Exklusiv Politik

Staat gibt Geld für mehr Struktur- und Artenvielfalt

Pilmersreuth/Wald. Mit diversen Programmen will der Staat Landwirte und Privatbesitzer dazu animieren, Teile ihrer Felder und Äcker ökologisch wertvoller zu nutzen. Davon profitieren vor allem Biene und Co.

Blühwiesen sind Wohlfühloasen, aber auch (über)lebenswichtig für viele Insekten wie die Hummel, die sich auf dem Foto an einer Phacelia (Blumenfreund) labt. Foto: Udo Fürst
Blühwiesen sind Wohlfühloasen, aber auch (über)lebenswichtig für viele Insekten wie die Hummel, die sich auf dem Foto an einer Phacelia (Blumenfreund) labt. Foto: Udo Fürst
Die Fachleute und stellvertretender Landrat Toni Dutz (links) an einer Blühwiese bei Pilmersreuth am Wald.
Die Fachleute und stellvertretender Landrat Toni Dutz (links) an einer Blühwiese bei Pilmersreuth am Wald.
Diese Feuchtwiese bei Wondreb wird nur einmal im Jahr - nach dem 1. Juli - gemäht. Welcher Pflanzenreichtum sich so entwickeln kann, stellten (von rechts) Pächter Albert Bauer, Toni Dutz, Johann Schmidkonz, Cornelia Straubinger, Susanne Pätz, Charlotte Förster und Walter Wenisch von der Unteren Naturschutzbehörde und vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten fest. Foto: Udo Fürst
Diese Feuchtwiese bei Wondreb wird nur einmal im Jahr – nach dem 1. Juli – gemäht. Welcher Pflanzenreichtum sich so entwickeln kann, stellten (von rechts) Pächter Albert Bauer, Toni Dutz, Johann Schmidkonz, Cornelia Straubinger, Susanne Pätz, Charlotte Förster und Walter Wenisch von der Unteren Naturschutzbehörde und vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten fest. Foto: Udo Fürst
Udo Fürst
Udo Fürst
Udo Fürst

Der Rückgang unserer Artenvielfalt und der Klimawandel sind natürlich auch hierzulande deutlich zu spüren. Zwei Förderprogramme (Kulturlandschaftsprogramm KULAP und Vertragsnaturschutzprogramm VNP) sollen zumindest ein bisschen helfen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Der Leiter des Tirschenreuther Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Wolfgang Wenisch, Wildlebensraumberater Johann Schmidkonz, sowie Cornelia Straubinger und Susanne Pätz von der Unteren Naturschutzbehörde stellten anhand zweier Beispiele von Blühwiesen und Äckern bei Pilmersreuth am Wald und bei Wondreb vor, auf denen bereits ökologisch wertvolle Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden. Aufmerksamer Gast war stellvertretender Landrat Toni Dutz.

Paradies für Insekten

Es ist ein recht holpriger Weg zum Blühacker circa einen Kilometer östlich des Streudorfs Pilmersreuth am Wald. Inmitten meist gemähter Wiesen und abgeernteter Felder sticht eine Fläche sofort ins Auge. Auf ihr grünt und blüht es in prächtigen Farben, die Luft ist erfüllt vom Summen und Brummen der Hummeln, Bienen und Schmetterlingen, die sich sichtlich wohlfühlen.

Die Ackerbrache mit ihrer Blühmischung bietet ihnen ein reiches Nahrungsangebot: von der dominanten, lilablühende Phazelie über blauen und roten Klatschmohn, echtem Johanniskraut und Ringelblumen bis hin zum Buchweizen und gemeinen Lein.

Boden- und Klimaschutz

Ziel dieser Förderungen sei es, den Boden- und Klimaschutz zu verbessern und die Kulturlandschaft und Biodiversität zu erhalten, betonte Wenisch und Straubinger unisono. „Vielfältige Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte und die Untersaat bei Maisäckern sind Teil einer guten landwirtschaftlichen Praxis und helfen, den Boden zu schützen und die Erosion zu verringern“, sagte die Biodiversitätsberaterin.

Der AELF-Chef betonte: „Wir haben uns viel vorgenommen.“ Zum einen berate und unterstütze man interessierte Landwirte dabei, individuelle Maßnahmen für die biologische Vielfalt zu finden und zum anderen wolle man in jedem Dienstgebiet sogenannte Wildlebensraum-Modellgebiete etablieren. „Wenn Landwirte, Jäger, Imker, Kommunen und Bürger an einem Strang ziehen, gewinnt die offene Kulturlandschaft an Strukturreichtum und Biodiversität.“

Digitale Landkarte

Mit zahlreichen Maßnahmen wie mehrjährige Blühflächen, Hecken, die kleine Lebensräume für Tiere bieten, Altgrasstreifen sowie Zwischenfrüchten leisten Landwirte bereits wertvolle Beiträge für mehr Struktur- und Artenvielfalt, erklärte Wenisch. Um die Bauern dabei zu unterstützen, stelle zum Beispiel die Landesanstalt für Landwirtschaft mit dem „Portal der Wildlebensraumberatung“ eine digitale Landkarte zur Verfügung. Dadurch erhielten sie konkrete Ideen, welche Maßnahme geeignet seien, wo diese am besten platziert werden sollten und welche Wirkung sie auf die Struktur- und Artenvielfalt haben.

Johann Schmidkonz fügte hinzu: „Wir zeigen auf, dass sich Nahrungsmittelproduktion und Schutz der Biodiversität nicht ausschließen. Wir können auf unseren Flächen beides.“ Gleichzeitig müsse man aber auch klar machen, dass dadurch der Ertrag auf diesen Flächen sinke. Deshalb unterstütze der Staat die Landwirte über Agrarumweltmaßnehmen wie dem KULAP.

Im Bereich des AELF Tirschenreuth-Weiden werden laut Wolfgang Wenisch circa 1,5 Millionen Quadratmeter Blühflächen gefördert. „Tatsächlich aber dürften es deutlich mehr sein“, so der AELF-Leiter.
300 landwirtschaftliche Betriebe bewirtschaften ferner 1,5 Millionen Quadratmeter Gewässerrandstreifen und drei Millionen Quadratmeter Grünland ohne Pflege. Mit Modellgebieten will man den Landwirten ein Beispiel zur Nachahmung geben.

Verzicht auf Dünger

Ebenso wichtig sei das Vertragsnaturschutzprogramm der Unteren Naturschutzbehörde, erläuterte Cornelia Straubinger. Mit einem Erschwernisausgleich honoriere man die naturschonende land-, teich- und forstwirtschaftliche Bewirtschaftung von Flächen. Solche Leistungen seien unter anderem der Insektenschutz durch blütenreiche Mähwiesen mittels Düngeverzicht, ein späterer Mähzeitpunkt oder die schonende Bewirtschaftung von Moorflächen zur Kohlenstoffspeicherung und damit zu einer besseren Klimabilanz.

Erst ab 1. Juli mähen

Ferner fördere man wertvolle Biotope besonders, um die Tier- und Pflanzenvielfalt zu erhöhen und trotzdem ökonomisch zu wirtschaften. Straubinger: „Mir sind hier zehn kleine Flächen mit je einem Hektar viel lieber als eine große mit zehn Hektar.“ Was dies genau bedeutet, erläuterten die Fachleute gleich praxisnah auf der Feuchtwiese von Albert Bauer aus Dippersreuth.

Der Land- und Forstwirt darf sein Grundstück nahe dem Dorf Wondreb frühestens ab 1. Juli mähen, nicht düngen und somit nur traditionell bewirtschaften. Weil ihm so der Ertrag aus dem mehrmaligen Mähen entgeht, bekommt Bauer Geld vom Staat. Seit zwölf Jahren praktiziert der Dippersreuther das so und er scheint zufrieden damit. „Das Heu von meiner Mahd kann ich immerhin für Pferde verwenden.“

Kleine Paradiese

Cornelia Straubinger ist begeistert von der Vielfalt der Pflanzen und Blumen auf der knapp ein Hektar großen Wiese von Albert Bauer. „Hier wächst und gedeiht es wie vor 30, 40 Jahren. Grasnelken, Glockenblumen, Margeriten, Teufelskralle, Hornklee.“

Der Mensch hat früher durch Nutzung von Wiesen als Weideland und Heufläche kleine Paradiese geschaffen. Die Mager-, Fett- und Feuchtwiesen wurden so zu einem Lebensraum für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. All das haben die Landwirte früher – wenn auch meist gezwungenermaßen – freiwillig gemacht. Heute gibt es Ausgleichszahlungen vom Staat.

Infos zum Angebot der Wildlebensraumberatung gibt es beim AELF Tirschenreuth-Weiden, unter www.lfl.bayern.de/wildlebensraum oder bei Johann Schmidkonz, Telefon 09631/7988-1223.

Deine Meinung? Hier kommentieren!

* Diese Felder sind erforderlich.