Intensivtagebuch: Zeit in der Intensivstation aufarbeiten

Weiden/Tirschenreuth. Einen genaueren Rückblick auf die Zeit der Behandlung auf der Intensivstation und dadurch eine Orientierungshilfe über die Zeit zu geben, die aufgrund Beatmung oder Sedierung nicht bewusst miterlebt werden konnte – das ist das Ziel des Intensivtagebuchs, das seit mehr als zehn Jahren am Klinikum Weiden etabliert ist.

Das Intensivtagebuch ist seit mehr als zehn Jahren bei den Kliniken Nordoberpfalz etabliert. Foto: Kliniken Nordoberpfalz / Michael Reindl

Patienten können anhand der Einträge von Angehörigen und vor allem Pflegenden nachvollziehen, was während dieser Zeit passiert ist: aus der Gefühlswelt, mit den Sorgen und Ängsten der Angehörigen oder auch über Entwicklungen und Veränderungen des Patienten während seines Aufenthalts auf der Intensivstation. Das Konzept solcher Intensivtagebücher stammt aus Skandinavien und England, nach Deutschland kam die Idee Ende der 2010er Jahre.

Erlebtes besser verarbeiten

Am Klinikum Weiden wurde das Intensivtagebuch auch durch Verena Schuller, Fachpflegekraft für Anästhesie und Intensivpflege, im Jahr 2011 etabliert. „Das Intensivtagebuch wurde bei einem Fachkongress vorgestellt und die Idee dahinter hat mich sehr beeindruckt. Die Überzeugungsarbeit im Kreis der Kolleginnen und Kollegen hat sich gelohnt. Viele Patientinnen und Patienten berichten uns, dass sie das Erlebte so besser verarbeiten konnten. Natürlich ist jeder Eintrag mit einem Zeitaufwand verbunden, aber das ist die Mühe wert. Und es ist auch eine persönliche Wertschätzung für unsere Patienten“, so Verena Schuller.

Die Einträge in das Intensivtagebuch werden dabei meist so geschrieben, wie es dem Patienten erzählt werden würde – auch Bilder können hinzugefügt werden. Der Fokus liegt dabei nicht auf der medizinischen Information. Vielmehr geht es um die Entwicklung oder die Veränderungen beim Patienten, zum Beispiel das erste Mal an der Bettkante zu sitzen – oder aber tagesaktuelle Nachrichten oder persönliche Gefühle. Angehörige, Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten – alle, die regelmäßig im Kontakt mit den Intensivpatienten stehen, können Einträge verfassen.

„Verlorene Zeit“ rekonstruieren

„Wir reflektieren dadurch auch unser professionelles Handeln und geben den Patienten so die Möglichkeit, den Intensivaufenthalt zu verarbeiten und die verlorene Zeit zu rekonstruieren“, erklärt Monika Schmid von der Intensivstation am Krankenhaus Tirschenreuth, wo die Tagebücher seit 2016 genutzt werden. Unterstützt und finanziert wurde und wird die Umsetzung des Intensivtagebuchs seit Einführung vom Klinischen Ethikkomitee um dessen früheren Vorsitzenden Dr. Manfred Hausel sowie der derzeitigen KEK-Vorsitzenden Dr. Stephanie Kuchlbauer. Auch der Förderverein für Schwerkranke und viele weitere Spenden haben das Projekt maßgeblich mit unterstützt.

Eine tragende Rolle spielte in den vergangenen Jahren auch die Seelsorge am Klinikum Weiden, allen voran die evangelische Seelsorgerin Sabine Dachauer. „Das Tagebuch ist immer ein Angebot für unsere Patienten und ihre Angehörigen“, so Sabine Dachauer.

Als aufgrund der Corona-Pandemie kein Besuch für Angehörige auf der Intensivstation möglich war, hat sie – stellvertretend für alle Berufsgruppen und die Angehörigen – die meisten Texte für die Intensivtagebücher erstellt, mehr als 40 Bücher wurden im Jahr 2021 übergeben: „Damit konnten wir nicht nur den Patienten nach ihrem Aufenthalt, sondern auch den Angehörigen eine Möglichkeit bieten, diese Zeit aufzuarbeiten.“

Covid-19-Intensivpatienten

Auch für die Station 84, auf der Covid-19-Intensivpatienten behandelt wurden, hat das Intensivtagebuch eine besondere Bedeutung aufgrund der Pandemie erlangt. Denn mit Beginn der Pandemie hatte das Team die Idee, ein Tagebuch für sich selbst zu führen – darin wurde der Schichtverlauf kreativ, aber natürlich auch nachdenklich abgebildet.

„Die Einträge wurden Schicht für Schicht fortgeführt. Für uns als Team und für jeden Einzelnen war das auch ein Instrument, um die Herausforderungen dieser Zeit verarbeiten zu können, gerade in den ersten Phasen der Pandemie“, erklärt Peter Vollath.

Frühchen-Tagebuch

Auf etwas andere Art und Weise wird das Intensivtagebuch auch auf der Kinderintensivstation genutzt, wo die Frühgeborenen behandelt werden. „Bei uns läuft es als Frühchen-Tagebuch und ist etwas bunter gestaltet, zum Beispiel mit Bildern. Unsere Pflegekräfte schreiben es immer so, als würde das Baby den Eltern seinen Alltag erzählen“, so Petra Krebs von der Station. Aber auch Eltern und Geschwister dürfen in das Buch schreiben und über ihre Freuden, aber auch Sorgen berichten.

Tagebuch ist eine Herzensangelegenheit

Für Seelsorgerin Sabine Dachauer ist das Intensivtagebuch eine Herzensangelegenheit. Sie berichtet von vielen emotionalen Rückmeldungen von Angehörigen oder Patienten, nachdem das Buch übergeben wurde.

„Viele Patienten danken für die Mut machenden Worte, nachdem sie das Buch gelesen haben. Sie sind froh, zu wissen, was während der Zeit ihres Intensivaufenthaltes passiert ist. Auch die Angehörigen sind dankbar für das Intensivtagebuch. Manche nutzen das Buch auch als Kummerkasten, andere freuen sich zu lesen, dass die Menschen, die sich täglich um den Patienten kümmern, die Fortschritte eintragen, die sie ja oft nicht selbst gleich mitbekommen.“

Für alle Pflegekräfte, Ärzte, Therapeuten, aber auch die Seelsorger sind diese positiven Rückmeldungen enorm wichtig – genauso wie es das Tagebuch selbst für die Patienten und deren Angehörigen ist. Es ist also ein Erfolgsmodell, das auch in Zukunft sicher weitergeführt werden wird.

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