuth, Architektin, Kräuterpädagogin, Autorin und Netzwerkleiterin von Kräuter&Leut, hat bereits in den letzten Jahren im Hintergrund die Initiative unterstützt und begleitet nun selbst Heimatunternehmen.

Frisch dabei ist Gastronom Veit Reisberger, der vor zwei Jahren in seine Heimat zurückgekehrt ist und das „Friedrich“ eröffnet hat, ein Café/Bar/Restaurant, das für Transparenz, Toleranz, Regionalität, Qualität und Kommunikation steht. Ganz neu ist auch sein Hofladen in Vohenstrauß – ein Laden, bei dem die Region zusammenkommt.

Mit Hannes Gilch, Vorsitzender der Musikinitiative Vohenstrauß, der im Kulturbereich schon viele Akzente gesetzt hat, ist das Team in der Region Oberpfalz komplett. Als Bindeglied zum Landkreis Neustadt/WN wird Gilch als Heimatentwickler mitwirken, das Netzwerk der Macher in der Region zu stärken.

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