Zwischen Parkstein, Nato-Manöver, Maisturm Emmerlinde und dem Fluch des Troglauers

Parkstein/Vilseck. Ein Unwetter kommt selten allein. Dabei war Freitag, der 13., vergangene Woche. Ist auch logisch: Schließlich verliefen sowohl das Nato-Manöver rund um Grafenwöhr als auch Tief „Emmerlinde“ halbwegs glimpflich – trotz Hunderter Einsätze der Feuerwehr.

Auf den Oberpfälzer Truppenübungsplätzen der US-Army Grafenwöhr und Hohenfels hat das Manöver „Combined Resolve“ – „Gemeinsamer Beschluss“ – begonnen. Die amerikanischen Verbände üben mit ihren NATO-Partnern. Bis 28. Mai müssen Autofahrer zwischen den Übungsplätzen mit solchen Militärkolonnen rechnen. Bild: Jürgen Herda

Laut Navi dauert die Fahrt von Parkstein nach Vilseck eine knappe halbe Stunde. Wir sind zeitig dran, die Berichterstattung über die Ausstellungseröffnung zum Räuber Troglauer – das Rahmenprogramm zu den diesjährigen Burgfestspielen, die OberpfalzECHO präsentiert – ist gesichert. Denken wir.

Freie Fahrt bis zum Heimatwald des Räubers

Bis zum Manteler Forst, dem Heimatwald des Räuberhauptmanns Franz Troglauer, haben wir freie Fahrt. Irgendwo vor Hütten dann sehen wir einen Lkw in die Hüttnerstraße einbiegen. Ein Lkw? Vor uns reiht sich eine Kolonne schwerer Militärfahrzeuge ein. Sind das jetzt schon die schweren Waffen der Bundeswehr für die Ukraine?

Natürlich nicht. Wer aufgepasst hat, weiß: Auf den Oberpfälzer Truppenübungsplätzen der US-Army Grafenwöhr und Hohenfels hat das Manöver „Combined Resolve“ – „Gemeinsamer Beschluss“ – begonnen. Die amerikanischen Verbände üben mit ihren NATO-Partnern. Bis 28. Mai müssen Autofahrer zwischen den Übungsplätzen mit solchen Militärkolonnen rechnen – auch auf der A6 und der A93. Da kann man schlecht meckern. Die Ukraine-Hilfe geht vor.

Ziel der Pressefahrt: Burg Dagestein in Vilseck zur Ausstellung „Sehn wir Galg und Räder stehen“. Bild: Jürgen Herda

Prognostizierte Ankunftszeit schreitet voran

Wir schleichen mit 40 Stundenkilometern dahin. Die vom Navi kalkulierte Ankunftszeit schreitet flotter voran als unser Renault Hybrid: 18.50 Uhr. Um 19 Uhr ist Ausstellungseröffnung. Der Himmel verdunkelt sich und mit ihm unsere Stimmung. Der Blick auf die Gegenfahrbahn: Überholen? Und dann zwischen zwei Monstertrucks einscheren? Nein danke! Ein Harakiri-Tscheche versucht’s trotzdem. Wahrscheinlich ein Nachkomme der kühnen Räuberbande, die um 1790 die Oberpfalz unsicher machte. Wie die enden, wissen wir. Der Troglauer am Galgen.

Neue Prognose: 18.55 Uhr. Inzwischen sind wir bei Schrittgeschwindigkeit angekommen. Die kurvenreiche Strecke bietet sich beim besten Willen nicht für riskante Manöver an. Kein gutes Wortspiel. Nächste Hochrechnung: 18.59 Uhr. Die Chancen, pünktlich einzutreffen, schwinden. Jetzt steht der Tross. Was machen die? Offenbar auf die Nachzügler, die uns jetzt von hinten auf die Stoßstange rücken, warten. Man sieht: Europa rückt zusammen. Gute Sache. Aber gerade jetzt?

Überholmanöver auf freier Strecke

19.05 Uhr. Es reicht. Vor mir eröffnet sich eine übersichtliche Gegengerade. Die Gelegenheit, zumindest Bernhard Weigls Eröffnungsvortrag noch mitzubekommen. Der Ausstellungsmacher ist auch Buchautor der einzigen Biografie über Franz Troglauer. Der Hybrid beschleunigt geräuschlos. Naja, bis etwa 30 km/h, dann schaltet sich der Benzinmotor dazu und röhrt wie ein Porsche. Sieht gut aus, alle Trucks sind bereits aus dem Schneckenrennen.

Nur das Führungsfahrzeug, ein polnischer Kleinbus ist vor einer schwer einsehbaren Kurve noch in Führung. Ich schere ein. Sicher ist sicher. Was macht er jetzt? Er blinkt nach rechts. Das ist aber nett: Lässt er mich vorbei? Nein, er biegt ab. Freie Strecke vor uns. Blick in den Rückspiegel. Die Kolonne schließt sich dem Bus an. Na prima, das hat sich ja gelohnt. Ein Zeitgewinn von zwei Minuten. Höchstens.

Trommelwirbel vom Platzregen

Fast schon die amtliche Endzeit: 19.03 Uhr auf der Anzeige. Kurz vor Vilseck die ersten Tropfen auf der Windschutzscheibe. Noch wenige Hundert Meter zu Burg Dagestein, wo der Räuberhauptmann 1796 für ein halbes Jahr im Kerker schmachtete. Durch diese hohle Gasse noch zum Burgtor, dann ist es geschafft. Kein Parkplatz, wir versuchen’s im Innenhof, da sehe ich eine Lücke.

Mittlerweile prasselt ein Trommelwirbel von Platzregen auf das Autodach ein. Ich ziehe mit einiger Mühe die Regenjacke, die sich an der Kopfstütze der Rückbank verfangen hat, nach vorne, sowie den Rucksack mit der Kamera und dem iPad. Raus in den tosenden Sturm. 50 Meter bis zum Turmtor, wo eben noch ein Frauenkopf herausgelugt hatte. 50 Meter zu viel, um trocken anzukommen. Völlig durchnässt rüttle ich an der schweren Holzpforte. Verschlossen? Nein, sie lässt sich öffnen.

Durch dieses Tor muss er kommen: Die Einfahrt zur Burg Dagestein in Vilseck. Bild: Jürgen Herda

Blick in erstaunte Gesichter

Ich schaue in erstaunte Gesichter: „Der Jürgen“, höre ich unseren Kultur-Botschafter Stefan Voit. Eine Szene wie aus einem alten Luis-Trenker-Film, in dem er mit einem abgerissenen Seil in den Gerichtssaal stürmt, während draußen der Sturm tost. Bürgermeister Hans-Martin Schertl kann mit der Begrüßung beginnen. Kultur- und Tourismusbeauftragte Adolfine Nitschke drückt mir ein Glas Sekt in die Hand: „Mit Rosenblättern?“, fragt sie galant. Wenn’s schmeckt!

Historiker Bernhard Weigl hat sich gerade über die kriminelle Karriere des Franz Troglauer aus der Manteler Weber-Familie warmgeredet, als das Licht erlöscht. Ein Schlag und es ward finster. „Das passt doch zum Thema“, raunt ein Gast. Während sich der Bürgermeister, die Kulturreferentin und ein Bauhof-Mitarbeiter um Abhilfe bemühen, stellt unser Kameramann David Trott von der Tür aus fest: „Da hat’s ein Stück Dach abgedeckt.“ Aha, daher der Knall.

Tief Emmerlinde deckt Teile des Burgdachs in Vilseck ab. Bild; Jürgen Herda

Die Sicherung spielt nicht mit

Einige Ahs und Ohs später – es ward Licht, es ward wieder dunkel, Licht, dunkel, die Sicherung, sie wollte nicht – entscheidet man sich für die Fortsetzung des Vortrags im einzigen noch erhellten Kerkerraum. In einer Nische hockt die zeitgemäß gekleidete, lebensgroße Figur des Troglauers, wie er ausschauen hätte können – wenngleich auch nicht so fesch gekleidet im Knast. Schlussapplaus für den Referenten, der eindringlich die Rachegelüste des Räubers schilderte. Erleben wir heute den Fluch des Troglauers?

Ein mutiger Vorschlag der Kulturchefin: „Wir hatten schon Taschenlampenführungen hier im Turm“, sagt Nitschke, „wer möchte, kann mit Handytaschenlampe mit hoch durch die Ausstellung gehen.“ Fast alle schließen sich an. Gewitterromantik im mittelalterlichen Bergfried, der um die Jahrtausendwende aufwändig saniert worden war. Wie im Zeltlager der Pfadfinder leuchten die Schatten vor den Schautafeln den Text aus, während der Heimatforscher mit den Gepflogenheiten der Oberpfälzer Gerichtsbarkeit des 18. und 19. Jahrhunderts für Gänsehaut sorgt.

Historiker Bernhard Weigl doziert mit Handybeleuchtung im Bergfried von Burg Dagestein. Bild: Jürgen Herda

Feuerwehr holt Ast vom Dach der Kreuzbergkirche

Letzte Etappe, die Panoramafenster ganz oben: Als hätte es kein Wetter gegeben, blinzelt die Abendsonne durch die Regentropfen an den Scheiben. Vilseck erstrahlt wie frisch geduscht und im Hintergrund überbrückt ein beeindruckender Regenbogen gefühlt zwei Landkreise.

Was Tief „Emmerlinde“ hinterlassen hat, können wir auf der Rückfahrt besichtigen, auf der alle fünf Minuten ein Feuerwehrzug mit heulender Sirene an uns vorbeibraust – etwa den halben Baum, den die Feuerwehrleute vom Dach der Kreuzbergkirche auf dem Axthaisberg zerren.

Feuerwehreinsatz bei der Kreuzbergkirche auf dem Axthaisberg. Bild: David Trott

Troglauer – Räuber, Rossdieb, Revoluzzer

Der Kartenvorverkauf läuft bereits über www.okticket.de und www.nt-ticket.de für die zehn Aufführungen zwischen der Premiere am Freitag, 24. Juni (20 Uhr, Einlass 19 Uhr) und Sonntag, 10. Juli. Weitere Termine: Samstag, 25. Juni; Sonntag, 26. Juni; Freitag, 1. Juli; Samstag, 2. Juli; Sonntag, 3. Juli; Donnerstag, 7. Juli; Freitag, 8. Juli; Samstag, 9. Juli.

Zwischen 20. Mai und 10. Juli kann im Turm der Burg Dagestein außerdem eine vom Troglauer Biographen Bernhard Weigl zusammengestellte Sonderausstellung besichtigt werden.

Ein besonderer Leckerbissen: die kulinarische Räuber-Führung am 9. Oktober mit der Stadtbühne „Lolamannen“ Vilseck e.V. – weitere Infos: www.vilsecktheater.de – Kontakt: Tourist-Info Vilseck, Marktplatz 13, Telefon (09662) 99 16, kulturamt@vilseck.de

Biografische Stationen:

  • Franz Troglauer (*8. Juli 1754 im Markt Mantel; † 6. Mai 1801 in Amberg) soll schon in seiner rebellischen Jugend als Dieb und Wilderer in Erscheinung getreten sein.
  • Dreimal brachte ihn sein gesetzloses Treiben ins Amberger Zuchthaus.
  • Später schloss er sich mit einigen Gesinnungsgenossen und -genossinnen der „Großen Fränkischen Diebes- und Räuberbande“ an. In ihren Glanzzeiten brachte es die Bande auf 180 Mitglieder – und Troglauer zum Bandenchef.
  • Seit Husarenstück: Bei einem Diebstahl in Bamberg entwendete sein Clan eine Beute im Wert von 12.000 Gulden – und den Bischofsstab des Bamberger Weihbischofs.
  • 1796/97 saß Troglauer wegen Pferdediebstahls in Untersuchungshaft in Vilseck, einer bambergischen Enklave auf bayerischem Boden. Zur Überraschung der Zeitgenossen entließ man den berüchtigten Räuber, nachdem man ihn an den Pranger gestellt und des Landes verwiesen hatte.
  • 1798 wurde die „Große Fränkische Diebes- und Räuberbande“ zerschlagen, viele Bandenmitglieder wurden verhaftet, Troglauer floh als Vogelfreier quer durch Bayern.
  • Nach einer Verhaftung in Regensburg gelang ihm die Flucht bei einem Gefangenentransport.
  • Auch aus der Haft in Straubing konnte der Befreiungskünstler entkommen und noch einmal eine eigene kleine Räuberbande gründen.
  • Schließlich setzte die Regierung in Amberg 100 Gulden Belohnung auf seine Ergreifung aus. Im Dezember 1800 gelang es einem Gerichtsdiener in Freystadt bei Neumarkt, Troglauer festzunehmen. Er wurde nach Amberg transportiert, verurteilt und am 6. Mai 1801 am am Galgenberg hingerichtet.

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