Wenn helfen zur Lebensaufgabe wird

Die "Aktion Tschernobyl" ist mit dem Namen Josef Ziegler untrennbar verbunden

Pfreimd/Weiden. Es ist wohl eine der beeindruckendsten Hilfsaktionen, die jemals in der Oberpfalz initiiert wurde: Die "Aktion Tschernobyl", die seit 1991 Hilfstransporte in die Ukraine organisiert. Nach mehr als 30 Jahren ehrenamtlicher Arbeit ist nun aber bald Schluss, der Verein wird sich auflösen.

Josef Ziegler und seine Frau Angelika vor einer Landkarte mit vielen ukrainischen Städten, wo sie schon geholfen haben. Foto: Udo Fürst
Josef Ziegler und seine Frau Angelika vor einer Landkarte mit vielen ukrainischen Städten, wo sie schon geholfen haben. Foto: Udo Fürst
Josef Ziegler bei der Übergabe eines Gastroskops an Dr. Olena Missiuk im September 2012 in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Josef Ziegler bei der Übergabe eines Gastroskops an Dr. Olena Missiuk im September 2012 in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Leuchtende Kinderaugen - immer wieder einer der schönsten Momente der Hilfe. Hier erreichen Geschenkpakete aus Deutschland Kinder in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Leuchtende Kinderaugen – immer wieder einer der schönsten Momente der Hilfe. Hier erreichen Geschenkpakete aus Deutschland Kinder in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Natürlich unterstützte die Ukrainehilfe auch die Menschen in der Region Tschernobyl. Foto: Verein Ukrainehilfe
Natürlich unterstützte die Ukrainehilfe auch die Menschen in der Region Tschernobyl. Foto: Verein Ukrainehilfe
Im April 2012 übergab der Verein ein Neuroskop an Professor Yuri Orlov, Chefarzt der Neurochirurgischen Kinderklinik in Kiew. Foto: Verein Ukrainehilfe
Im April 2012 übergab der Verein ein Neuroskop an Professor Yuri Orlov, Chefarzt der Neurochirurgischen Kinderklinik in Kiew. Foto: Verein Ukrainehilfe
Josef Ziegler und seine Frau Angelika vor einer Landkarte mit vielen ukrainischen Städten, wo sie schon geholfen haben. Foto: Udo Fürst
Josef Ziegler bei der Übergabe eines Gastroskops an Dr. Olena Missiuk im September 2012 in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Leuchtende Kinderaugen - immer wieder einer der schönsten Momente der Hilfe. Hier erreichen Geschenkpakete aus Deutschland Kinder in Narodytschi. Foto: Verein Ukrainehilfe
Natürlich unterstützte die Ukrainehilfe auch die Menschen in der Region Tschernobyl. Foto: Verein Ukrainehilfe
Im April 2012 übergab der Verein ein Neuroskop an Professor Yuri Orlov, Chefarzt der Neurochirurgischen Kinderklinik in Kiew. Foto: Verein Ukrainehilfe

Es sind schwere Wochen für Josef Ziegler und seine Frau Angelika. Schwerer vielleicht sogar als 1986, als der Atomreaktor in Tschernobyl explodierte, oder 2014, als Russland die Krim annektierte. Mit jedem Wort, jeder Geste ist ihnen der Kummer und der Schmerz anzumerken, wenn sie über Putins grausamen Krieg in der Ukraine sprechen und an ihre Freunde dort denken.

In jenem Land, mit dem sie seit einem halben Leben lang so viel verbindet und die Hilfe für die Menschen dort für sie zu einer Lebensaufgabe wurde. Daraus resultierten Begegnungen sowie Freundschaften und es entstanden persönliche Kontakte. All das haben die Zieglers erfahren seit 1991, als der erste Hilfskonvoi der „Aktion Tschernobyl“ auf die Reise geschickt wurde.

Erster Hilfskonvoi am 3. März 1991

Am 3. März 1991 rollte der Transport des BRK-Kreisverbands Schwandorf von Weiden aus nach Donezk in die Ukraine. Mit an Bord auch BRK-Chefarzt Dr. Josef Ziegler, der langjährige Vorsitzende des später gegründeten Vereins. Fast 30 Jahre, 24 Hilfstransporte und circa 100 Besuche in der Ukraine später machte der Corona-Ausbruch die Aktion zu einer Art Auslaufmodell mit der nun vollzogenen Auflösung des Vereins als traurigen Schlusspunkt.

„Es war wegen Corona schon schwierig, Konvois zu organisieren. Der Krieg und das Alter unserer Vereinsmitglieder taten ein Übriges“, erklärt Ziegler das Aus. Man nehme zwar noch Spenden entgegen, mit denen man nach dem hoffentlich bald endenden Krieg den Wiederaufbau von Krankenhäusern unterstützen wolle. „Aber richtige Hilfstransporte wie früher gehören unwiderruflich der Vergangenheit an“, sagt Angelika Ziegler.

Kontakt nie abgerissen

„Der Kontakt in die Ukraine ist allerdings nie abgerissen“, erzählt der knapp 80 Jahre alte Arzt im Ruhestand. Fast täglich telefonierten er oder seine Frau mit ihren Dolmetschern Vladimir und Natasha in Kiew. In den ersten Tagen nach dem Einmarsch der Russen sei die Versorgungslage noch einigermaßen intakt gewesen.

„Da waren die Menschen trotz 50 riesiger Detonationen in der Stadt am 24. Februar noch einigermaßen zuversichtlich, auch weil die Russen bis heute nicht so recht vorankommen.“ Ziegler weiß von seinen Kontaktleuten, dass die russische Armee katastrophal ausgerüstet sei. „Die haben keinen Sprit für ihre Fahrzeuge und kaum was zu essen. Deshalb stockt der Vormarsch auch.“

Ab 2015 fuhren Speditionen

Die Hilfstransporte sind nicht erst mit dem Krieg eingestellt worden. Schon seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor zwei Jahren habe man die Hilfen gezwungenermaßen einschränken müssen. Der vorerst letzte Sattelzug fuhr kurz vor Weihnachten 2020 in die Ukraine – beladen mit Betten, Matratzen, Klinikbedarf, Beatmungsgeräten, Desinfektoren, zwei Notfallkoffern und einem Siegelgerät zur Sterilisation medizinischer Instrumente.

Vor allem in den letzten Jahren unterstützte der Verein ukrainische Kliniken durch den Kauf von medizinischen Geräten. „Wir fragen unsere Kontaktpersonen in den Krankenhäusern, was sie brauchen – und finanzieren das, soweit es möglich ist.“ Ab 2014 habe man wegen der Konflikte im Land beschlossen, Speditionen mit den Hilfslieferungen zu beauftragen, um die Freiwilligen im Konvoi nicht zu gefährden. Von April 2015 bis Dezember 2020 wurden so 15 Sattelzüge in die Ukraine geschickt.

„Viele hartnäckige Spender“

Circa 100 Mitglieder zählt der Verein „Aktion Tschernobyl“, davon ein „harter Kern“ von noch aktiven oder ehemaligen BRK’lern, die immer dabei gewesen sind und kräftig mit angepackt haben. „Wir hatten und haben aber auch ganz viele, sehr hartnäckige Spender“, sagt Schriftführerin Angelika Ziegler schmunzelnd (Josef Ziegler: „Ohne meine Frau wäre das alles so nicht möglich gewesen“).

Begonnen hat alles mit dem atomaren Supergau von Tschernobyl. Die Atomkatastrophe von 1986 ließ auch in der Oberpfalz die Stimmung gegen die geplante WAA in Wackersdorf kippen. Als Folge gründete sich dann 1991 die „Aktion Tschernobyl“ mit Unterstützung des damaligen Schwandorfer Landrats und Anti-WAA-Ikone Hans Schuierer.

Von Beginn an dabei: die Zieglers aus Pfreimd. Josef Zieglers spätere enge Beziehung zur Ukraine ist in seiner Neugierde begründet. „Ich habe mich schon immer für Osteuropa interessiert, war viel in Tschechien, Ostberlin, Ungarn und Polen unterwegs“, erzählt Ziegler. Mit der Ukraine habe er schließlich seine „große Leidenschaft“ gefunden.

Weiter Verbindungen in die Ukraine

Auch wenn der Verein nun abgewickelt und bis spätestens Mitte nächsten Jahres aufgelöst sein wird: So ganz werden Angelika und Josef Ziegler das Kapitel Ukraine wohl nie beenden. „Wir haben noch so viele Kontakte dorthin, da lässt sich das gar nicht vermeiden“, sagt der Mediziner im Unruhestand.

Wie zum Beweis klingelt in diesem Moment das Telefon und eine Mitstreiterin erkundigt sich über die Tochter einer ukrainischen Dolmetscherin, die vor Kriegsausbruch nach Ägypten in den Urlaub geflogen und nun dort gestrandet ist. „Da sind wir momentan dabei, eine Lösung zu finden“, sagt Angelika Ziegler. Man kann davon ausgehen, dass die Zieglers auch in diesem Fall helfen werden. So, wie sie seit 30 Jahren helfen.

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